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PORNO FOR PYROS – Porno For Pyros

1993/2025 (Rhino Records) - Stil: Rock

Das selbstbetitelte Debüt ´Porno For Pyros´ erschien 1993 bei „Warner Bros. Records“. Es war die Zeit einer kurzen, aber markanten Phase im amerikanischen Alternative Rock der frühen Neunzigerjahre. In jenen Tagen verschoben Gruppen wie NIRVANA, JANE’S ADDICTION oder RED HOT CHILI PEPPERS die Grenzen der Rockmusik, während Grunge, Funk-Rock und psychedelische Einflüsse ineinandergriffen. Nach dem Zerfall von JANE’S ADDICTION formierten sich Sänger Perry Farrell und Schlagzeuger Stephen Perkins neu. Mit Gitarrist Peter DiStefano und Bassist Martyn LeNoble entstand PORNO FOR PYROS, während Dave Navarro und Eric Avery nach schwierigen Jahren mit Drogenproblemen eigene Wege gingen.

Der Name der Band entstand auf beinahe zufällige Weise. Perry Farrell stieß beim Durchblättern eines Pornomagazins auf eine Anzeige für Feuerwerkskörper mit der Aufschrift „Porno for Pyros“. Die Kombination aus Sensationslust und zerstörerischer Energie traf einen Nerv jener Zeit, in der Los Angeles nach den Unruhen von 1992 eine Stadt unter Spannung war. Dieses Klima schwebt natürlich über dem gesamten Album. Perry Farrell singt mit einer Mischung aus staunender Beobachtung und bitterer Ironie über eine Metropole, die sich selbst beim Brennen zusieht.

Alles zusammen klingt lockerer und grooviger als die alten JANE’S ADDICTION-Songs, voller kleiner Überraschungen und Rock’n’Roll-Fieber. Der musikalische Rahmen bewegt sich zwischen Alternative Rock, Neo-Psychedelia und funkig geerdetem Rock. Die Songs wirken weniger heroisch als bei JANE’S ADDICTION, dafür direkter, rhythmischer, manchmal fast lässig improvisiert. Diese Mischung passt perfekt zu Perry Farrells Blick auf das Los Angeles Anfang der Neunziger – eine Stadt voller Energie, Exzess und sozialer Spannungen.

Das Album beginnt mit ´Sadness´ bereits melancholisch. Verzerrte Gitarren und Perry Farrells fragile Stimme offenbaren innere Kämpfe. Dann folgen in ´Porno For Pyros´ die ersten Explosionen. Ein stoischer Beat, ein trockenes Riff und Perry Farrell schildert Los Angeles im Ausnahmezustand, Rauch und Chaos der Riots schwingen in jedem Takt mit.

´Mejia´ ist hypnotisch, psychedelisch und von afrikanisch inspirierten Perkussions-Rhythmen angetrieben. Perry Farrells Gesang wechselt zwischen Liebeserklärung und Ritual. ´Cursed Female´ zündet als dröhnender Rocker. Ein scharfes Riff, ein treibender Beat und die Geschichte einer Prostituierten voller Widerstandskraft. ´Cursed Male´ legt den dunklen Gegenpart, ist basslastig, schwer und drückt immer wieder kurz auf das Gaspedal. Perry Farrells rauer Ton reflektiert dabei die andere Seite derselben Straßenstory.

Das berühmte ´Pets´ baut Spannung mit hypnotischem Groove auf, zu dem Perry Farrell seine Alien-Idee spinnt, Menschen wie Haustiere zu beobachten – eine absurde, melancholische Vision, die den Song zur Alternative-Rock-Hymne macht.

Die zweite Seite zeigt die härtere Seite von PORNO FOR PYROS. ´Bad Shit´ prescht laut und dreckig nach vorn, getragen von treibenden Rhythmen und markanten Percussions. ´Packin’ .25´ zieht düster und basslastig nach, erzählt mit ebenso lässigen Percussions von Waffen, Macht und Gefahr. ´Black Girlfriend´ beruhigt die Stimmung, Perry Farrell reflektiert kulturelle Nähe in einer gespaltenen Stadt.

