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ARCHIVE – Glass Minds

2026 (Dangervisit) - Stil: Progressiver Trip-Hop Rock

Mit ´Glass Minds´ legt das britische Kollektiv ARCHIVE sein inzwischen 13. Studioalbum vor – ein Werk, das zugleich Rückbesinnung und Weiterentwicklung ist. Seit den Neunzigerjahren bewegen sich Darius Keeler und Danny Griffiths zwischen Trip-Hop, elektronischem Art Rock, Ambient und Alternative. Auch diesmal entsteht daraus ein atmosphärisches Klangbild, das gleichermaßen düster, cineastisch und emotional wirkt.

Der Ausgangspunkt für das neue Album war laut Darius Keeler der Song ´Patterns´. Seine minimalistische Struktur und die melancholische Schwere erinnerten ihn an die Arbeitsweise des Debüts ´Londinium´ – ein Ansatz, der auch den Rest der Platte prägt. Gleichzeitig hörte er während der Entstehung häufig Edward Elgars Orchesterwerk ´Nimrod´, was schließlich zur Idee führte, erstmals Blechbläser in die Arrangements einzubauen.

Das Ergebnis ist ein bewusst weitläufig angelegtes Album mit zwölf langen, geduldig entwickelten Tracks. Statt schneller Höhepunkte setzen ARCHIVE auf langsame Spannungsbögen, dichte Atmosphäre und ein Spiel aus elektronischen Texturen, Stimmen und organischen Instrumenten.

Der instrumentale Opener ´Broken Bits´ eröffnet das Album mit schweren, beinahe industriell wirkenden Klangflächen. Pulsierende Elektronik und zischende Geräuschfragmente erzeugen eine düstere Grundspannung, aus der sich das Album langsam entwickelt. Der Titelsong ´Glass Minds´ setzt dagegen auf Reduktion. Archaische Schlagimpulse, vereinzelte Klaviernoten und der ätherische Gesang von Lisa Mottram formen eine fragile elektronische Ballade über die Zerbrechlichkeit innerer Gedankenwelten.

Mit ´Patterns´ folgt der kreative Kern des Albums. Über ein ruhiges Klaviermotiv, elektronische Texturen und einen schweren Rhythmus wächst der achtminütige Track langsam zu einem melancholischen Klangstrom heran – minimalistisch, aber emotional sehr eindringlich. ´Look At Us´ bringt anschließend deutlich mehr Energie mit. Motorische Rhythmen, Gitarren und ein vermehrt eingesetzter Refrain verleihen dem Stück einen beinahe hymnischen Charakter.

In ´When You’re This Down´ dominieren wieder dunklere Töne. Ein hypnotischer Rhythmus und Pollard Berriers Gesang erzeugen eine bedrückende Atmosphäre, die sich langsam entfaltet. Über einer leicht nervösen Klangkulisse entwickelt sich ´So Far From Losing You´ mit einer sehr eingängigen Melodie, während ´Wake Up Strange´ eine leicht elektronische Richtung einschlägt. Ein hoch gesungener Refrain und wirbelnde Synthesizer verleihen dem Song eine fast popartige Dynamik.

Mit ´City Walls´ folgt einer der persönlichsten Momente der Platte. Pollard Berrier schrieb den Song über die Demenzerkrankung seiner Mutter. Die Musik bleibt melancholisch, während sich die emotionale Schwere langsam entfaltet. ´The Love The Light´ wirkt hingegen deutlich direkter. Ein stark betonter Refrain treibt den Song voran und verleiht ihm eine beinahe hypnotische Intensität.

Besonders eindrucksvoll ist ´Shine Out Power´. Orgelklänge und neoklassische Arrangements verleihen dem Stück eine majestätische Tiefe, während der Song zu den eingängigsten Momenten des Albums zählt. Mit ´Heads Are Gonna Roll´ folgt allerdings der größte stilistische Bruch. Der Essex-Rapper Jimmy Collins trägt aggressive Rap-Passagen bei, die einen deutlichen Kontrast bilden. Den Abschluss gestaltet ´Where I Am´, ein ruhiger, atmosphärischer Track, der in eine tranceartige Schlussstimmung führt.

´Glass Minds´ zeigt ARCHIVE in einer Phase konzentrierter Reife. Die Band setzt stärker als zuvor auf Raum und emotionale Tiefe, während elektronische Texturen, Bläserarrangements und mehrere Gesangsstimmen ein dichtes, cineastisches Klangbild formen. Statt spektakulärer Experimente steht die sorgfältige Ausarbeitung ihrer Stärken im Mittelpunkt – lange Spannungsbögen und eine melancholische Atmosphäre. So entsteht ein düster schimmerndes „Nachtalbum“, das seine Wirkung erst über die gesamte Laufzeit entfaltet und ARCHIVE einmal mehr als atmosphärische Klangarchitekten bestätigt.

(8 Punkte)

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Pic: Yagub Allahverdiyev

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