Lebensverlängernde WerkeMeilensteine

SYSTEM OF A DOWN – Hypnotize

2005 (American Recordings) – Stil: Nu Metal/Alternative Metal/Art Rock

20th Anniversary


´Hypnotize´, das Zwillingsalbum zu ´Mezmerize´, erschien im November 2005, rund sechs Monate nach seinem Vorgänger – und obwohl ´Mezmerize´ bereits beeindruckte, gelingt es dem Album, noch eine Spur subtiler, präziser und gleichzeitig entfesselter zu wirken.

Es ist die zweite Hälfte eines Doppelalbums, das bewusst in zwei separate Teile aufgeteilt wurde – ein damals mutiger und experimenteller Schritt, der den Hörer dazu zwingt, jedem Albumabschnitt seine volle Aufmerksamkeit zu schenken und die Songs in ihrem eigenen narrativen und emotionalen Raum wirken zu lassen.

Musikalisch präsentiert sich das Album in der unverwechselbaren Handschrift von SYSTEM OF A DOWN: druckvolle, knirschende Gitarren, komplexe, dennoch lebendige Rhythmen und exzentrische, kaum vorhersehbare Gesangslinien.

Serj Tankian wechselt zwischen zartem Gesang und brachialem Schreien, wodurch die Songs eine Dynamik entfalten, die konventionelle Rockstrukturen mühelos sprengt. Daron Malakian tritt hier zunehmend als melodischer Gegenpol auf, seine Stimme hat sich in den Jahren nach ´Toxicity´ zu einem ernstzunehmenden instrumentalen Ausdrucksmittel entwickelt – fragile, beinahe zerbrechliche Linien, die Tankians Dramatik kontrastieren und erweitern. Zusammen weben sie einen Klangteppich, der sowohl roh als auch raffiniert wirkt.

Die Albumstruktur ist ein Kunstgriff: zwölf Songs, jeder um die vier Minuten, verdichten Ideen, die in anderen Kontexten ausufernde Prog Rock-Suiten gebildet hätten, zu rasanten, oft abrupten Wechseln.

Songs wie ´U-Fig´ oder das Finale ´Soldier Side´ entfalten dabei ein erzählerisches Momentum, das sich in ihrer Kürze kaum erschöpft. Man wünscht sich, sie würden länger dauern, und doch ist gerade diese straffe Form ein Markenzeichen der Band.

´Hypnotize´ balanciert dabei zwischen Extremen: politischer Kommentar und surreales Wortspiel, wütender Protest und zärtliche Melancholie. Songs wie ´Lonely Day´ zeigen, dass die Band mehr kann als Wut und Ironie: ein schlichtes, beinahe zerbrechliches Liebeslied, das tief in existenzielle Fragen eindringt, und in dem Malakians Stimme Tankians Intensität auf Augenhöhe begegnet.

Das Album ist dunkler, brodelnder und melodischer als sein Vorgänger, gleichzeitig unmittelbarer und zugänglicher, und es oszilliert zwischen latentem Machismo, verspielter Verrücktheit und subtiler Melancholie.

´Vicinity Of Obscenity´ etwa ist so absurd wie genial: ein sub-diskogetriebenes Chaos mit Texten, die von „terracotta pie“ bis zu grotesken Reimen reichen, und dennoch musikalisch präzise strukturiert.

´Holy Mountains´ dagegen entfaltet eine epische Schwere, die in ihrer Intensität jeden Hörer zwingt, innezuhalten und zuzuhören – mein absoluter Lieblingssong der Band überhaupt!

´Hypnotize´ rechtfertigt in seiner Geschlossenheit nicht nur seine Existenz als eigenständiges Album, sondern erweist sich im Zusammenspiel mit ´Mezmerize´ als essenzieller Teil eines monumentalen Gesamtwerks, das die gesamte Bandbreite von SYSTEM OF A DOWN abbildet: politische Dringlichkeit, musikalische Virtuosität, emotionale Intensität und überraschende Skurrillität.

Es ist ein Album, das zeitlos bleibt, weil es die Widersprüche des Menschseins reflektiert und gleichzeitig Klangräume eröffnet, die andere Bands nie zu betreten wagen. Wer heute SYSTEM OF A DOWN hören möchte, beginnt genau hier.

(Klassiker)

Favorites: ´Attack´, ´Dreaming´, ´Hypnotize´, ´Stealing Society´, ´Holy Mountain´

https://www.facebook.com/systemofadown


Pics:
System of a Down during a performance Wikimedia Common

System Of A Down @ Claremont Showgrounds (5 3 2012) Wikimedia Common

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