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GENE AMMONS – Blue Gene

1958/2026 (Analogue Productions/Prestige) - Stil: Jazz

Als Gene Ammons am 2. Mai 1958 im Van Gelder Studio in Hackensack vor das Mikrofon trat, war er längst eine feste Größe im Hard Bop. Doch ´Blue Gene´, erschienen bei “Prestige”, bündelt seine Stärken in seltener Klarheit. Die Session fand im legendären Wohnzimmerstudio von Rudy Van Gelder statt, jenem umgebauten Raum mit niedriger Decke und enger Aufstellung, der den Instrumenten diese unmittelbare Präsenz verleiht. Hier entstand ein Sound, der warm und direkt wirkt, als stünde das Septett nur wenige Schritte entfernt.

Gene Ammons, von Kollegen „Jug“ genannt, spielt Tenorsaxophon mit diesem großen, bluesgetränkten Ton, der aus der Swing-Ära kommt und im modernen Kontext der späten Fünfzigerjahre kraftvoll weiterlebt. Neben ihm stehen Idrees Sulieman an der Trompete und Pepper Adams am Baritonsaxophon. Dazu Mal Waldron am Klavier, Doug Watkins am Bass, Art Taylor am Schlagzeug und Ray Barretto an den Congas. Diese Besetzung war kein Zufallstreffer, die Musiker kannten sich aus früheren “Prestige”-Sessions. Man hört das gegenseitige Vertrauen in jedem Einsatz.

Alle vier Stücke stammen aus der Feder von Mal Waldron, der hier noch tief im Blues verwurzelt komponiert, mit klaren Themen und offenen Passagen für ausgedehnte Soli.

Der Opener ´Blue Gene´ nimmt mit knapp vierzehn Minuten ein Drittel der gesamten Spielzeit ein. Ein mittleres Tempo, ein erdiges Riff, dann setzt Gene Ammons mit seinm Tenorsaxophon an und entwickelt sein Solo mit ruhiger Selbstverständlichkeit. Sein Ton ist breit und satt, immer erzählend. Idrees Sulieman setzt mit scharfen Trompetenlinien Kontraste, während Pepper Adams mit kräftigem Ton seines Baritonsaxophon antwortet, kernig und markant. Ray Barretto verleiht dem Groove eine zusätzliche, leicht latin gefärbte Würze.

´Scamperin’´ erhöht das Tempo. Erst das Piano, dann liefern sich die Bläser schnelle, pointierte Einsätze. Hier zeigt sich die Energie einer klassischen Blowing-Session: lange Soli, direkte Reaktionen, spürbare Spielfreude. Art Taylor treibt dieses mit klar akzentuiertem Schlagzeugspiel an, Doug Watkins geht elastisch mit und Ray Barretto gibt dem Rhythmus obendrein einen tänzerischen Schwung. Gleichwohl wirkt das Stück wie ein konzentrierter Hard Bop-Kracher.

´Blue Greens And Beans´ bringt eine entspannte, groovebetonte Stimmung zurück. Der Titel zielt augenzwinkernd auf Bodenständigkeit und den großen Schuss Blues. Gene Ammons phrasiert ganz entspannt mit weichem Vibrato, Idrees Sulieman übernimmt als schöner Kontrast mit einem helleren, stechenden Sound. Pepper Adams bringt die nötige Tiefe und eine gewisse Aggressivität ein, ehe Mal Waldron eher zurückhaltend präzise Akkorde am Piano hinzufügt. Nichts wirkt überladen, alles dient dem Fluss der Improvisation.

Mit ´Hip Tip´ schlägt das Album einen anderen, einen melancholischen Ton an. Denn das Stück steht in Moll und bewegt sich langsamer, fast balladesk. Die Bläser setzen dichter aneinander, erzeugen eine dunklere Färbung. Gene Ammons spielt hier besonders gesanglich, zieht Töne lang, variiert sie mit feinen Nuancen. Diese Komposition zeigt, dass ´Blue Gene´ mehr ist als eine reine Blues-Session; sie öffnet ein Fenster zu einer nachdenklicheren Seite des Leaders.

Historisch markiert das Album einen Wendepunkt. Kurz nach dieser Aufnahme begann Gene Ammons’ erste längere Haftstrafe wegen Heroinbesitzes – eine Folge der damals extrem harten US-Drogengesetze, insbesondere des Boggs Act von 1951 und des Narcotics Control Act von 1956. “Prestige” veröffentlichte in den folgenden Jahren weiteres Material aus dieser Phase, um seinen Namen präsent zu halten. So steht ´Blue Gene´ auch für das Ende einer produktiven Periode, festgehalten in einem Moment kreativer Hochform.

Audiophil besitzt die Aufnahme besonderen Rang. Lange war nur eine Mono-Version bekannt, bis die originalen Stereo-Masterbänder wiederentdeckt wurden. Die spätere Wiederveröffentlichung durch “Analogue Productions” in der “Fantasy-45-Serie” hebt diese Qualitäten deutlich hervor. Gemastert von Kevin Gray und Steve Hoffman bei Acoustech Mastering, auf zwei 180g-LPs mit 45 Umdrehungen pro Minute geschnitten und bei “Quality Record Pressings” gepresst, gewinnt der Klang an Tiefe und Transparenz. Verpackt ist die Edition in einer Stoughton Printing Old Style Tip-On Gatefold-Hülle mit matter, widerstandsfähiger Oberfläche.

´Blue Gene´ bleibt damit ein Referenzwerk des Soul-Jazz und Hard Bop, getragen von Gene Ammons’ unverwechselbarem Ton und einer Band, die mit konzentrierter Energie spielt. Wer wissen möchte, wie warmer, bluesgetränkter Jazz der späten Fünfzigerjahre in Bestform klingt, findet hier eine Aufnahme, die auch Jahrzehnte später nichts von ihrer Kraft eingebüßt hat.

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