MeilensteineVergessene Juwelen

TERRY CALLIER – What Color Is Love

1972/2015 (Music On Vinyl/Verve Records) - Stil: Soul, Folk, Jazz, R&B, Psychedelia

Mit ´What Color Is Love´ erreicht Terry Callier Anfang der Siebzigerjahre einen künstlerischen Höhepunkt, der lange im Verborgenen blieb und heute wie ein kostbares Juwel wirkt. Entstanden unter der Regie von Charles Stepney für das Label “Cadet Records”, fügt sich dieses Werk als zweiter Teil einer engen Albumfolge zusammen. Charles Stepneys Handschrift prägt den Klang entscheidend, mit fein austarierten Streicher- und Bläserarrangements, die sich aus der klassischen Schule speisen und dennoch tief im Soul und Jazz verwurzelt bleiben.

Die Entstehungsgeschichte trägt dabei fast schon tragische Züge. Während der Produktion wurde das Umfeld von “Chess Records” umstrukturiert. Wirtschaftliche Entscheidungen führten beim Unterlabel “Cadet Records” dazu, dass größer angelegte Produktionen drastisch gekürzt wurden. Bei Terry Callier blieb am Schneidetisch ein konzentriertes Album mit sieben Stücken übrig.

Der Einstieg mit ´Dancing Girl´ gerät zu einer neunminütigen Suite, die sich aus einer sanften Folk-Gitarre erhebt und Schritt für Schritt erweitert. Streicher setzen ein, Bläser heben sich hervor, und plötzlich steht man mitten in einer urbanen Szenerie zwischen Jazzclubs, Straßenbildern und sozialen Abgründen. Schließlich geht der Song in einen freien, emotional aufgeladenen Gesangsteil über, der an die expressive Kraft von Nina Simone erinnert.

Der Titelsong ´What Color Is Love´ wirkt im Anschluss wie ein ruhiger Gegenpol. Getragen von akustischer Gitarre, dezentem Bass und Streichern entfaltet sich eine himmlische Ballade. Die Melodieführung besitzt jene schlichte Größe, die man aus dem Umfeld von Curtis Mayfield kennt, während die Arrangements eine fast klassische Eleganz ausstrahlen.

´You Goin’ Miss Your Candyman´ bringt eine funkige Seite ins Spiel. Der Bass wiederholt sich zu den Percussions mit hypnotischer Konsequenz, darüber legen sich Bläserriffs und ein zunehmend energischer Gesang. Dass genau dieser Basslauf Jahrzehnte später von URBAN SPECIES gesampelt wurde, unterstreicht die nachhaltige Wirkung dieses siebenminütigen Stücks.

Mit ´Just As Long As We’re In Love´ folgt eine soulige Komposition, die zwischen sanften Piano- und kräftigeren Ensemble-Passagen hin und hergerissen wird. Daneben heben sich die Backing Vocals hervor, während die Dramaturgie immer wieder zwischen Intimität und Monumentalität wechselt.

´Ho Tsing Mee (A Song Of The Sun)´, geleitet von getragenen Akkorden und einer stetig anschwellenden Instrumentierung, entwickelt sich zu einem nachdenklichen Protestsong, der den Vietnamkrieg indirekt reflektiert. Der Gesang steigert sich unter dem Beistand von Streichern und Bläsern zu einer eindringlichen Anklage.

´I’d Rather Be With You´ bringt wieder Wärme ins Klangbild. Akustische Gitarre, dezente Percussion und eine sanft geführte Harmonika begleiten eine berührende Liebeserklärung. Das Klavier und die orchestralen Elemente treten besonders geschmeidig hinzu und verleihen dem Stück eine cineastische Weite, die an Produktionen von Lee Hazlewood denken lässt.

Den Abschluss bildet ´You Don’t Care´, ein weitgehend instrumentales Stück, das sich langsam entfaltet. Streicher, Bläser und Gitarrenlinien vereinen sich zu einem ruhigen Ausklang, in dem einzelne Chorgesänge wie weit entfernte Stimmen erscheinen und dem Album einen fast schwebenden Schluss verleihen.

Die Besetzung trägt dieses Klangbild mit beeindruckender Souveränität, vom sensiblen Gitarrenspiel von Terry Callier selbst bis zum warmen Bass von Louis Satterfield und den farbgebenden Bläsern um Donald Myrick. Über allem steht die orchestrale Leitung von Charles Stepney, der hier ein Ensemble formt, das Soul, Jazz, Folk und klassische Elemente zu einer geschlossenen Einheit verbindet.

Die spätere Wiederentdeckung in der britischen Acid-Jazz-Szene verhalf dem Album zu dem Status, den es von Beginn an verdient hatte. Dass Terry Callier später jahrelang fernab der Musik als Programmierer arbeitete, während seine Songs in England längst Kultstatus erreichten, verleiht diesem Album im Rückblick eine zusätzliche Dimension. Heute gilt ´What Color Is Love´ als stilles Meisterwerk, dessen Einfluss sich über Jahrzehnte hinzieht.

Auch klanglich hat das Werk seine Würde bewahrt. Die 2015 erschienene 180g-Pressung von “Music On Vinyl” ist sauber gefertigt. Die Höhen wirken ausgewogen, die Dynamik bleibt erhalten, auch wenn der Ursprung vermutlich auf digitalen Transfers basiert. Dennoch überzeugt diese Pressung durch eine insgesamt sehr stimmige Wiedergabe, die diesem Album gerecht wird und seine zeitlose Qualität eindrucksvoll unterstreicht.

https://www.facebook.com/terrycalliermusic

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