Dann schlägt ´Blood Rag´ nochmal los, mit nervösem Schlagzeug, harten Riffs und Perry Farrell zwischen Flüstern und Ausbruch – pure Adrenalinenergie. Das Finale ´Orgasm´ ist ein langer, psychedelischer Rockrausch. Gitarren, wirbelnde Percussion und Perry Farrells mantraartiger Gesang werden zu einem ekstatischen Abschluss.

Die Reaktionen im Jahr 1993 fielen gemischt aus. Viele würdigten die psychedelische und funkige Ausrichtung, andere sahen das Album im Schatten der früheren Band. Besonders ´Pets´ dominierte die öffentliche Wahrnehmung, während die übrigen Stücke weniger Beachtung erhielten. Im Rückblick muss die Platte als eigenständiges Werk der frühen Neunzigerjahre betrachtet werden, das die Stimmung von Los Angeles unmittelbar einfängt. Jeder Song hat seinen eigenen Charakter und jeder trägt Adrenalin in sich – ein Debüt, das direkt ins Gesicht trifft, wilder und eigenwilliger Rock’n’Roll voller Hitze, Chaos und Herz.

Auch die Produktion trägt zu diesem Eindruck bei. Perry Farrell singt mal rau und direkt, mal nasal und beinahe spielerisch. Stephen Perkins gestaltet das Schlagzeug abwechslungsreich mit Tom-Runs, Handtrommeln und präzisen Akzenten. Peter DiStefano bringt melodische Gitarrenfiguren ein, die zwischen Funk, psychedelischem Rock und klarem Alternative-Sound wechseln. Martyn LeNoble hält das Fundament stabil und sorgt für den nötigen Druck.

So entsteht ein Debüt, das die Atmosphäre der frühen Neunziger einfängt und zugleich Perry Farrells künstlerische Handschrift deutlich zeigt. ´Porno For Pyros´ verbindet gesellschaftliche Beobachtung mit psychedelischem Rock, funkigen Rhythmen und einer Portion Exzentrik. Viele sehen das Album heutzutage mit anderen Augen. Denn dieses unterschätzte Juwel besitzt eine starke Songqualität über fast die gesamte Laufzeit, einen eigenständigen Stil innerhalb der Alternative-Szene sowie eine Produktion, die auch Jahrzehnte später überzeugend wirkt. Selbst die historische Bedeutung des Albums ist nicht zu unterschätzen.

(9 Punkte)

Im Hintergrund blieb die Bandstruktur jedoch angespannt. Während JANE’S ADDICTION einst von vier starken Persönlichkeiten geprägt war, rückte PORNO FOR PYROS deutlich näher an die Vision von Perry Farrell. Martyn LeNoble äußerte später Kritik an dieser Hierarchie, doch gerade diese Konzentration auf eine zentrale Figur prägte den Charakter der Musik. Die Stücke wirken geschlossener, stärker von Perry Farrells Ideen geprägt. Einige Titel, etwa ´Bad Shit´ oder ´Blood Rag´, entstanden zudem schon während der letzten Phase von JANE’S ADDICTION und erhielten hier ihre endgültige Form.

Ein besonderer Blick lohnt sich auf die Neuauflage von 2025 innerhalb der Rhino-Records-Reihe „Rhino Reserve“. Diese Pressung auf 180g-Vinyl präsentiert das Material mit bemerkenswerter Klarheit. Auch bei hoher Lautstärke bleibt Perry Farrells Gesang stabil und verständlich.

Viele moderne Remaster tendieren dazu, tiefe Frequenzen stark hervorzuheben und Höhen zu glätten. Diese Edition verfolgt einen ausgewogeneren Ansatz. Die Höhen wirken brillant, ohne scharf zu werden, und die rhythmischen Elemente behalten ihre Dynamik. Für Hörer, die das Original nicht besitzen oder die frühere limitierte Tie-Dye-Pressung des “Record Store Day” verpasst haben, stellt diese Ausgabe eine überzeugende Alternative dar.

“Rhino Records” investierte sichtbar in sorgfältiges Mastering und präzise Schnitttechnik. Das Ergebnis vermittelt die Energie der Aufnahmen von 1993 sehr authentisch. Dementsprechend bringt die Neuauflage das Debüt von PORNO FOR PYROS in einer Form zurück, die sowohl Sammler als auch neue Hörer anspricht und den Sound dieser ungewöhnlichen Band erneut lebendig werden lässt.

https://www.facebook.com/pornoforpyros/

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