
JOE HENDERSON – Tetragon
1968/2026 (Milestone/Craft Recordings) - Stil: Jazz
Wenn man über ´Tetragon´ spricht, landet man unweigerlich in einer Phase, in der sich Joe Henderson hörbar neu ausrichtet. Der Wechsel von “Blue Note Records” zu “Milestone Records” bringt ihm mehr Freiheit, aber auch mehr Risiko. Genau das prägt dieses Album.
Der Titel ist dabei programmatisch. Ein „Tetragon“ bezeichnet eine vierseitige Form – und genau so versteht Joe Henderson diese Aufnahme: als echtes Quartettspiel, vier Stimmen auf Augenhöhe, keine Hierarchie, keine bloße Begleitfunktion. Zwei Quartette sogar, aufgenommen in getrennten Sessions, verbunden durch Tenorsaxophonist Joe Henderson und Bassist Ron Carter als konstante Achse.
Joe Henderson selbst beschreibt dieses Setting als Befreiung. Weniger Musiker bedeuten mehr Platz, mehr Verantwortung, mehr unmittelbare Entscheidungen. Er muss sich nicht zwischen fremden Ideen einordnen, sondern kann direkt reagieren, ohne Sicherheitsnetz. Gleichzeitig nimmt das den Druck, denn in diesen Besetzungen fühlt er sich weniger wie ein Bandleader unter Beobachtung, sondern „one of the cats“, Teil eines organischen Spiels.
Diese Offenheit prägt das gesamte Album. Mit Kenny Barron und Louis Hayes an Piano und Schlagzeug entsteht ein direkter, rhythmisch akzentuierter Zugriff, während Don Friedman und Jack DeJohnette an Piano und Schlagzeug eine weichere, fließendere Note einbringen. Joe Henderson reagiert darauf hörbar unterschiedlich, passt Phrasierung und Energie an die jeweilige Umgebung an.

Schon ´Invitation´ zeigt diese Wachheit. Das Quartett legt ein hohes Tempo vor, setzt scharfe Akzente, während Joe Henderson einen kraftvollen, fast aggressiven Ausdruck einbringt. Sein Solo gilt als Lehrstück für rhythmische Verschiebung. ´R.J.´, benannt nach einem von Ron Carters Söhnen, basiert auf einer harten Melodielinie. Die Besonderheit ist das Zusammenspiel zwischen Bass und Saxophon, der Bass führt, das Saxophon greift auf. Bassist Ron Carter wirkt dabei fast vorausschauend, und in der Tat beschreibt ihn Joe Henderson als jemanden, der schon weiß, wohin sich ein Solo entwickelt, bevor es vollständig ausgesprochen ist.
In ´The Bead Game´ steigen die Musiker ohne Absprachen ein. Inspiriert von “Das Glasperlenspiel” entsteht eine freie Improvisation ohne festgelegtes Thema. Da das Stück auf klassische Akkordfolgen verzichtet, erhalten die Musiker Raum für abstrakte Improvisationen, die eine mysteriöse Atmosphäre erzeugen. Joe Henderson wollte genau diese Situation erzeugen. Das modale Stück bleibt deshalb unverändert, weil jede nachträgliche Bearbeitung seine innere Logik zerstören würde.
Der Titeltrack ´Tetragon´ wirkt dagegen strukturiert und schlüssig erdacht. Komplexe Intervalle, präzise gesetzte Akzente, ein Stück, das seine Spannung aus beinahe mathematischer Konstruktion sowie enormer Energie durch Schlagzeug und Bass bezieht. Direkt danach sorgt ´Waltz For Zweetie´ für einen ruhigen Gegenpol, fast elegant, mit einer gelösten, melodischen Leichtigkeit. Es ist ein charmanter Walzer, bei dem Joe Henderson sein lyrisches und sanftes Spiel hervorkehrt.
´First Trip´ bringt den Blues zurück, aber gedehnt und modern gedacht. Die Band spielt mit Erwartungshaltungen, verschiebt Betonungen und hält das Stück ständig in Bewegung. Am Ende besticht es durch seinen extremen Swing. ´I’ve Got You Under My Skin´ treibt diese unkonventionelle Haltung auf die Spitze. Cole Porter liefert die Melodie, Joe Henderson zerlegt sie in raue Fragmente. Der Ton wird schärfer, die Phrasen kantiger, das bekannte Thema wirkt plötzlich angespannt und unruhig.

Diese Direktheit ist kein Zufall. Joe Henderson arbeitet in dieser Phase bewusst an einem kräftigeren, körperlicheren Klang, entfernt sich vom glatten Ton früherer Jahre. Das Album zeigt genau diesen Übergang.
Die aktuelle 2026er Vinyl-Ausgabe aus der Jazz Dispensary „Top Shelf Series“ hebt das noch einmal hervor. Gemastert von Kevin Gray aus den originalen Analogbändern und gepresst bei “Fidelity Record Pressing”, liefert sie ein klares, präsentes Klangbild. Die Unterschiede zwischen den beiden Quartetten lassen sich sauber nachvollziehen.
So entsteht das Bild eines Albums, das aus dem Moment heraus gedacht ist. Zwei Sessions, vier gleichberechtigte Stimmen, ein Leader, der sich bewusst in das Kollektiv hineinbegibt. Denn genau darin liegt die Stärke von ´Tetragon´: Kontrolle und Risiko verschmelzen, untrennbar, explosiv und unaufhaltsam.
(9 Punkte)



