
BILL EVANS – Momentum
2012/2025 (Music On Vinyl/Timeless Records) - Stil: Jazz
Als das Bill Evans Trio am 4. Februar 1972 die Bühne der Stadsschouwburg Groningen betritt, befindet sich einer der prägenden Pianisten des modernen Jazz in einer bemerkenswert fruchtbaren Phase seiner Laufbahn. Bill Evans hat zu diesem Zeitpunkt längst jene unverwechselbare Klangsprache entwickelt, die Generationen von Pianisten prägen wird. Sein Spiel verbindet die harmonische Raffinesse des europäischen Impressionismus mit der Freiheit des Post-Bop. Akkorde öffnen sich in schillernden Farben, Melodien fließen mit fast klassischer Eleganz, während das Trio als organische Einheit agiert. In Groningen steht Evans gemeinsam mit Eddie Gomez und Marty Morell auf der Bühne – eine Formation, die Anfang der Siebzigerjahre zu den vitalsten Piano-Trios des Jazz gehört.
Die Geschichte dieser Aufnahme ist beinahe so faszinierend wie die Musik selbst. Ein niederländischer Pianist und leidenschaftlicher Evans-Bewunderer, Jan Warntjes, erhielt die Erlaubnis, das Konzert mitzuschneiden. Mit einer Revox-Bandmaschine, drei Sennheiser-Mikrofonen und einem feinen Gespür für Klang konservierte er einen Abend, der jahrzehntelang auf Tonband schlummerte. Erst viele Jahre später tauchte das Material wieder auf und wurde schließlich veröffentlicht. Der Titel ´Momentum´ geht auf Evans’ Witwe Nenette Evans zurück. Sie erinnerte sich an diese Zeit als Phase eines persönlichen und künstlerischen Aufschwungs – ein Moment, in dem Energie, Konzentration und Erfahrung zusammenfanden.

Schon die ersten Minuten des Konzerts machen klar, dass dieses Trio an diesem Abend besonders lebhaft und entschlossen aufspielt. Bill Evans sitzt tief über den Tasten, konzentriert und versunken, während Eddie Gomez mit seinem elastischen Bassspiel beachtliche Akzente setzt und Marty Morell das Geschehen mit feinen Beckenfiguren forciert. Die Atmosphäre im Saal wirkt gespannt, das Publikum hört fast ehrfürchtig zu.
´Re: Person I Knew´ eröffnet das Konzert in eleganter Kühle. Bill Evans spielt die Melodie in ruhigen Akkorden an, ehe das Trio die Komposition Schritt für Schritt ausdehnt. Eddie Gomez bewegt sich frei durch die Harmonien, spielt melodische Gegenfiguren, während Marty Morell mit federndem Schlagzeugspiel für ständige Spannung sorgt. Mit ´Elsa´ folgt eine Komposition von Earl Zindars. Bill Evans lässt die Melodie fast schwebend erscheinen, spielt sie mit zartem Anschlag und subtilen harmonischen Verschiebungen. Das Trio hält derweil die Balance zwischen stiller Eleganz und lebendigem Swing. ´Turn Out The Stars´ entfaltet sich als große Ballade. Bill Evans baut die Harmonien langsam auf, lässt die Akkorde in breiten Klangflächen stehen und steigert sich dann in längere improvisierte Passagen.
Auf der zweiten Plattenseite gewinnt das Konzert deutlich an Fahrt. ´Gloria’s Step´ – einst von Scott LaFaro geschrieben – wird zu einem der elektrisierenden Momente des Abends. Eddie Gomez spielt mit verblüffender Beweglichkeit, jagt in schnellen Läufen über sein Instrument, während Bill Evans mit flinken Motiven antwortet. Die beiden stacheln sich unaufhörlich gegenseitig an. Der Standard ´Emily´ wirkt danach fast wie ein Atemholen, doch schon nach wenigen Takten beschleunigt das Trio sein Spiel. Bill Evans formt die Melodie klar und singend, während die anderen beiden mit federndem Swing eine feste Grundlage schaffen. Mit ´Quiet Now´ von Denny Zeitlin kehrt eine ruhigere Stimmung ein. Bill Evans trägt die Melodie mit großer Gelassenheit vor, die Akkorde erscheinen weich und transparent, bevor das Stück in seine Improvisation übergeht.
