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MAGMA – Live

1975/2026 (Charly Records) - Stil: Zeuhl

Das Live-Dokument von MAGMA aus dem Jahr 1975, veröffentlicht unter wechselnden Titeln wie ´Live / Hhaï´ oder ´Köhntark´, wirkt bis heute wie ein unbegreiflicher Moment aus einer anderen musikalischen Sphäre. Aufgenommen in der Pariser “La Taverne de l’Olympia” zwischen dem 1. und 5. Juni 1975, zeigt es die Band in einer Phase der Neuordnung, unmittelbar nach internen Krisen und personellen Brüchen, die fast das Ende der Gruppe bedeutet hätten. Unter der Führung von Christian Vander formiert sich ein neues Line-up, das mit Musikern wie dem jungen Geiger Didier Lockwood, Gabriel Federow, Bernard Paganotti und weiteren Mitstreitern eine neue Intensität entfaltet, die weit über das hinausgeht, was klassische Rockkonzerte jener Zeit kannten.

Die Aufnahmen selbst wirken wie eine rituelle Ansammlung aus Klang und Erzählung, getragen von der kobaïanischen Mythologie, jener erfundenen Sprache und Welt, die seit dem Debüt von MAGMA als erzählerisches Fundament dient. Schon der eröffnende Block ´Köhntark (Part 1)´ und ´Köhntark (Part 2)´ entfaltet eine epische Rekonstruktion des Werkes ´Köhntarkösz´, das hier in einer roheren Form erscheint als in der Studiofassung. Die Musik folgt dem Weg eines Schatzsuchers, der in einer altägyptisch anmutenden Grabwelt auf ein verborgenes Wissen stößt, das Vergangenheit und spirituelle Erkenntnis miteinander verbindet. Gerade in dieser Live-Version gewinnt das Material, so wie es Christian Vander ursprünglich im Kopf hatte, eine fast ungebremste Wucht, die viele Hörer seither als die eigentlich gültige Version des Werkes empfinden.

Mit ´Kobah´, einer radikal neu interpretierten Fassung des frühen ´Kobaïa´, wird die Gründungsmythologie der Band direkt in den Live-Kontext übertragen. Die Vision einer Erde im Zerfall und einer Flucht in eine neue Zivilisation auf Kobaïa wird hier nicht als Rückblick erzählt, sondern als gegenwärtiger, fast beschwörender Akt. ´Lïhns´ bereitet anschließend einen deutlich reduzierteren, beinahe sakralen Moment, in dem zur Bewusstseinserweiterung die Reinigung des Geistes im Mittelpunkt steht, bevor sich mit ´Hhaï´ ein zentraler ritueller Höhepunkt entfaltet. Dieser in Trance komponierte Song, der als Beschwörung von Lebensenergie verstanden wird, trägt die Vorstellung einer kosmischen Kraft, die sich jenseits jeder irdischen Ordnung bewegt.

Im abschließenden ´Mëkanïk Zaïn´ aus dem Kosmos von ´Mekanïk Destruktïw Kommandöh´ kulminiert die gesamte Dramaturgie des Albums in einem langen, drängenden Abschnitt, der das prophetische Auftreten der Band in eine beinahe unerbittliche Konsequenz führt. Die Figur des Verkünders, die in der kobaïanischen Mythologie zwischen Erlösung und Untergang vermittelt, wird hier in der musikalischen Umsetzung bis an die Grenzen des physisch Spielbaren ausgereizt.

Die Besetzung dieser Phase, insbesondere die Anwesenheit des jungen Didier Lockwood, verleiht dem Material eine zusätzliche Dynamik. Sein Spiel wurde später zu einem Schlüsselmoment seiner Karriere, da dieses Album seine Position als einer der wichtigsten europäischen Jazz- und Fusion-Geiger begründete.

Historisch betrachtet steht dieses Live-Dokument an einem Punkt, an dem MAGMA sich neu erfinden und zugleich ihr eigenes musikalisches Fundament als Legende zementieren. Die Aufnahmen sind daher mehr als ein gewöhnlicher Konzertmitschnitt, sie sind die Live-Vorstellung einer eigenen Welt, in der Musik, Sprache und Mythologie miteinander verschmelzen. Der oft zitierte Satz aus den Linernotes, dass MAGMAs Musik wie ein Spiegel sei, in dem jeder Hörer sich selbst erkennt, trifft hier in besonderer Weise zu, da die radikale Konsequenz dieser Aufführung den Hörer unmittelbar in seine eigene Sichtweise zwingt.

Im Rückblick markiert dieses Album einen Höhepunkt der Zeuhl-Ästhetik, jener von MAGMA geprägten Stilrichtung, die Jazz, Rock, Oper und rituelle Struktur in eine eigene Sprache überführt. Aus der Energie dieser fünf Konzertabende entstand ein Werk, das in all seinen Facetten bis heute einzigartig geblieben ist.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/zeuhlwortzmekanik

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