
PINK FLOYD – Wish You Were Here
1975/2025 (Pink Floyd Records) - Stil: Progressive Rock
´Wish You Were Here´ ist ein Album, das die Essenz von PINK FLOYD in den Jahren 1974/75 dokumentiert – ein präzises Zusammenspiel aus emotionaler Tiefe, experimenteller Produktion und meisterhafter Instrumentierung. Die Aufnahmen fanden hauptsächlich in den “Abbey Road Studios” statt, mit einigen Sessions in den “AIR Studios” von London. James Guthrie und die Band arbeiteten intensiv an den Abmischungen, wobei der Einsatz von Mehrspuraufnahmen, Overdubs und Synthesizertexturen bereits damals höchstes audiophiles Niveau erreichte. Die Produktion setzte auf Klarheit und Raum zwischen den Instrumenten, sodass jedes Detail, von den leisesten Percussion-Akzenten bis zum subtil modulierten Synth-Signal, hörbar wurde. Richard Wrights Keyboards wurden über analoge Filter und modulierte Hallgeräte aufgenommen, David Gilmours Gitarren durch verschiedene Mikrofone und Verstärkerkonfigurationen direkt in die Mischpulte eingefangen, Nick Mason nutzte kombinierte akustische und elektronische Schlagzeugabnahmen, während Roger Waters’ Bass mit direktem Anschluss und Mikrofonaufnahmen gleichzeitig aufgenommen wurde, um Tiefe und Druck zu erzeugen.
Ein besonders emotionaler Moment während der Aufnahmen war der Besuch von Syd Barrett im Studio. Die Band, die ihn seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, erkannte ihn zunächst kaum wieder, so stark hatten sich Aussehen und Ausstrahlung verändert. Syd Barrett saß still neben David Gilmour, während die ersten Töne von ´Shine On You Crazy Diamond´ aufgenommen wurden, und obwohl keine Worte nötig waren, durchdrang seine Anwesenheit jede Note, jede Nuance der Performance. Diese Begegnung verlieh der Komposition die Mischung aus Melancholie, Bewunderung und stiller Traurigkeit, die man bis heute in jedem Akkord spüren kann. Roger Waters formulierte seine Texte teils direkt als Reaktion auf diese Begegnung, die Erinnerung an Syd Barrett floss in jede lyrische Zeile ein.
Das Artwork der Original-LP war ein weiterer Ausdruck dieser Ambivalenz aus Nähe und Ferne, Licht und Schatten. “Hipgnosis”, unter der Leitung von Storm Thorgerson, entwickelte die ikonische Gestaltung mit schwarzer Shrink-Wrap-Hülle und dem verblassenden Mann im Feuer, die eine subtile, fast greifbare Symbolik für Abwesenheit und Vergänglichkeit trug. Schon vor 50 Jahren war diese Gestaltung mehr als ein Cover: Sie war Teil des Gesamterlebnisses, das die Hörer in eine andere Sphäre führte.

1975: Wir sitzen auf einer Wiese vor den “Abbey Road Studios“, der Rauch hängt in der Abendluft, und wir starren in den Sternenhimmel. Alles um uns herum ist still – bis ein einzelner Ton die Nacht durchbricht. Ein G-Moll-Akkord, schwebend, geheimnisvoll, gewebt aus Richard Wrights Synthesizer, Hammond-Orgel und diesem seltsamen „Wine Glass Harp“-Sound aus einem alten Experiment. Wir tauschen einen Blick aus. Ja, das hier ist kein gewöhnlicher Song.
´Shine On You Crazy Diamond´ beginnt. Langsam steigen Richard Wrights Minimoog-Passagen auf, flirren wie Lichtreflexe auf Wasser, und dann setzt David Gilmours Stratocaster ein. Langgezogen, bluesig, hallend – jeder Ton trägt sein Vibrato in die Luft um uns herum. Wir spüren das Herz des Songs schlagen, als “Syd’s Theme” erklingt, vier Töne, die sich wie ein Puls durch die Nacht ziehen.
Nick Masons präzise Beckenschläge setzen ein, Roger Waters’ Bass pulsiert darunter wie ein stiller Pulsschlag. Die Spannung steigt, als David Gilmour sein erstes Gitarrensolo entfaltet, Richard Wright übernimmt wieder am Minimoog, und schließlich zerschneidet David Gilmours drittes Gitarrensolo die Luft.
Dann scheinen endlich Roger Waters’ Vocals hervor, getragen von den sanften Harmonien von David Gilmour und Richard Wright und den Backing-Vocals von Venetta Fields und Carlena Williams, die subtil im Panorama schweben. Zwei Gitarren weben Arpeggio-Variationen des Hauptthemas, während Dick Parrys Saxophon die Szene veredelt – erst Bariton, dann Tenor. Richard Wrights Solina-Strings umhüllen alles, und ein maschinenartiges Summen mischt sich mit musique concrète in den Klangteppich. Wir lehnen uns zurück, die Wiese unter uns fühlt sich plötzlich wie ein Resonanzraum an. Alles verschmilzt zu einem Klang, der größer ist als wir selbst. Jeder Ton erzählt von Verlust, Sehnsucht, Erinnerung – und wir sind mitten drin, Teil dieser Magie.