Auf der dritten Seite rückt das klassische Songbook stärker in den Mittelpunkt. ´My Romance´ entfaltet sich als geschmeidiger Standard mit leichtem Swing. Bill Evans variiert das Thema allerdings äußerst geschickt. ´Sugar Plum´ basiert auf einer kurzen improvisierten Phrase, die Bill Evans durch alle Tonarten führt. Das Trio verwandelt diese Idee in ein quirliges, fast experimentelles Stück voller überraschender Wendungen. In ´The Two Lonely People´ zeigt sich Bill Evans als sensibler Komponist. Die Melodie wirkt melancholisch, getragen von warmen Akkorden und einem eleganten Rhythmus.
Die letzte Seite führt das Konzert seinem Höhepunkt entgegen. ´Who Can I Turn To´ erscheint als raffinierte Interpretation eines bekannten Standards. In Michel Legrands Ballade ´What Are You Doing The Rest Of Your Life´ entfaltet sich Bill Evans’ melodisches Gespür besonders eindrucksvoll. Das Stück beginnt ruhig, doch bald öffnet sich der Raum für längere Improvisationen. Zum Abschluss erklingt ´Nardis´ von Miles Davis – seit Jahren ein fester Bestandteil von Bill Evans’ Konzertrepertoire. Marty Morell beginnt mit einem feinen Besenspiel, bevor das Trio in eine intensive Interpretation einsteigt. Die Musik steigert sich stetig, doch plötzlich endet die Aufnahme völlig abrupt, weil dem Tonband während des Konzerts schlicht die Zeit ausgeht. Dieser unvollständige, mittlerweile legendäre Schluss wirkt beinahe symbolisch, als bliebe der Abend in einem offenen Moment stehen – und die Zuschauer mit offenem Mund.

Interessant wird ´Momentum´ auch im Vergleich mit den berühmten Pariser Mitschnitten desselben Jahres, veröffentlicht als ´The Paris Concert: Edition One´ und ´The Paris Concert: Edition Two´. Während die Pariser Aufnahmen sehr elegant und klanglich poliert wirken, zeigt sich das Trio in Groningen deutlich rauer und spontaner. Eddie Gomez spielt hier auffallend offensiv und verleiht der Musik zusätzliche Spannung. Die Interpretationen wirken leidenschaftlich, als befände sich das Trio mitten in einer kreativen Hochphase.
Die aktuelle Doppel-Vinyl-Edition von “Music On Vinyl” unterstreicht die Wichtigkeit dieser Aufnahme. Sie erscheint auf transparent blauem, 180g schwerem Vinyl. Die Pressung in einer limitierten Auflage von tausend Exemplaren klingt ausgesprochen ruhig, das Klavier steht klar im Vordergrund, während Bass und Schlagzeug lebendig wirken. Die Veröffentlichung enthält zudem ein vierseitiges Booklet mit Hintergrundinformationen und historischen Fotos.
Am 4. Februar 1972 erlebt das Publikum in der Stadsschouwburg Groningen ein Trio auf dem Höhepunkt seiner Kreativität. Bill Evans, Eddie Gomez und Marty Morell spielen an diesem Abend mit beeindruckender Energie, großer Eleganz und erstaunlicher Freiheit. Die Musik entfaltet eine Dynamik, die selbst Hörer aus der Rock- oder Metal-Welt sofort packen kann. Für Liebhaber klassischer Jazz-Trios gehört diese Aufnahme ohne Zweifel zu den spannendsten Konzertdokumenten des Jahres 1972. ´Momentum´ zeigt das Evans-Trio in einer leidenschaftlichen Live-Situation, die bis heute nichts von ihrer Faszination verloren hat.
10 / 10 Punkte.
PS: Wer bislang vor allem Rock- und Metal-Scheiben von “Music On Vinyl” in der Sammlung hat, findet mit ´Momentum´ einen faszinierenden Einstieg in den Jazz. Die Veröffentlichung bei “Music On Vinyl” passt ideal zu einer Sammlung, die Wert auf Dynamik und Präzision legt. Die blaue Vinyl-Edition liefert kristallklare Klavierpassagen und ein sattes Bassfundament, das fast an kraftvolle Rock-Produktionen erinnert. Für Sammler, die Soundqualität, limitierte Auflagen und besondere Highlights schätzen, ist diese Ausgabe ein Muss, die Jazz-Feinsinn und die Wucht von Rock und Metal spielerisch verbindet.



