
ATSUKO CHIBA – Atsuko Chiba
2026 (Mothland/The Orchard) - Stil: Experimental Rock
Mit ´Atsuko Chiba´ erscheint das vierte Studioalbum der gleichnamigen Band ATSUKO CHIBA aus Montréal, und es markiert einen jener seltenen Momente, in denen eine Gruppe ihre eigene musikalische Ausrichtung neu sortiert. Die fünf Musiker Anthony Piazza, David Palumbo, Eric Schafhauser, Karim Lakhdar und Kevin McDonald arbeiten erneut als geschlossenes Kollektiv, diesmal jedoch in völliger Selbstregie.
Die Entstehung liegt einem offenen Studioprozess zugrunde, in dem freie Jams den Ausgangspunkt bilden. Genau aus dieser Methode, spontane Momente zu übernehmen, entsteht die besondere Spannung des Albums. Ergänzt wird dieser Ansatz durch eine stärkere Einbindung von Vocals, die hier eine tragende Säule sind, oft nah am gesprochenen Ausdruck, manchmal stark verfremdet, dann wieder klar im Vordergrund.
Diese Verbindung aus Eigenständigkeit und Konzeptarbeit zieht sich durch das neue Album, das sich in 32 Minuten konzentrierter Form entfaltet.
´Retention´ eröffnet das Werk mit einem leicht verschobenen Groove, der immer wieder aus der Balance gerät und sich in einem chorartigen Finale entlädt. ´Pretense´ arbeitet mit interessanten Gitarrenfiguren und einem trocken gehaltenen Schlagzeugspiel, das den Song fast mechanisch wirken lässt, während die Stimmen dagegen einen Gegenentwurf bilden. ´Future Ways´ entwickelt sich über einen stoischen Basslauf, über dem Synthesizer und Gitarren punktuell aufleuchten, ehe ein plötzlicher Bruch alles auf eine einzelne Klangspur reduziert, bevor der Rhythmus zurückkehrt.
´Tar Sands´ wirkt dunkler, schwerer und stärker rhythmisch verzahnt, mit einem schleppenden Grundgefühl, das sich langsam in eine fast tranceartige Wiederholung steigert. ´Torn´ bringt eine deutlich erzählerische Ebene ein, in der Identitätsverlust und selbst geschaffene Realitätsbilder musikalisch in sich zusammenbrechen. ´Locked And Array´ schließlich führt das Album in einen wärmeren, fast hymnischen Zustand.
Die musikalische Referenz reicht hörbar von CAN und BEAK> über TALK TALK bis zu PORTISHEAD, wobei ATSUKO CHIBA diese Einflüsse nicht zitieren, sondern in eine eigene, reduzierte Sprache überführen. Im Kontext der Bandgeschichte markiert dieses Album eine Verschiebung hin zu stärkerer Selbstbeobachtung. Wo sich frühere Werke länger und offener zeigten, lebt ´Atsuko Chiba´ von kürzeren Vorstellungen und einem bewussten Verzicht auf überflüssigen Ballast.
Abseits der Musik bleibt auch die physische Präsentation ein zentraler Bestandteil. Das Album erscheint 2026 als Vinyl-Veröffentlichung, begleitet von einem aufwendig gestalteten Diorama-Artwork von Papernoise Design und Elizabeth Busani, fotografiert von Ari Magnusson, das den konstruktiven Charakter des gesamten Projekts visuell weiterführt.
Am Ende steht ein Werk, das ATSUKO CHIBA als Band zeigt, die ihre eigene Arbeitsweise verfeinert hat, indem sie mehr Freiheit zulässt. Die Energie entsteht dabei aus der Kontrolle über das Weglassen, aus präzise gesetzten Momenten und einem klaren Bewusstsein für Form und Reduktion.
(8,5 Punkte)