Kaum hat ´Shine On You Crazy Diamond´ geendet, ändert sich die Luft um uns herum. ´Welcome To The Machine´ beginnt. Ein mechanischer Basslauf von Roger Waters pulsiert trocken, präzise, fast maschinell, als würde jeder Ton von einem unsichtbaren Zahnrad gesteuert. Über allem liegt David Gilmours akustische Gitarre, rhythmisch und abgehackt. Richard Wrights Synthesizer bauen unheimliche Cluster, modulierend, vibrierend, wie ein elektronisches Flüstern in der Nacht.
Die Vocals von Roger Waters treten hervor – frontal, leicht verzerrt, kühl, zynisch, als würde die Stimme selbst Teil der Maschine werden. Doch trotz all dieser Kälte webt der Mix Wärme ein: subtile Keyboards, die Basslinie, kleine Akzente verhindern, dass die Maschine zu steril wirkt. Alles klingt präzise, unbarmherzig, aber gleichzeitig lebendig – eine Maschine, die atmet. Als das Stück sich dem Ende neigt, zieht die Maschine langsam ihre Kraft zurück. Die Nacht vibriert. Stille. Die Nacht atmet.
Plötzlich erklingt ´Have A Cigar´. Ein schwebendes Gitarrenriff von David Gilmour setzt ein, aufgenommen über einen reflektierenden Raum, sodass ein leichter Hall entsteht. Richard Wright ergänzt mit E-Piano und Synthesizern, die sich wie schimmernde Schichten mit der Gitarre verweben. Dann tritt Roy Harper ein, seine Stimme leicht komprimiert. Die Gitarrensoli von David Gilmour schweben darüber wie kleine Feuerwerke. Die Instrumente pulsieren, ehe sie sich mit einem Zisch zurückziehen. Allein die Gitarre bleibt, bevor auch sie im Abendlicht verschwimmt. Wir wissen, dass wir gerade Zeugen eines Meisterwerks geworden sind, das verspielt, ironisch und tiefgründig zugleich ist.
Sogleich kündigt sich ´Wish You Were Here´ an. Die akustischen Gitarren von David Gilmour erklingen, Nylon- und Steelstring, jeder Akkord mikrofonfein eingefangen. Richard Wright ergänzt Rhodes-Piano und Synths, Nick Mason schlägt sparsam und Roger Waters’ Bass zieht sich warm durch den Raum. Zusätzlich setzen David Gilmours Vocals ein – direkt, luftig und verletzlich. Dazu schweben zarte Pedal-Steel-Elemente und verleihen subtile Farbtöne. Alles wirkt ausgewogen, leicht, fragil, und doch stark genug, um in der Stille nachzuhallen.
Dann folgt die zweite Hälfte von ´Shine On You Crazy Diamond´. Ein Wind aus dem Ende von ´Wish You Were Here´ weht herüber. Zwei Bassnoten setzen in fünfsekündigen Intervallen ein, David Gilmour tritt mit einem Bass-Riff auf, Roger Waters fügt einen zweiten Bass hinzu. Richard Wrights Synthesizer legen sphärische Teppiche, bevor David Gilmour zu einem Lap-Steel-Gitarrensolo ansetzt. Unterstützt von den Harmonien eines David Gilmour und Richard Wright, einer Venetta Fields und Carlena Williams, finden die Vocals von Roger Waters zur bekannten Melodie zurück. Hernach treiben funkige Rhythmen die Szenerie an, in der ein langer Keyboardton von Richard Wrights Minimoog aufschwebt. Ein langsamer Beerdigungsmarsch fungiert in den letzten Minuten als musikalischer Abschied von Syd Barrett. Die Keyboards dominieren, David Gilmour tritt zurück, Nick Mason spielt sanft die Drums, Roger Waters’ Bass hält den Herzschlag. Zum Schluss erklingt ein kurzer Keyboard-Part von ´See Emily Play´, ein leises Flüstern aus der Vergangenheit.
Die Wiese ist still. Nur der Nachhall bleibt, schwer, melancholisch, und doch erfüllt von Schönheit. Wir liegen da, die Sterne über der “Abbey Road” leuchten, und wissen: wir haben das Ende eines Meisterwerks erlebt, das Abschied und Erinnerung zugleich ist.

