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WILD HORSES – Standing Our Ground – Complete Recordings 1978-1981 (Boxset)

2026 (Hear No Evil Recordings) - Stil: Hard Rock

Völlig überraschend für mich ist dieses Gesamtwerk der Band von Brian Robertson und Jimmy Bain veröffentlicht worden. Nachdem Brian “Robbo” Robertson von Philip Lynott endgültig bei THIN LIZZY nach einigen Verfehlungen vor die Tür gesetzt wurde und auch Jimmy Bain zusammen mit Kumpel Tony Carey nach ´Rising´ und ´On Stage´ auf Druck von Ritchie Blackmore RAINBOW verlassen musste, fanden die “Gefeuerten” hier zusammen.

Jimmy war mit Philip Lynott befreundet und Philip gab WILD HORSES auch kleinere Starthilfen. Er mochte Robbo auch, wollte ihn nur (leider) nicht mehr bei THIN LIZZY haben (Brian bestätigt das im Interview). Robbo und Jimmy waren damals schwer in Sachen “Partygeschehen” unterwegs. Robbo trank Unmengen, Jimmy war auch härtesten Dingen nicht abgeneigt. Multikönner Neil Carter und Drummer Clive Edwards (später auch bei UFO) spielten die erste Platte ein. John Lockton ersetzt Neil auf der zweiten Platte. 

Leider konnte die Band trotz Vorschusslorbeeren den Erwartungen nicht ganz entsprechen. Robbo und Jimmy bekamen sich in die Haare. Robbo sah es als entscheidenden Fehler an, dass Jimmy die Vocals übernahm. Hatte doch Steve Perry von JOURNEY seine Dienste angeboten und auch Charlie Huhn (Ted Nugent, später VICTORY) war im Gespräch. Robbo hat sich meistens geweigert, in Interviews ausführlich über die Band zu sprechen.

Umso großartiger, dass im Box-Set ein langes, aktuelles Interview mit dem inzwischen in den Ruhestand getretenen enthalten ist. Die Rechte der Songs liegen inzwischen bei ihm. Jimmy Bain ist ja leider auch schon 2016 gestorben. Im Interview bestätigt Robbo vieles. Er mochte die Produktion von Kit Woolven beim 2. Album, der alles tat, was Jimmy wollte, nicht. Vor allem die vielen Bass-Pedale. Es gibt auch interessante Infos für den THIN LIZZY-Supporter. Er spielte auf ´Bad Reputation´ fast auf allen Songs mit (hatte er schon mehrmals gesagt) und auch ´Waiting For An Alibi´ oder gar ´Black Rose´ wurde von ihm und Scott schon auf Demos vorbereitet, bevor Gary Moore die Gitarre übernahm. Spannend. Auch die Story, dass Brian 1982 mit Philthy Animal Taylor nach ihrem gemeinsamen Ausstieg aus MOTÖRHEAD mit Philip Lynott ein neues Projekt starten wollten. Leider war Philipp zum vereinbarten Zeitpunkt nicht anwesend, weshalb Philthy das Projekt gleich wieder hinschmiss (obwohl er ein großer THIN LIZZY-Supporter war). Schade.

Nun aber geschwinde zu den sechs CDs:

CD 1: The First Album Original Mix / 2025 Remix

Das erste Album hat etwas Naives, überzeugt aber mit teilweise tollen Songs wie ´Reservation´ (bis auf den gut gemeinten Text), ´Criminal Tendencies´, ´No Strings Attached´ und den Songs mit Unterstützung von Philip Lynott (´Fly Away´) und Scott Gorham (´Dealer´). Ich persönlich mag auch die beiden von Robbo gesungenen Songs, das großartige ´Blackmail´ (gibt’s auch irgendwo mit Gesang von Philip Lynott im THIN LIZZY Katalog auf der ´Rock Legends´ Box) und ´Night’s On The Town´ sehr gerne. Die Produktion ist sehr basslastig. Der Gesang von Jimmy gewöhnungsbedürftig, aber originell. Über allem schwebt das überragende Gitarrenspiel von Brian Robertson.

Der neue Mix: 

Der neue Mix von acht der zehn Songs ist etwas klarer und differenzierter. Mal ist eine Gitarrenspur stärker reingemischt (z. B. bei ´Blackmail´), die Background Vocals verstärkt, Background-Vocals dazugemischt (´Dealer´) oder die Version ist deutlich länger mit Jam-Session (´Street Girl´ plus mehr Keyboards) etc. Aber für mich gilt: Was ich schon seit fast 50 Jahren gehört habe, will ich auch weiter wie gewohnt hören. Das war auch bei den neuen THIN LIZZY-Remixes so. Von ´Street Girl´ gibt es noch eine Alternativversion und die harte Single B-Seite ´The Rapist´ (Single A-Seite ´Criminal Tendencies´), schon als Bonus auf CD veröffentlicht.

CD 2: Stand Your Ground Original Mix / 2025 Remix

´Stand Your Ground´ war insgesamt härter und professioneller, aber auch etwas kälter als das Debüt. Lag auch an der Produktion von Kit Woolven. Ich mag das Album genauso wie das erste. Bei Brian Robertson ist es – wie oben geschildert – vor allem wegen der Produktion “durchgefallen”. Aber Songs wie ´I’ll Give You Love´, ´The Axe´, ´In The City´, das sanfte ´Precious´ (eines von drei Lieblings-Liedern von Brian neben ´Criminal Tendenscies´ und ´Face Down´), das an AC/DC angelehnte ´Stake Out´ oder der Titelsong sind aus meiner Sicht sehr gut. Es wurde versucht, die Texte etwas sozialkritischer zu gestalten. Jimmy singt ein wenig professioneller, es fehlt etwas der Charme des Debüts. Die Leadgitarrenarbeit von Brian Robertson ist wieder legendär.

