
Nachdem dem mehr oder weniger „Ableben“ von „Nuclear Blast“ wird „Napalm Records“ so etwas wie das Auffangbecken für NB-Bands. Wobei „Auffangbecken“ vielleicht etwas drastisch klingt, scheinen die Österreicher aktuell für viele Bands doch das attraktivste Independent-Label zu sein. So auch für EXODUS, die dort ihr erstes Album für das Label präsentieren und ´Goliath´ sich als das dreizehnte Studioalbum (insofern man ´Let There Be Blood´ als Studioalbum mitzählt) in der Diskografie der Bay Area-Legende vorstellt.
Mit dem Labelwechsel fand auch einmal mehr ein Sängerwechsel statt. Der neue/alte nennt sich bekanntermaßen Rob Dukes, und war mal knapp 10 oder 11 Jahre der Brüllbolide bei EXODUS, bevor man wieder auf Steve „Zetro“ Souza zurückgriff, der nun wiederum den Kram hinschmiss und Bandleader/Gitarrist Gary Holt erneut auf Dukes zurückgriff. Sicher kein unumstrittener Schachzug, war Dukes ja nicht wirklich Fan-Liebling bei den Old-School EXODUS-Jüngern. Man kann über Dukes streiten, das ist legitim. Live gibt er jedoch alles, eben auch eine kantige Hardcore-Note. Auf dem vorliegenden Album muss man ihm allerdings zugestehen, einen ziemlich guten Job abgeliefert zu haben. Ich finde seine Performance sehr solide, sogar besser als das Schrei-Gekeifere von Zetro auf dem letzten Album ´Persona Non Grata´, das auch schon wieder fünf Jahre zurückliegt.
Ein heißes Thema bei „Napalm Records“ Veröffentlichungen sind die leidlichen Streams, die man zur Verfügung gestellt bekommt für Reviews. Kann man machen, muss dann aber dem Besprechenden auch zugestehen, wenn er sich negativ über den Sound auslässt. Der ist bei ´Goliath´ nicht ganz so mittelmäßig wie bei der Mehrheit der zur Verfügung gestellten Streams des Labels, lässt aber in nicht wenigen Momenten Zweifel an der Brachialität des Songmaterials aufkommen.
´Goliath´ enthält zehn Songs, die zum Teil überraschen, positiv wie negativ. Keine Frage, auch wenn es hier um EXODUS geht, im Thrash Metal dürfte alles gesagt sein, man kann eigentlich schon Bekanntes nur gut liefern und aus diesen Zutaten einen guten Song zusammenbauen. Dass man mit Gary Holt und Lee Altus (ex-HEATHEN(?), DIE KRUPPS) eines der potenziellsten Thrash Metal Gitarren-Doppel hier vorfindet, sei nur am Rande erwähnt. Dass Holt die musikalischen Fäden im Hause EXODUS in der Hand hält, dürfte allerdings ebenfalls hinlänglich bekannt sein.
Die im Vorfeld veröffentlichten Tracks wurden heftig diskutiert und man hörte nicht wenig Entäuschung immer wieder heraus. Sicher war und ist ´3111´, der erste ausgekoppelte Song des Albums, nicht der originellste oder gar härteste Track des Albums. Er pendelt zwischen Old School und ansatzweise Belanglos, gerade was das Riffing angeht. Nicht wirklich das, was man von EXODUS als Appetitanreger hören möchte. Die zweite Auskoppelung, mit fünf Minuten Spielzeit, ist alles andere als die Old School-Klatsche, die man erwartet hatte. ´Promise You This´ wirkt tendentziell recht neuzeitlich und über die Länge auch letztendlich etwas eintönig. Der doomige Titeltrack ist für mich der Tiefpunkt des Albums. Was will man damit beweisen?
Was das Album aus meiner bescheidenen Sicht zusätzlich schwächt, sind die einfach zu langatmigen Stücke. EXODUS Songs müssen wie Blitzkrieg sein. Rein-Raus-Fertig. Ich brauche keine fünf bis sieben Minuten Orgien, die man mit vielen Passagenfüllerriffs ausfühlt. Auch wenn man hier zeigt, dass man in der Lage ist, konzeptionelle Stücke zu schreiben: Nö – wer seid ihr nochmal? Genau – EXODUS. Die stehen wofür? Richtig, Rein-Raus-Fertig. Aber dieser Trend der Langatmigkeit hat sich ja schon auf den Vorgängeralben erkennen lassen.
´Beyond The Event Horizon´ ist für mich eines der wenigen Stücke bei dem sich wirklich gute Old School Passagen finden und der einen spannenden Aufbau hat. Aber auch darüber wird sicher gestritten werden. Denn in Teilen wird auch hier in Sachen Speed zwei Gänge heruntergeschaltet. ´Violent Works´ und ´Summon Of The God Unknown´ sind auch gut zuhören, ziehen sich aber auch aufgrund der Länge. Hier hätte man das Ganze entzerren können – durch Weniger, was manchmal Mehr ist. Das albumschließende ´The Dirtiest Of The Dozen´ ist einer meiner wenigen Favoriten des Albums, wie auch ´Hostis Humani Generis´.
