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GERRY MULLIGAN and THELONIOUS MONK – Mulligan Meets Monk

1957/2025 (Craft Recordings) - Stil: Jazz

Auf diesem Album treffen Gerry Mulligan und Thelonious Monk aufeinander, zwei Giganten des modernen Jazz. Mulligan, eleganter Architekt des West Coast-Cool Jazz, und Monk, eigenwilliger Meister des bebop-geprägten New Yorker Jazz, stehen für zwei prägende Strömungen des Nachkriegsjazz.

Gerry Mulligan, dessen Baritonsaxophon bereits in den späten vierziger Jahren bei den Capitol-Aufnahmen zum späteren „Birth of the Cool“ eine zentrale Rolle spielte, steht für melodische Klarheit, entspannte Spannung und eine offene, luftige Spielweise.

Thelonious Monk hingegen formte in denselben Jahren, in den Nächten von Minton’s Playhouse, eine musikalische Sprache, die den Bebop von Grund auf definierte: schroffe Harmonien, verschobene Akzente und eine kompromisslos eigenständige Vorstellung von Struktur.

Dass diese beiden Persönlichkeiten nicht nur gegenseitigen Respekt, sondern auch eine langjährige persönliche Verbundenheit teilten, hört man jeder Minute von ´Mulligan Meets Monk´ an. Das Album, 1957 für „Riverside Records“ aufgenommen, wirkt nicht wie ein kalkuliertes Prestigeprojekt, sondern wie das Ergebnis zweier Abende, an denen sich musikalische Neugier und Erfahrung ungehindert entfalten konnten. Ursprünglich größer gedacht, entschieden sich Gerry Mulligan und Thelonious Monk nach der ersten Session bewusst für die intime Quartettbesetzung – eine Entscheidung, die dem Album seine konzentrierte Kraft verleiht.

Die Neuauflage von ´Mulligan Meets Monk´ zum Record Store Day 2025 präsentiert diese Begegnung in ihrer ursprünglichen Monoform, auf schwerem Vinyl, direkt von den Originalbändern geschnitten. Schon beim ersten Ton wird klar, wie geschlossen diese Version wirkt. Gerry Mulligans Bariton steht mit voller Präsenz im Klangbild, während Thelonious Monks Klavier kantig und klar artikuliert erscheint. Wilbur Ware am Kontrabass und Shadow Wilson am Schlagzeug liefern ein festes, unaufdringliches Fundament, das den beiden Solisten Halt gibt, ohne sich je in den Vordergrund zu drängen.

´Round Midnight´ eröffnet das Album mit einer Interpretation, die den bekannten Standard aus einem neuen Blickwinkel zeigt. Thelonious Monk legt die Melodie mit seiner typischen Eigenwilligkeit an, während Gerry Mulligan sie aufnimmt und mit ruhigem Nachdruck formt. Die Spannung zwischen Thelonious Monks scharf geschnittenen Akkorden und Gerry Mulligans fließender Linienführung verleiht dem Stück über acht Minuten eine stille Intensität, die den Song zugleich vertraut und überraschend erscheinen lässt.

´Rhythm-a-Ning´ bringt Bewegung ins Spiel. Thelonious Monk treibt das Stück mit versetzten Akkordfiguren voran, die sich leicht schief anfühlen, während Gerry Mulligan die melodische Richtung hält. Es swingt kraftvoll, aber mit einer permanenten Unruhe, die den Reiz ausmacht. Hier wird deutlich, wie sich Cool Jazz und Bebop nicht widersprechen, sondern gegenseitig befeuern.

Mit ´Sweet And Lovely´ öffnet sich das Album über sieben Minuten für einen weicheren Ton. Gerry Mulligans Bariton entfaltet eine warme, geschmeidige Präsenz, die Thelonious Monk mit sparsamen, pointierten Einwürfen begleitet. Das Stück wirkt entspannt, aber nie beiläufig. ´Decidedly´, Gerry Mulligans eigene Komposition, fügt sich nahtlos an. Sie wirkt leichtfüßig und offen, bietet Thelonious Monk Raum für unerwartete Akzente, ohne den Fluss zu unterbrechen.

´Straight, No Chaser´ zeigt Thelonious Monk in seinem Element. Der Blues wirkt kantig, direkt und voller Energie. Gerry Mulligan antwortet mit kraftvollen Bögen, hält die Form zusammen und verleiht dem Stück eine erdige Stabilität, sieben Minuten lang getragen von der souveränen Arbeit von Wilbur Ware und Shadow Wilson. Den Abschluss bildet ´I Mean You´, verspielt und verschmitzt. Thelonious Monk setzt seine Harmonien pointiert ein, Gerry Mulligan reagiert mit Gelassenheit und Witz, als würden beide ein vertrautes Spiel spielen, dessen Regeln sie jederzeit neu definieren können.

Diese Monoaufnahme vermittelt eine Geschlossenheit, die den Charakter der Sessions unmittelbar transportiert. Die Instrumente stehen gleichberechtigt nebeneinander, nichts drängt sich auf, alles greift ineinander. Man hört nicht nur zwei große Musiker, sondern vier, die gemeinsam eine Idee verfolgen. ´Mulligan Meets Monk´ ist der Beweis, dass unterschiedliche ästhetische Ansätze sich nicht neutralisieren, sondern vertiefen können.

Diese Wiederveröffentlichung zum Record Store Day 2025 macht das Album in seiner überzeugendsten und überraschend hochwertigen audiophilen Form zugänglich. Kraftvoll und unmittelbar zeigt sie eine Begegnung, die nicht auf Effekte setzt, sondern auf Substanz. Gerry Mulligan und Thelonious Monk begegnen sich hier auf Augenhöhe, und mit spürbarer Freude am gemeinsamen Spiel. Ein Album, das Jazzgeschichte geschrieben hat, ohne sich je wichtig zu machen – und gerade deshalb bis heute fasziniert.

(Klassiker)

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https://www.facebook.com/theloniousmonk

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