Die 50th-Anniversary-Edition in der 3-LP-Ausgabe spiegelt die akribische Produktionsarbeit der Originalaufnahmen nicht nur wider, sie erweitert sie auf eine Weise, die das gesamte Floyd-Universum jener Tage erfahrbar macht. Jede Note, jedes kleine Geräusch ist hörbar und bewusst in Szene gesetzt: das leichte Streichen über die Gitarrensaiten von David Gilmour, das sanfte Schwingen der Keys von Richard Wright, das subtile Rattern von Roger Waters’ Bass, Nick Masons filigrane Akzente auf den Becken, alles ist klar definiert, ohne dabei künstlich zu wirken. Die Remastering-Arbeit legt Schicht für Schicht frei, sodass man die minutiöse Arbeit im Studio nachvollziehen kann, wie die Band über Wochen hinweg Akkorde, Riffs und Percussion-Spuren verfeinerte, bis jede Note an ihrem Platz saß. Die lange Version von ´Shine On You Crazy Diamond´ liegt nun erstmals ununterbrochen vor und entführt in einen ungebrochenen Fluss von Melodie, Rhythmus und harmonischer Fülle, genau so, wie David Gilmour und Roger Waters es ursprünglich geplant hatten.
Das Hardcover-Buch und die LP-Hüllen tragen Reproduktionen der originalen “Hipgnosis”-Fotografien und Illustrationen und dokumentieren jeden Schritt des Entstehungsprozesses, von den ersten Skizzen über Syd Barretts berührenden Besuch im Studio bis hin zu den abschließenden Mixen. Gleichzeitig zeigen die Bonus-Tracks, wie sehr die Band in dieser Zeit experimentierte und komponierte: ´Wine Glasses´ entfaltet als kurzer, fragiler Soundteppich Momente aus ´Shine On You Crazy Diamond´s Intro, während die ´Have A Cigar (Alternate Version)´ mit Roger Waters’ eigenem Gesang neue Nuancen der bissigen Gesellschaftssatire aufzeigt. Die Version von ´Wish You Were Here´ mit Stéphane Grappelli verschiebt das Stück in einen jazzigen Kontext, in dem die Geige David Gilmours Akustikgitarre elegant ergänzt.
Besonders eindrucksvoll sind die bisher unveröffentlichten Demos und Instrumentalversionen, die die Evolution der Songs wie durch ein Mikroskop zeigen: ´Shine On You Crazy Diamond (Early Instrumental Version, Rough Mix)´ legt die ursprünglichen Ideen frei, bei denen die Texturen von Synthesizern, Gitarren und Schlagzeug noch in roher, ungeschliffener Form vorhanden sind, aber bereits die emotionale Wucht des finalen Stücks erahnen lassen. Roger Waters’ frühe Demo-Aufnahmen von ´The Machine Song´ vermitteln, wie sich der monotone, mechanische Charakter in die endgültige Version formte, und die überarbeitete zweite Demo-Version bringt die Synth- und Rhythmus-Elemente klarer zum Vorschein. ´Wish You Were Here (Take 1)´ erlaubt einen Blick auf die erste, intime Interpretation des Songs, während die Pedal Steel Instrumental Mix-Version die melancholische Tiefe der Melodien auf neue Weise beleuchtet. Schließlich liefert die ´Shine On You Crazy Diamond (Parts 1–9, New Stereo Mix)´-Version ein Panorama des Stücks in seiner vollständigen Länge und Struktur, wie es David Gilmour und Roger Waters schon beim ersten Entwurf vor Augen hatten, jede Steigerung und jeden Übergang perfekt arrangiert.

Mit diesen Aufnahmen wird die 50th-Anniversary-Edition zu mehr als einem Remaster: Sie erlaubt, das gesamte Floyd-Universum jener Schaffensphase zu durchwandern, jede Idee, jede Variation und jede Aufnahme zu erleben, die die Band damals zusammenführte, um ein Album zu schaffen, das zeitlos und zugleich unvergleichlich ist. Die 3-LP-Ausgabe wird so zu einem Erlebnis, das sowohl die Perfektion der Originalaufnahmen als auch die kreative Freiheit und Experimentierfreude von PINK FLOYD auf höchstem Niveau sichtbar und hörbar macht. Mit jedem Ton, den man auf dieser Edition hört, spürt man die Sorgfalt, die in der Produktion steckt, das Feingefühl beim Abmischen, die Präzision in der Aufnahme von Instrumenten, Stimmen und Effekten. ´Wish You Were Here´ bleibt eine Referenz für progressives Rock-Schaffen, eine Verschmelzung von technischer Meisterschaft, musikalischer Intuition und tiefem emotionalen Ausdruck, die in der 50th-Anniversary-Ausgabe in ihrer ganzen Dimension erlebbar wird.
Neben den audiophilen Schätzen der 3-LP-Ausgabe bietet die 50th-Anniversary-Kollektion eine kuriose Bandbreite an Merchandising, von T-Shirts mit „The Machine Creature“ über Taschen wie das „WYWH Robot Hands Backpack“ bis hin zu limitierten Schreibwaren-Sets, Kaffeetassen, Kerzen und Zierkissen. Wer es richtig extravagant mag, findet sogar ein „Welcome to the Machine Multi Tool“, nachfüllbare Feuerzeuge und einen dekorativen Jubiläums-Feuerlöscher – PINK FLYOD in allen Formen, Größen und Farben, die man sich vorstellen kann.
(Klassiker)



