
THERAPY? – Infernal Love
1995 (A&M Records) - Stil: Alternative Rock/Metal
30th Anniversary
Mit ´Infernal Love´ gingen THERAPY? bewusst einen anderen Weg. Nach dem massiven Erfolg von ´Troublegum´ hätte ein ähnlicher Nachfolger die Erwartungen von Fans und Industrie erfüllt, doch Andrew James Cairns, Fyfe Ewing und Michael McKeegan entschieden sich für ein Album, das offen, abwechslungsreich und direkt ist. Die Songs bauen auf rohe Energie, prägnante Melodien und Atmosphäre – weniger auf schnelle Attacken, mehr auf das, was die Musik selbst trägt.
Der Einstieg mit ´Epilepsy´ ist schnell, scharfkantig und treibend. Die Gitarren quietschen und knarzen, der Bass rollt hart, die Drums knallen direkt ins Gesicht, und trotzdem bleibt alles kontrolliert höllisch. ´Stories´ verschiebt das Tempo in den Midrange-Bereich, groovt mit einem leicht melancholischen Unterton und zeigt, wie THERAPY? Melodie und Rhythmus miteinander verschränken, während Andrew James Cairns zwischen nüchterner Direktheit und subtilen Nuancen singt.
Mit ´A Moment Of Clarity´ beruhigt sich das Album, die Instrumente treten zurück, Piano und Cello eröffnen einen zerbrechlichen Raum, bevor die Gitarren sich wieder in den Vordergrund schieben und die Intensität Stück für Stück wächst. ´Jude The Obscene´ bleibt kompakt, rockig und melancholisch, während ´Bowels Of Love´ reduziert, intim und verletzlich wirkt. Auch ´Misery´ ist langsamer und schwerer, dabei melodisch und eindringlich, die Gitarren klar, Andrew James Cairns’ Stimme resignativ und emotional aufgeladen.
´Bad Mother´ wirkt im Mittelfeld leichtfüßig, steigert sich aber kontinuierlich und spiegelt die Ambivalenz von Text und Musik. ´Me Vs You´ drückt durch tiefe Celli und knarzende Gitarren eine dunkle Schwere aus, die Andrew James Cairns’ Stimme zwischen Wut und Verletzlichkeit schweben lässt. ´Loose´ öffnet kurz einen poppig-frischen Moment, schnell und eingängig, ein Kontrast zu den vorherigen, intensiven Tracks. Dann schlägt ´Diane´ ein: das HÜSKER DÜ-Cover reduziert auf Stimme und Streicher, wirkt klaustrophobisch, eindringlich und emotional zerstörerisch. Der Abschluss mit ´30 Seconds´ verbindet Vorwärtsdrang mit Nachdenklichkeit, fasst das Erlebte zusammen und setzt einen kraftvollen Schlusspunkt.
Die von David Holmes produzierten Übergänge zwischen den Songs wirken unaufdringlich, sie verbinden das Album zu einem flüssigen Ganzen, ohne dass die individuelle Wirkung der Stücke verloren geht. In den „Real World Studios“ aufgenommen, bleibt ´Infernal Love´ transparent und klar, voller Energie, Raum und Charakter. Jeder Song entfaltet sich eigenständig und doch harmonisch in der Gesamtarchitektur.
Heute zeigt sich, dass gerade diese Abkehr vom Erwartbaren den bleibenden Wert des Albums ausmacht. Viele damals kritisch betrachtete Tracks sind heute zentrale Bezugspunkte im Werk von THERAPY?, weil sie Offenheit, Verletzlichkeit und künstlerische Konsequenz zeigen, die selten erreicht wird. ´Infernal Love´ belohnt Geduld und wiederholtes Hören, öffnet Nuancen, Stimmungen, Schmerz, Schönheit und Intimität. Es ist ein Album, das sich seiner Zeit widersetzt, sich nicht anbiedert und trotzdem Bestand hat.
´Infernal Love´ ist ein Album, das roh und direkt bleibt, ohne dabei seine Atmosphäre oder Tiefe zu verlieren, das den Geist der 90er in jeder Note spürbar macht – und ein Album, das man wieder auflegen und aufdrehen muss, um zu merken, wie verdammt geil diese krassen Zeiten klangen.
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