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MORRISSEY – Make-Up Is A Lie

2026 (Sire Records/Warner Music Group) - Stil: Alternative Rock, Indie Rock, Britpop

Mit ´Make-Up Is A Lie´ legt Morrissey sein vierzehntes Soloalbum vor – ein Werk, das die vertraute Mischung aus bitterem Humor, melancholischer Selbstbetrachtung und gesellschaftlicher Beobachtung erneut auf den Punkt bringt. Der ehemalige Frontmann von THE SMITHS bleibt damit eine der eigenwilligsten Figuren der britischen Popgeschichte. Seine Stimme trägt weiterhin diese unverwechselbare Mischung aus Wärme, Ironie und verletzlicher Würde, während die Band um die Gitarristen Jesse Tobias und Carmen Vandenberg ein vielseitiges Fundament aus Gitarrenrock, Balladen und gelegentlich überraschenden stilistischen Ausflügen formt.

Die Entstehung des Albums verlief jedoch alles andere als geradlinig. Ursprünglich wurde das Material bereits Anfang 2023 unter dem Titel ´Without Music The World Dies´ aufgenommen. Doch Morrissey verwarf später einen großen Teil der Songs, nahm neue Stücke auf und formte daraus ein komplett überarbeitetes Werk. Produziert wurde die Platte erneut von Joe Chiccarelli, der bereits mehrfach mit dem Sänger gearbeitet hat. Gleichzeitig markiert die Veröffentlichung eine Rückkehr zu “Sire Records”, dem Label, das schon viele Klassiker aus Morrisseys früher Karriere betreute.

Der erstklassige Opener ´You’re Right, It’s Time´ eröffnet das Album mit einer eingängigen Gitarrenfigur und einer schönen Basslinie. Der Song besitzt eine leichte, fast optimistische Stimmung, während Morrissey über eine Welt singt, in der Menschen ihre Zeit vor Bildschirmen verschwenden und echte Begegnungen immer seltener werden. Der wunderbare Titelsong ´Make-Up Is A Lie´ schlägt einen leicht experimentellen Ton an. Gitarren und Rhythmus entwickeln eine eigenwillige Dynamik, während Morrissey eine Geschichte erzählt, die zwischen Ironie und Tragik pendelt. Eine Frau, deren Schönheit verblasst, wiederholt ihren zornigen Ausruf über die Lüge der Kosmetik – eine Szene, die sich in Paris entfaltet und schließlich sogar auf ihrem Grabstein wiederkehrt.

Mit ´Notre-Dame´ rückt ein reales Ereignis in den Mittelpunkt. Der erlesene Song greift den Brand der Pariser Kathedrale aus dem Jahr 2019 auf und verbindet elektronische Klänge mit Gitarren und Streichern zu einem getragenen Rockstück. Der wiederholte Ruf „We will not be silent“ wirkt wie ein eindringliches Mantra, das dem Song eine dramatische Wucht verleiht. ´Amazona´ bringt anschließend eine überraschend andere Farbe ins Album. Die Neuinterpretation eines Songs von ROXY MUSIC verwandelt das Original aus dem Jahr 1973 in ein kraftvolles Gitarrenstück mit einem markanten Solo von Carmen Vandenberg.

Ein deutlich ruhigerer Moment folgt mit ´Headache´. Kontrabass, dezente Gitarren und zurückhaltendes Schlagzeug begleiten Morrisseys schwarzhumorige Hochzeitssatire, in der eine Beziehung mit einem „Kopfschmerz“ geschlossen wird. Zwischen den Strophen lockern verspielte Gesangspassagen die düstere Pointe auf. ´Boulevard´ gehört zu den stärksten Stücken des Albums. Ein Klavier eröffnet die Szene, bald gesellen sich Akustikgitarren und ein kräftiger Rhythmus dazu. Die Geschichte führt durch eine nächtliche Welt aus Bars, Alkohol und Einsamkeit. Der Refrain wirkt simpel und direkt, während die langen Bridges eine große Atmosphäre erzeugen.

Mit ´Zoom Zoom The Little Boy´ schlägt Morrissey einen ganz anderen Ton an. Der Song besitzt eine verspielte, fast kinderliedhafte Struktur und beginnt mit einer leicht psychedelischen Gitarrenfigur. In den Strophen zählt der Sänger Tiere auf, die vor der Grausamkeit des Menschen gerettet werden sollen – ein Motiv, das seine bekannte Leidenschaft für Tierschutz und Vegetarismus widerspiegelt. ´The Night Pop Dropped´ überrascht mit einer tanzbaren Energie. Hammond-Orgel, groovende Rhythmen und ein leichter Disco-Unterton verleihen dem Stück eine Atmosphäre, die an späte Siebzigerjahre erinnert. Hinter dieser beschwingten Oberfläche verbirgt sich jedoch eine nostalgische Erinnerung an eine prägende Figur der Popkultur, deren Verlust das Ende einer Ära markiert.

In ´Kerching Kerching´ richtet Morrissey seinen Spott auf Karrierewahn und Geldgier. Der Titel imitiert das Geräusch einer Registrierkasse, während Gitarren und Rhythmus einen schnellen, bissigen und tollen Rocksong tragen. Die ironischen Zeilen über Erfolg und Selbstüberschätzung gehören zu den schärfsten Momenten des Albums. Mit ´Lester Bangs´ folgt eine Hommage an den legendären Rockjournalisten Lester Bangs. Morrissey erinnert sich daran, wie er als junger Musikfan in Manchester jedes Wort des amerikanischen Kritikers verschlang, dessen Texte über Bands wie ROXY MUSIC oder NEW YORK DOLLS für viele Leser zu einer Art kulturellem Kompass wurden.

´Many Icebergs Ago´ taucht anschließend in eine dunklere, beinahe folkige Stimmung ein. Akustische Gitarren, Mandoline und ruhige Rhythmen begleiten eine Reihe rätselhafter Erinnerungsbilder aus Bars, Straßen und Begegnungen vergangener Jahre. Der Song wirkt wie ein lose verbundenes Tagebuch aus Fragmenten und Eindrücken. Den formidablen Abschluss bildet ´The Monsters Of Pig Alley´. Hier erzählt Morrissey die Geschichte eines jungen Menschen, der Ruhm sucht und ihn schließlich erreicht, während Familie und Herkunft immer weiter in den Hintergrund treten. Die Musik verbindet Gitarrenpop mit einer elegischen Melodie und führt das Album zu einem nachdenklichen Ende.

Mit ´Make-Up Is A Lie´ präsentiert Morrissey ein Album voller Geschichten, Ironie und emotionaler Zwischentöne. Die Songs verbinden klassischen britischen Gitarrenpop mit gelegentlichen Ausflügen in Folk, Disco und orchestrale Rockpassagen. Gleichzeitig bleibt Morrissey der scharfsinnige Beobachter, der persönliche Erinnerungen, gesellschaftliche Kommentare und literarische Bilder zu einem unverwechselbaren Stil formt. Auch nach Jahrzehnten im Musikgeschäft wirkt seine Stimme wie ein vertrauter Erzähler – jemand, der seine Geschichten mit einem leisen Lächeln und einer gehörigen Portion Melancholie vorträgt.

(8,5 Punkte)

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