
GREEN CARNATION – A Dark Poem, Part II: Sanguis
2026 (Season of Mist) - Stil: Progressive Metal
GREEN CARNATION setzen ihre große Erzählung fort. Mit ´A Dark Poem, Part II: Sanguis´ schlagen die Norweger den Ton deutlich persönlicher an, näher an der eigenen Geschichte. Nach dem weit ausgreifenden ersten Kapitel wirkt dieser zweite Teil wie ein Blick hinter verschlossene Türen, ehrlich und ohne Schutzschicht. Die Band um Kjetil Nordhus und Stein Roger Sordal führt ihre über Jahrzehnte gewachsene Handschrift konsequent weiter und vertieft sie zugleich.
Die Idee dieser Trilogie reicht weit zurück, bis in die frühen Tage der Band, gegründet von Tchort Anfang der 90er. Was damals nur Skizze blieb, entfaltet sich nun als geschlossenes Werk über Leben, Verlust und Herkunft. ´Sanguis´ steht dabei im Zentrum als Begriff für das lebendige Blut, für Abstammung, für das, was weitergegeben wird, ob man will oder nicht. Diese thematische Klammer bestimmt jede Note und jede Zeile.
Der über neun Minuten lange Opener ´Sanguis´ besitzt anfangs ein Classic Rock-Riff und trifft auf warme Orgelklänge von Endre Kirkesola, die wie kurze Lichtstrahlen zwischen den dunklen Passagen aufscheinen. Kjetil Nordhus singt eindringlich, fast erzählend, während sich im Hintergrund die familiären Konflikte aufbauen. Wenn die Zeilen über den Vater und die Mutter einsetzen, ist der Song längst an seinem hymnischen Moment angekommen. Die Musik wirkt dabei wie ein gleichmäßiger Herzschlag, der das Thema von ´Sanguis´ als lebendiges, vererbtes Blut unmittelbar hörbar machen soll. Bevor der Song am Ende wieder in ein düsteres, zäh fließendes Finale umschwenkt, bündelt sich hier alles, was dieses Album bewegt. Dies ist der Beginn und das emotionale Zentrum des Albums.
Mit ´Loneliness Untold, Loneliness Unfold´ ziehen sich die Bandmitglieder mitsamt der Härte zurück. Die ruhige, fast fragile Ballade wird von Gitarre und Stimme getragen, in der Stein Roger Sordal selbst ans Mikro tritt. Die Frage „Do you want to die?“ steht unvermittelt im Raum. Doch die Reduzierung der involvierten Musiker wird im weiteren Verlauf aufrecht erhalten. ´Sweet To The Point Of Bitter´ bringt sodann selbstredend die volle Band zurück. Ein massiver Einstieg, dichtes Schlagzeugspiel von Jonathan Alejandro Perez und ein treibendes Riff bilden die Basis für einen Song, der durchgehend auf dem Höhepunkt zelebriert – von den Strophen über die Bridge bis zum Refrain. Inhaltlich dreht sich alles um toxische Nähe.
´I Am Time´ lässt umgehend die Gitarren singen, verbindet klaren Gesang mit druckvollen Gitarren von Bjørn Harstad. Der Refrain hebt sich deutlich ab, hoch gesungen und sofort im Ohr, während der Text die Vergänglichkeit ohne Pathos formuliert. Ein klassischer Progressive Metal-Song mit starker Hook. ´Fire In Ice´ greift hernach in die Spannungsbögen des Albums noch einmal ein. Der Midtempo-Track wechselt zwischen schweren Riffs und eleganten Gesangspassagen. Der Song lebt von Kontrasten, politisch gefärbt, ohne plakativ zu werden, und zeigt die Band in hochkonzentrierter Form. Den Abschluss bildet ´Lunar Tale´, eine ruhige, fast schon intime Ballade. Klavier, sanfte Arrangements und die Flöte von Ingrid Ose verleihen dem Stück eine leise, melancholische Note. Kjetil Nordhus führt den Song mit zurückgenommenem Gesang. Das Ende bleibt bewusst offen und lässt Raum für den letzten Teil der Trilogie.

Die Aufnahmen zu ´Sanguis´ waren geprägt von intensiven Momenten. Die Band arbeitete bewusst in vertrauter Umgebung, was sich in einer authentischen Produktion widerspiegelt. Mehrfach musste die Arbeit unterbrochen werden, weil die emotionale Belastung im Studio zu stark wurde. Endre Kirkesola, lange Zeit als Produzent im Hintergrund aktiv, ist seither fester Bestandteil der Band und prägt den Klang mit seinen Keyboards und Orgeln.
GREEN CARNATION gelingt mit ´A Dark Poem, Part II: Sanguis´ ein Album, das auf tiefe Emotionen setzt. Die Songs erzählen eine zusammenhängende Geschichte und lassen genug Raum für eigene Deutungen. Wer den ersten Teil mochte, wird hier tiefer eintauchen. Wer bereit ist, sich auf die persönlichen Abgründe einzulassen, findet eines der eindringlichsten Kapitel im bisherigen Schaffen der Band.
(9 Punkte)
https://www.facebook.com/GreenCarnationNorway
Pic: Lars Gunnar Liestøl
(VÖ: 3.04.2026)