Der Remix / Bonus:

Fünf Songs sind remixed. Aus meiner Sicht nichts Revolutionäres. Mit dem poppigen, funkigen ´Because I Care´ und dem Outtake von ´The Stash´ mit Vocals von Robbo (sehr gelungen ) gibt es einen doppelten Bonus. 

CD 3: The First Album Bonus Tracks

Jetzt wird es für die WILD HORSES-Enthusiastinnen und -Enthusiasten spannend. 

Erst noch einmal ´The Rapist´. Ein paar Demos, relativ wertvoll. ´Top Mod´ ist eine frühe Fassung von ´Face Down´ mit viel Hall im Gesang. ´Blackmail´ großartig wie immer. ´Fly Away´ mit Philip Lynott am Mikrofon, akustisch, mit Orgel und Mundharmonika ist natürlich dank Philip großartig, noch deutlich sanfter, wenn auch mit dünnem Sound. Anschließend gibt es den Song noch einmal mit klarem Sound und Gary Moore als Gast, aber deutlich weniger Charisma.

´Dealer´ kommt mit schwacher Produktion und Neil Carter, der sicher der bessere Sänger gewesen wäre. Das hat er zumindest später live mit Gary Moore bewiesen, als er diesen immer wieder beim Gesang unterstützte. Nächster Höhepunkt eine lange Version von ´Nights On The Town´. ´Retribution´ ist ein unveröffentlichter Song, der auch gut auf die Platte gepasst hätte. Sehr interessant und mit langem Gitarrensolo.

´Breathe On Me´ ist ein Ronnie Wood-Titel von seinem 1975er Album ´Look Now´ mit gutem Gitarrensolo. Klar. Drei alternative Versionen folgen noch, das akustische ´No Strings Attached´ ist dabei am spannendsten. Einiges wurde 2025 neu gemixt.

CD 4: Stand Your Ground Bonus Tracks

Weiter zum zweiten Album. Die starke B-Seite ´The Kid´ startet (bereits als Bonus veröffentlicht). ´Rocky Mountain Way´ live Osaka, Japan. Ein Song von Joe Walsh mit viel Gitarren- und Basspower. ´Saturday Night´ (eigentlich ´On A Saturday Night´ von Eddie Floyd und Steve Cropper) ist die nächste Coverversion aus Osaka. Robbo singt und spielt eine traditionelle Gitarre. 

´Everlasting Love´, ein Studio-Cover von der Band LOVE AFFAIR, auch bekannt von U2 und vielen anderen. Dann fünf Demos von Songs von ´Stand Your Ground´ plus ´I Don’t Care´. Ist okay, ein paar neue Aspekte. Interessanter der THIN LIZZY-Song ´Are You Ready´ (für Brian eigentlich ein “Füll-Song”), gesungen von Neil Carter, allerdings wirklich im Demo-Brummsound. Auch beim ´Back In The U.S.A.´- und ´The Kid´-Demo macht Neil klar, dass er wahrscheinlich der bessere Sänger gewesen wäre.

CD 5: Live At The Marquee Club

Das Konzert hatte ich noch nicht vorliegen. Zehn Songs mit eher schwachem Sound (übersteuert vor allem bei den Gitarren, schade), vom ersten Album und viele Coverversionen. Schon ´The Dealer´ zu Beginn zeigt das gute Zusammenspiel. ´One Call A Week´, ein sehr schöner, nicht im Studio veröffentlichter, Song. ´Nights On The Town´ gewidmet Manager Chris O’Donnell (auch THIN LIZZY-Manager). Gegen Schluss eine knapp 14-minütige Version von ´Saturday Night´ und zweimal ´Rocky Mountain Way´. Viel Freiraum für lange Instrumentaljams und viele Ansagen zur Band. Leider ist der Sound des ganzen Konzerts nur mittelmäßig.

CD 6: Live In Tokyo 1980

Dieses Konzert gab es schon auf CD. Der Sound ist deutlich besser als beim Marquee Konzert (bis auf den auch eher schwachen Schlagzeugsound). 17 Songs vom ersten Album, B-Seiten und Coverversionen, aber auch ´I’ll Give You Love´ oder der natürlich nicht selbst verfasste (wie fälschlicherweise in manchen Infos steht) und nie zu Studioehren gekommene Don Nix-Klassiker ´Going Down´ in einer starken Version. Auch ´Rock Me Baby´ zum Schluss ist selbstverständlich eine Coverversion von B.B. King.

Das war es. Zum relativ abrupten Ende der WILD HORSES habe ich bei der Besprechung der ersten Platte auf einen Link verwiesen. Ist ganz unterhaltsam. Und durch das lange, völlig überraschende Interview mit Brian Robertson gibt es neue Facts und es ist noch etwas besser verständlich, was letztendlich bei WILD HORSES auch schief ging (angefangen vom mangelnden Support der Plattenfirma). Für WILD HORSES Versteherinnen- und Versteher und Komplettlisten sehr empfehlenswert. Es reicht aber ehrlicherweise für andere auch, nur die ersten beiden Alben zu besitzen. Vielleicht gibt es bald eine Vinyl-Wiederveröffentlichung. Es gibt aber auch die Originale meist zu einem ordentlichen Preis zu kaufen.

(Zwei unterschätzte Klassiker mit besserem und schlechterem Bonus- Material)

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