MeilensteineOnly Jazz Is RealVergessene Juwelen

MAL WALDRON TRIO – Rat Now…Paris 70

2024 (Sam Records) - Stil: Jazz

Paris, 10. März 1970. Im Salon des Palais d’Orsay Hotels zeichnet der französische Rundfunk eine Ausgabe von „Jazz Vivant“ auf, präsentiert von André Francis. Das Internationale Sound Festival bringt audiophile Enthusiasten und Jazzmusiker zusammen, und mitten in diesem Umfeld steht Mal Waldron am Flügel, flankiert von Jean-François Catoire am Bass und Christian Vander am Schlagzeug. Mehr als fünf Jahrzehnte später erscheint dieses Konzert erstmals offiziell, mit Zustimmung des Mal Waldron Estate und des INA. Ein Dokument einer Phase, in der sich Mald Waldron nach persönlichen Abgründen neu erfand und in Europa künstlerisch aufblühte.

1969 hatte er mit ´Free At Last´ das erste Album des jungen ECM-Labels eingespielt, roh und kompromisslos. In Paris knüpft er daran an und treibt die Idee des Trios weiter. Christian Vander, Mitbegründer von MAGMA, bringt eine Energie mit, die aus dem Progressive Rock gespeist ist und sich hier vollkommen in den Jazz einfügt. Jean-François Catoire, seit Jahren an Christian Vanders Seite, verankert das Geschehen mit einem robusten, präzisen Bassspiel.

Der Opener ´Rat Now´ (aus dem Album ´Free At Last´, 1970) marschiert sofort los. Das Thema erscheint als markantes, dunkles Riff mit hartnäckiger Wiederholung. Mal Waldron schlägt mit der linken Hand schwere, stoische Akkorde, während die rechte Hand scharfe Figuren und Läufe darüberlegt. Christian Vander reagiert explosiv, mit wirbelnden Becken und polyrhythmischen Attacken, die dem Stück eine freie, beinahe progressive Schlagseite verleihen. Hier treffen Thelonious Monk und Bud Powell auf eine rhythmische Wucht, die an Rock erinnert, ohne ihre jazzige Substanz zu verlieren.

´Champs-Elysées´ greift eine Komposition aus den späten Fünfzigerjahren auf (aus dem Album ´Impressions´, 1959) und verwandelt sie in eine bluesgetränkte, leicht düstere Erzählung. Das Thema wird erst vorgestellt, dann öffnen sich lange Improvisationspassagen. Mal Waldron arbeitet mit repetitiven Motiven, steigert sie in kleinen Schritten, bis Christian Vander mit Breaks eingreift und das Stück in neue Bahnen schiebt. Jean-François Catoire bleibt dabei souverän, sein Walking Bass ist kräftig, stets präsent. Bass- und Schlagzeug-Solo, gemeinsames Spiel – das Trio wirkt eingespielt, vertraut und entschlossen.

Mit ´Rock My Soul´ (ebenfalls aus dem Album ´Free At Last´, 1970) zündet das Trio den Turbo. Das Tempo ist fast atemlos. Mal Waldron hämmert seine Figuren in die Tastatur und Christian Vander treibt mit donnernden Wirbeln nach vorn, sein Spiel wirkt aggressiv und voller Druck. Die kurzen Momente des Innehaltens nutzt Jean-François Catoire für markante Bassfiguren, die das Finale vorbereiten, das in einem fiebrigen Ausbruch endet.

´Mount Fujiyama´ (aus dem Album ´Tokyo Bound´, 1970) beschließt das Konzert mit einer episch angelegten Komposition, inspiriert von Mal Waldrons erster Japanreise im Winter 1969/70. Das Thema entfaltet sich beinahe meditativ, mit klaren Akkordblöcken und melodischen Fragmenten. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Christian Vander streut freie Passagen ein, arbeitet mit unerwarteten Akzenten, während Jean-François Catoire mit tiefem Ton das Fundament legt. Hier verbinden sich Mal Waldrons New Yorker Wurzeln mit einer offenen, weltgewandten Perspektive.

Dieses Konzert zeigt einen gereiften Mal Waldron, der seine Sprache nach Jahren der Krise neu definiert hat. Weg vom reinen Post Bop, hin zu einem eigenwilligen und zugleich kraftvollen Stil, der Minimalismus mit eruptiver Energie verbindet. Die Chemie mit Christian Vander ist ein Glücksfall. Der Mastermind von MAGMA bringt eine progressive, beinahe avantgardistische Note ein, die dem Trio eine besondere Schärfe verleiht. Jean-François Catoire fungiert als stabiler Gegenpol und hält das Gefüge zusammen.

Die Veröffentlichung durch “Sam Records” im Rahmen der „The Lost Live Series“ ist ein Glücksgriff. Remastert durch François Lê Xuân von den originalen Stereo-Bändern des INA und von Kevin Gray bei Cohearent Mastering geschnitten, klingt diese 180g-Pressung erstaunlich präsent und direkt.

Gepresst wurde bei Garcia & Co. in Marciac, die Auflage ist auf 3000 Exemplare limitiert. Das Tip-on-Gatefold ist hochwertig gefertigt, mit Fotografien von Thierry Trombert und Artwork von Jean-Louis Duralek. Innen findet sich ein stimmungsvolles Bild von Mal Waldron im Pariser Stadtbild, das den Zeitgeist der frühen Siebzigerjahre einfängt. Diese Edition verbindet musikalische Substanz mit audiophiler Sorgfalt und dokumentiert einen Abend, der lange im Archiv schlummerte und heute als kraftvolles Zeugnis eines erneuerten Künstlers leuchtet.

(9,5 Punkte)

https://www.facebook.com/profile.php?id=100063479839313
https://www.facebook.com/profile.php?id=100063931740671

Ähnliche Artikel

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"