
Der Klang des Kriegers: Eine Hommage an Ross “The Boss” Friedman
Es war ein verregneter, geradezu schmuddeliger Herbsttag, dieser 14. Oktober 1984. Ich war damals erst zarte 15 Jahre alt, und ein Kumpel aus dem Nachbarort machte sich mit mir auf den Weg – mit dem Fahrrad zum Heidelberger Hauptbahnhof, um dort einen Zug in die hessische Metropole zu kapern: MANOWAR machten auf ihrer ´Sign Of The Hammer´-Tournee auch im Frankfurter „Volksbildungsheim“ Station.
Die frühen 80er waren ohnehin eine Hochphase, in der ein Hardrock- oder Metal-Klassiker den nächsten jagte. Atemberaubend war dabei auch das Veröffentlichungstempo der vier True Metal-Pioniere: ´Battle Hymns´, ´Into Glory Ride´, ´Hail To England´ und ´Sign Of The Hammer´ erschienen innerhalb von nur drei Jahren, die beiden letztgenannten sogar im Laufe desselben Jahres 1984.

Es grenzt für mich fast an ein kleines Wunder, dass man heute über setlist.fm noch die komplette Running Order dieses Abends nachverfolgen kann – und sie liest sich wie ein Best-of der frühen MANOWAR-Phase. Ein schier endloses Bass-Solo von Joey DeMaio ist mir bis heute lebhaft im Gedächtnis geblieben; nach der Show sicherte ich mir ein Tourshirt mit ´Hail To England´-Motiv.
Doch vor allem eines hallt auch nach mehr als 40 Jahren unvermindert nach: die rohe Wucht, die Präzision und die kompromisslose Energie der Live-Shows von MANOWAR – getragen und geprägt nicht zuletzt von Gründungsmitglied und Ausnahmegitarrist Ross “The Boss” Friedman.
Gemeinsam mit Bassist und Hauptsongwriter Joey DeMaio hatte Friedman die Band 1980 ins Leben gerufen – und legte damit den Grundstein für eine der stilprägendsten Formationen des frühen Heavy Metal.
Was folgte, war eine kreative Hochphase, wie sie selbst in den produktiven 80ern ihresgleichen suchte. Auf den ersten sechs Alben bis ´Kings Of Metal´ war Friedman weit mehr als „nur“ Gitarrist: Er war Mitarchitekt eines Sounds, der auf wuchtigen, direkten Riffs basierte und dennoch Raum für Melodie und epische Dramaturgie ließ.
Seine Spielweise verband rohe Kraft mit einem fast klassischen Gespür für Leads – muskulös im Rhythmus, aber stets prägnant und wiedererkennbar in den Soli.

Gerade diese Balance machte den frühen MANOWAR-Kosmos so besonders: Friedmans Gitarrenarbeit gab den oft hymnischen Kompositionen Struktur und Schärfe zugleich. Viele der ikonischen Stücke jener Ära tragen seine Handschrift, sei es im Riffing, in der Dynamik oder im Gespür für Timing und Aufbau.
Mit ´Kings Of Metal´ endete 1988 schließlich seine Zeit bei MANOWAR nicht aus kreativem Stillstand heraus, sondern auf dem Höhepunkt eines Schaffens, das den Sound und das Selbstverständnis des „True Metal“ entscheidend mitgeprägt hatte: der Klang eines Kriegers, wie ihn Ross “The Boss” Friedman mit jeder Note formte und verkörperte.

Kurioserweise wurde ich auf seine frühere Band, die New Yorker Punk-Combo THE DICTATORS, erst nach seiner Zeit bei MANOWAR aufmerksam – genauer gesagt am 10. August 1991 im „Club Lingerie“ in Hollywood, Los Angeles, wo ich ihn nach der Reunion mit seiner Ex-Band ein zweites Mal live erlebte.
Dabei lagen die eigentlichen Wurzeln von Friedman weit vor seiner Metal-Karriere: Bereits Anfang der 70er hatte er THE DICTATORS mitgegründet, eine der ersten Bands, die rohen Rock ’n’ Roll mit Attitüde, Witz und einer gehörigen Portion New Yorker Straßenstaub zu dem verschmolzen, was später als Proto-Punk Geschichte schreiben sollte.
Friedmans Gitarrenspiel war hier noch weniger episch, dafür umso direkter – schnörkellos, bissig und mit genau dem richtigen Maß an Dreck unter den Fingernägeln. Seine Leads standen im spannenden Kontrast zu den oft ironischen, fast schon rotzigen Songs der Band und gaben ihnen jene Ernsthaftigkeit, die den DICTATORS ihren besonderen Reiz verlieh.
Nach der ersten Auflösung Anfang der 80er lebte der Geist der Band in Projekten wie MANITOBA`S WILD KINGDOM weiter, bevor Mitte der 90er schließlich die eigentliche Reunion folgte: THE DICTATORS kehrten auf die Bühnen zurück, tourten wieder regelmäßig und knüpften dort an, wo sie einst aufgehört hatten.

Und genau so fühlte es sich auch an jenem Abend 1991 an: weniger Nostalgie als vielmehr der Beweis, dass dieser ursprüngliche, ungeschliffene Rock ’n’ Roll nichts von seiner Kraft eingebüßt hatte.
Mit seiner Band ROSS THE BOSS fand Friedman in den 2000ern noch einmal zu einer neuen, erstaunlich vitalen Schaffensphase. Alben wie ´New Metal Leader´ oder ´By Blood Sworn´ knüpften hörbar an bessere Jahre an, doch vor allem live zeigte sich, dass seine Energie ungebrochen war: auf Tour, auf Festivals, immer nah am Publikum – und getragen von genau jenem unverwechselbaren Ton, der ihn einst auszeichnete.
Es wirkte, als hätte er seinen eigenen Kreis geschlossen – gereifter vielleicht, aber immer noch geprägt von diesem Klang des Kriegers.
Umso härter trifft die Nachricht seines plötzlichen Todes am 26. März. Für mich bleibt die Erinnerung an einen Gitarristen, der nie bloß spielte, sondern immer etwas transportierte: Haltung, Kraft – und einen Sound, der bleibt.
Ross The Boss-Top 5: 1. MANOWAR ´Into Glory Ride´, 2. MANOWAR ´Battle Hymns´, 3. MANOWAR ´Hail To England´, 4. MANOWAR ´Sign Of The Hammer, 5.THE DICTATORS ´The Dictators Go Girl Crazy!´
https://www.facebook.com/ross.friedman.336
Setlist Frankfurt “Volksbildungsheim”, 14.10.1984
Manowar
Blood Of My Enemies
Secret Of Steel
All Men Play On 10
Metal Daze
Thor (The Powerhead)
Bass Solo
Kill With Power
Fast Taker
Warlord
The Oath
Encore:
Sign Of The Hammer
Battle Hymn



