
GENTLE GIANT – Playing The Fool – The Complete Live Experience
1977/2025 (Chrysalis Catalogue) - Stil: Progressive Rock
GENTLE GIANT waren schon zu ihren Lebzeiten eine echte Ausnahmeerscheinung des Progressive Rock, doch ´Playing The Fool´ präsentiert die Gruppe im Jahre 1977 auf dem absoluten Höhepunkt ihrer Live-Kunst. Sie verknüpften spielerisch und technisch überragend Genauigkeit und Improvisationskraft. Die fünf Musiker entwickelten eine Form von Rockmusik, die sich auch unter Live-Bedingungen jeder einfachen Kategorisierung entzog: Derek Shulman als charismatischer Frontmann, Sänger, Saxophonist und gelegentlicher Bassist, Ray Shulman am Bass, an der Violine und an weiteren Instrumenten, Kerry Minnear an Keyboards und Percussion, Gary Green an den Gitarren sowie John Weathers am Schlagzeug.
GENTLE GIANT trugen keine akademischen Fingerübungen und keine reinen Künste zur Schau. Das war lebendige Musik. Getragen von Neugier, Witz und unbedingtem Zusammenspiel waren sie bereits dem Grunde nach keine gewöhnliche Rockformation. Sie waren ein Ensemble aus Multiinstrumentalisten, das klassische Kompositionstechniken, Folk, Jazz und Blues zu einer unverwechselbaren eigenen Sprache des Rock verband.
Bis 1977 hatten GENTLE GIANT bereits eine außergewöhnliche Bandgeschichte hinter sich. Aus der Londoner Szene der späten Sechziger hervorgegangen, formierte sich die Gruppe bewusst gegen alle Strömungen des Mainstreams. Kerry Minnears klassischer Hintergrund an der “Royal Academy of Music” prägte die komplexen, oft polyphonen Arrangements, während Ray Shulmans Violinspiel und bewegliche Basslinien der Musik eine fast kammermusikalische Tiefe verliehen. Gary Green brachte erdigen Blues, Rock und eine raue Direktheit in das Geflecht, John Weathers sorgte für rhythmische Präzision und Elastizität, ohne je mechanisch zu wirken. Und Derek Shulman war weit mehr als nur Sänger: Er führte durch die Konzerte, kommentierte, scherzte, erklärte, baute Brücken zwischen Band und Publikum – und machte selbst hochkomplexe Strukturen zu einem zugänglichen Erlebnis.

Die Tournee, aus der ´Playing The Fool´ hervorging, war kein routinierter Ablauf, sondern ein permanenter Ausnahmezustand. Die Band spielte in verschiedenen europäischen Städten, jede Bühne mit eigener Akustik, jedes Publikum mit eigener Dynamik. Die Aufnahmen entstanden an vier unterschiedlichen Orten, mit mobilem Studio, Bandmaschinen außerhalb der Hallen und regelmäßigen Unterbrechungen zum Wechseln der Tonbänder. Derek Shulman kündigt diese Pausen offen an, das Publikum reagiert gelassen, fast vertraut. Genau diese Offenheit ist Teil des Zaubers dieses Albums: Man hört keine glattpolierte Live-Illusion, sondern einen echten Konzertabend – mit kleinen Brüchen, spontanen Momenten und einer Nähe, wie sie nur live entstehen kann.

Die Songs auf ´Playing The Fool´ entfalten diese Qualitäten mit überwältigender Präsenz. ´Just The Same´ eröffnet das Set mit federnder Energie und präzisem Groove. Bass und Schlagzeug verzahnen sich mühelos, während Gitarre und Keyboards die harmonischen Räume öffnen. ´Proclamation´ folgt als kraftvolles Manifest, rhythmisch verschachtelt, mit scharf konturierten Gesangslinien und abrupten Dynamikwechseln, die live eine enorme Spannung erzeugen. Man hört, wie aufmerksam die Band agiert, selbst dort, wo improvisiert wird.
´On Reflection´ zeigt eine andere, fast intime Seite von GENTLE GIANT. Der mehrstimmige A-cappella-Gesang entfaltet sich ruhig und konzentriert, bevor die Instrumente das Stück in fließende Bewegungen überführen. Hier wird eindrucksvoll hörbar, wie selbstverständlich die Band Stimmen als gleichwertige Instrumente einsetzte. ´Excerpts From Octopus´ wirkt live äußerst facettenreich: kurze Motive, schnelle Wechsel, präzise Übergänge – ein verdichteter Überblick über die kreative Bandbreite dieser außergewöhnlichen Gruppe. Aus diesem Medley stechen ´Knots´ und ´The Advent Of Panurge´ hervor. Ersterer ist ein atemloser Parforceritt aus verschachtelten Gesangslinien und rhythmischen Brüchen – technisch brillant, aber stets lebendig und voller Energie. Letzterer vereint melodische Zugänglichkeit mit komplexer Struktur und zeigt, wie mühelos GENTLE GIANT Kopf und Körper zugleich ansprechen konnten.
Ein zentraler Moment des Albums ist Ray Shulmans ausgedehntes Violinensolo. Ursprünglich nicht auf der Ur-Veröffentlichung enthalten, war es live eines der Highlights der Tournee. Ray tritt nach vorne, die Violine wird durch das Quadrophonie-System in den Raum projiziert, Linien kreisen, überlagern sich, verdichten sich. Das Publikum reagiert unmittelbar, und man spürt, dass hier keine Virtuosität um ihrer selbst willen zelebriert wird, sondern ein intensiver Dialog zwischen Musiker, Raum und Zuhörern entsteht.
´Free Hand´ verbindet jazzige Harmonien mit federnden Rhythmen und einer spielerischen Leichtigkeit, die live noch unmittelbarer wirkt als im Studio. Doch auch unvorhergesehene Situationen bleiben erhalten. In Brüssel fällt Kerry Minnears Keyboard aus, Spannung liegt in der Luft – doch statt abzubrechen, improvisieren Ray Shulman, Gary Green und John Weathers spontan ´Sweet Georgia Brown´. Violine, akustische Gitarre und leise getappte Snare genügen, das Publikum jubelt, und als John Weathers am Ende zwei Takte zu viel spielt, bleibt auch das im Mitschnitt. Solche Momente verleihen ´Playing The Fool´ seine Wärme, seinen Humor und seine Authentizität.

Die neue Ausgabe aus dem Jahre 2025 als dreifache LP bringt dieses Konzerterlebnis erstmals vollständig und ungekürzt auf Vinyl. Die komplette Setlist, die Ansagen, die Übergänge, die Atmosphäre – alles ist präsent. Man hört das Publikum, spürt die Nähe, erlebt die Band in ihrer ganzen Spielfreude. Denn diese Veröffentlichung ist ein lebendiges Zeugnis einer Band, die live ihre höchste Ausdrucksform erreichte.
´Playing The Fool: The Complete Live Experience´ ist eines der großen Live-Alben des Progressive Rock. Es erbringt obendrein den Beweis, dass sich musikalische Komplexität, Humor und Spielfreude nicht ausschließen, sondern gegenseitig verstärken. In der aktuellen 3LP-Fassung entfalten sich GENTLE GIANT genau so, wie sie auf der Bühne waren, konzentriert, verspielt, kompromisslos und zutiefst menschlich.
Klassiker.