Auch wenn es hier einige recht schnelle Passagen gibt, kann man grundsätzlich feststellen, bei ´Goliath´ steht „Speed“ nicht unbedingt im Fokus. Wie schon zuvor erwähnt finde ich den Vocalpart auf dem Album mehr als akzeptabel. Dukes hat gut geliefert und seine HC-lastigen Ausbrüche wurden sauber in die Songs integriert, zudem überrascht er immer mal wieder mit kurzen, harmonischen Passagen.
Dennoch, ´Goliath´ ist weit, meilenweit von einem Oberliga-Album entfernt, auch wenn Holt echt giftige Riffs liefert. Ich bin der Meinung, man will auf diesem Album einfach „zuviel“, was dann auf Kosten der Kompromisslosigkeit sowie der Brutalität geht. Die Zeit wird zeigen, wie nachhaltig sich dieses Album entwickelt. Aber ich habe so meine Zweifel. Da hat man in den letzten 20 Jahren hochwertigere Alben geliefert, die zum Kult-Status beigetragen haben.
(7 Punkte)
Jürgen Tschamler
EXODUS sind Legenden und waren mit ´Bonded By Blood´ wichtige Geburtshelfer für den (brutalen) Thrash Metal. Nun, die Jahre ziehen ins Land und jetzt liegt Album Nr. 12 oder 13 (je nach Lesart) vor. EXODUS waren und sind allerdings nicht nur ´Bonded By Blood´, sondern haben mit den folgenden Alben wie ´Fabolous Disaster´ oder später mit ´Tempo Of The Damned´ weitere sehr starke Alben veröffentlicht. Auch der Vorgänger ´Persona Non Grata´ ist insgesamt ganz gut weggekommen. Sie waren, wenn sie aktiv waren, immer einer der verlässlichen Felsen in der insgesamt schwächer werdenden “Thrash-Brandung”.
Das klassische Intro im Opener ´3111´ geht in eine ordentliche Thrash-Granate über. So lieben die Meisten die Band. Im hinteren Teil wird es dann langsamer, aber dank dem Gesang von Rückkehrer Rob Dukes (war ein gutes Jahrzehnt plattentechnisch nicht mehr an Bord) nicht weniger brutal. Ich finde den Gesang meist sehr passend, wenn auch nicht immer sehr variabel. Da gibt es für mich aber keinen Ansatz für einen Kritikpunkt. Ich sage das, weil ich weiß, dass Rob nicht unumstritten ist/war. ´Hostis Humani Generis´ ist dann eine chaotische Thrash-Nummer mit hoher Riffgeschwindigkeit. Urgestein Gary Holt und Lee Altus (auch schon seit 2005 in der Band und Mastermind bei den unterschätzten HEATHEN) sind selbstverständlich immer noch Garanten für hochenergetische Gitarrenbrutalität und ihr Gitarrenspiel ist über jeden Zweifel erhaben.
´The Changing Me´ ist trotz sehr guter Gitarren-Hooks vielleicht etwas zu lang. Einige Songs wie ´Promise You This´ sind für meinen Geschmack etwas schematisch, aber alles andere als schlecht. Geht bei der Gitarrenarbeit ja auch nicht. ´Summon Of The God Unknown´ ist ein langer, halb gelungener Doom Metal-Song. Auch der Titelsong ´Goliath´ ist etwas schwerfällig, hat in der Mitte aber gute Gitarrenlinien und Violinenunterstützung. Auch in der Vergangenheit hatten EXODUS immer wieder in der Geschwindigkeit variiert und neue Akzente in ihre Musik integriert. Das ist dann – wie so oft – Geschmackssache.
Dafür können mich persönlich ´Beyond The Event Horizon´ oder ´The Dirtiest Of The Dozen´ wieder sehr überzeugen. Insgesamt wird auch ´Goliath´ die EXODUS-Historie nicht revolutionieren, ist aber ein grundsolides Thrash-Album mit Blick zurück und trotzdem irgendwie auch mit einem Hang zu neuen Impulsen. Die Band könnte es sich, wie andere Beispiele zeigen, ja auch einfach machen und ein 30-minütiges Old Thrash-Album aufnehmen, aber auch dann hätte es wahrscheinlich von verschiedenen Seiten Kritik gegeben. Für diese teilweise Differenzierung des Sounds wird sich auch dieses Mal nicht jede und jeder begeistern. Gary Holt macht auch deutlich, dass die Band vor allem für eine Zielgruppe neue Alben einspielt: Nämlich für die Band selbst. Wer einfach klassischen, schnellen EXODUS-Thrash hören will, sollte vielleicht dann doch die Alben der Frühphase wieder einmal auflegen. Alle anderen sollen und werden sich ihre eigene Meinung bilden. Von mir gibt es subjektive …
(7,75 Punkte) Harald Pfeiffer
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