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BILL EVANS – At The BBC

2026 (Elemental Music) - Stil: Jazz

Mit ´At The BBC´ öffnet sich ein Fenster in eine Phase von Bill Evans, die lange im Schatten seiner legendären frühen Triojahre stand und doch eine eigene, leise Strahlkraft besitzt. Die Aufnahmen fanden während eines London-Aufenthalts mit einem Engagement im “Ronnie Scott’s Jazz Club” statt und zeigen ein Trio im Zustand höchster Konzentration: Bill Evans am Klavier, Chuck Israels am Bass und Larry Bunker am Schlagzeug agieren wie ein eingespieltes Kammerensemble, hellwach und zugleich von einer stillen Intensität getragen.

Die besondere Situation der BBC-Produktion im “BBC Television Theatre” in “Shepherd’s Bush” am 19. März 1965 prägt den Charakter dieser Einspielungen deutlich. Obwohl für die Fernsehsendung “Jazz 625” produziert, fand die Aufnahme vor Publikum statt, das dem Abend in dem Theatergebäude eine dichte, clubartige Atmosphäre verleiht. Zwischen den Stücken setzt hörbarer Applaus ein, während der britische Trompeter Humphrey Lyttelton live durch das Programm führt. Der Klang ist dennoch klar und direkt. Bill Evans sitzt tief über der Tastatur, fast versunken in die eigenen Gedanken, während die Kamera mit ruhigen Einstellungen folgt.

Gleich zu Beginn des ersten Sets etabliert ´Five (Theme)´ diesen ritualhaften Moment, prägnant, fast wie ein Auftaktgong. ´Elsa´ entfaltet sich als Ballade, sanft und getragen, mit einem singenden Klavier, während Chuck Israels den Ton warm unterlegt und Larry Bunker mit feinen Besenbewegungen einen weichen Puls hält. In ´Summertime´ erhöht Bill Evans das Tempo, dehnt die Harmonien, lässt bekannte Wendungen kurz aufblitzen und sofort wieder weiterziehen. ´Come Rain Or Come Shine´ wirkt direkter, fast spielerisch, mit klar akzentuierten Läufen und einem federnden Swing.

In ´My Foolish Heart´ nimmt sich Bill Evans Zeit, formt jede Melodie mit Bedacht, während der Bass ruhig fließt und das Schlagzeug nur punktuell eingreift. In ´Re: Person I Knew´ zeigt sich seine kompositorische Handschrift, rhythmisch verschoben, mit kurzen, prägnanten Motiven. ´Israel´ ist hingegen ein schnelleres Stück mit klarer Struktur. Das Trio agiert enger, fast wie ein präzise verzahntes Uhrwerk.

Das zweite Set, vor dem selben Publikum am selben Abend, beinhaltet weitere Stücke aus Bill Evans’ Repertoire, mit eigenständigen Interpretationen und Varianten bekannter Standards. ´How My Heart Sings´ wirkt leicht und elegant, während ´Nardis´ eine fast suchende Stimmung transportiert, mit vorsichtigen Anläufen und kleinen rhythmischen Verschiebungen. In ´Who Can I Turn To?´ steigert sich das Trio in ein erzählerisches Format, getragen von Bill Evans’ fließenden Linien und einem Bass, der jede harmonische Wendung stützt.

Später gewinnt das Programm an Gewicht. ´Someday My Prince Will Come´ kommt in zügigerem Tempo, mit klarer Struktur und lebendigem Zusammenspiel. ´How Deep Is The Ocean?´ entfaltet sich ruhig, mit langen, ausformulierten Bögen. Und dann noch ´Waltz For Debby´, ein Stück, das untrennbar mit Bill Evans verbunden ist. Es wirkt weniger zerbrechlich, dafür reflektierter als in den frühen “Village Vanguard”-Aufnahmen, mit einer stillen Eleganz, die sich über die gesamte Spielzeit hält.

“At The BBC” erhebt sich weit über die üblichen historischen Mitschnitte, denn hier trifft man Bill Evans, Chuck Israels und Larry Bunker in einer Phase, in der das Trio seine Sprache gefunden hat und zugleich neue Räume der Interaktion erkundet. Bill Evans’ Spiel wirkt konzentriert, virtuos und von einer unaufdringlichen Anmut getragen, wodurch Standards wie ´Summertime´, ´My Foolish Heart´ oder ´Waltz For Debby´ überraschend frisch und facettenreich erscheinen.

Die Sets entfalten ihre Wirkung in der Kombination aus Live-Atmosphäre und Studio-Perfektion. Das “BBC Television Theatre” war mit Zuschauern besetzt, und der Applaus der Anwesenden verschmilzt mit dem Spiel zu einem direkten, intensiven Erlebnis. Matthew Lutthans überführte die Original-BBC-Bänder in eine brillante Abmischung, die jedes Detail hörbar macht.

Dieses Set ist in jeder Hinsicht ein Klassiker. Die Formation ist in Top-Qualität dokumentiert, die Energie eines Live-Auftritts trifft auf die Präzision einer Studioaufnahme, und die Tonqualität setzt Maßstäbe weit über bisherige Bootlegs hinaus. Das Trio spielt Stücke aus der Zeit von ´Trio ’65´ befreit auf, es entfaltet harmonische und rhythmische Raffinessen mit Leichtigkeit und verleiht bekannten Kompositionen neue Tiefe. Für jeden Freund des Jazz ist dies ein unverzichtbares Dokument, das die Lücke zwischen intimen Club-Aufnahmen und klar strukturierten Studio-Alben der 60er Jahre schließt.

https://www.facebook.com/BillEvansOfficial


(VÖ: 24.04.2026)

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