
MYRATH aus Tunesien tragen seit über zwei Jahrzehnten ihre Mischung aus Progressive Metal und orientalischem Klanggefühl auf die großen Bühnen. Gegründet von Gitarrist Malek Ben Arbia, damals kaum aus den Kinderschuhen entwachsen, hat sich die Band Schritt für Schritt aus der lokalen Szene befreit und zu einer internationalen Größe entwickelt, die längst viel mehr als nur eine exotische Fußnote in der Heavy Metal-Welt darstellt. Mit ´Reflections´ legen sie nun ihr erstes Best-of vor.
Schon der Opener ´Believer´ (vom 2016er Studioalbum ´Legacy´) bietet hymnische Energie, orientalische Verzierungen, scharfkantige Riffs und die unverwechselbare Stimme von Zaher Zorgati. ´Merciless Times´ (vom 2011er ´Tales Of The Sands´) folgt mit düsterer Dramatik – ein Stück, das soziale Spannungen spürbar macht und dennoch voller Melodieglanz erstrahlt. ´Beyond The Stars´ (ebenfalls vom 2011er ´Tales Of The Sands´) entführt in eine andere Welt, in der bei fast mystischem Schweben orientalische Tonleitern und progressives Gitarrenspiel ineinandergreifen.
Direkt danach packt ´Born To Survive´ (vom 2019er ´Shehili´) härter, kämpferischer und mit stampfendem Rhythmus zu, sowie mit einem Refrain, der sich tief eingräbt. Ein starker Moment ist natürlich auch ´Get Your Freedom Back´ (´Legacy´, 2016), ein Song über Freiheit, getragen von einem wütenden Groove und dennoch durchzogen von Hoffnung. ´Nobody Lives´ (ebenfalls ´Legacy´, 2016) dagegen zeigt die melancholische Seite der Band, ein Stück, das sich wie ein Sturm am Horizont aufbaut.
Mit ´Into The Light´ (vom 2024er Album ´Karma´) wird es wieder strahlender, bevor ´Dance´ (vom 2019er ´Shehili´) als emotionales Herzstück aufleuchtet. Basierend auf der Geschichte des syrischen Tänzers Ahmad Joudeh, der sich dem Terror nicht beugte, ist dieser Song pure Widerstandskraft in Klang gegossen. ´Endure The Silence´ (´Legacy´, 2016) geht dann nochmal tief ins Atmosphärische, fast wie ein epischer Filmsoundtrack. ´Candles Cry´ (vom aktuellen Album ´Karma´, 2024) hingegen ist direkt, voller Trauer und Wut.
´Duat´ (´Legacy´, 2016) und ´Wide Shut´ (´Tales Of The Sands´, 2011) bringen den Hörer mitten in mythische Klangwelten, steigern sich aber zu hymnischen Höhen. Mit ´Tales Of The Sands´ (Titeltrack von 2011) liefert die Band einen ihrer Klassiker. Den Abschluss markiert jedoch ´Madness (Live In Carthage)´ – ursprünglich auf ´Desert Call´ (2010) erschienen – in einer packenden Live-Version aus dem Amphitheater von Karthago. Ein würdiger Schlusspunkt.
´Reflections´ ist weit mehr als eine bloße Werkschau. Es ist eine wunderbare Reise durch MYRATHs Schaffen und ein neuerlicher Beweis für ihre Einzigartigkeit. Wer Progressive Metal liebt, wer Bombast und Emotionen sucht, wer neugierig auf die Verschmelzung von westlicher Härte und orientalischer Seele ist, für den ist dieses Album unverzichtbar.
Orient trifft Okzident – ein Best-of, das Grenzen sprengt.
Pic: Leo Margarit