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THOMAS ROTH – Maskenball

2026 (MiG Music) - Stil: Folk/Folkrock

Die Nyckelharpa wirkt auf den ersten Blick wie eine Geige aus einer anderen Zeit, doch wer sie einmal aus der Nähe erlebt, versteht sofort ihre Eigenwilligkeit. Bogen in der rechten Hand, Tasten unter den Fingern der linken, dazu Resonanzsaiten, die mitschwingen und dem Ton einen schimmernden Kern verleihen. Seit Jahrhunderten prägt dieses Instrument die schwedische Musiktradition. Einer der profiliertesten Vertreter dieser Klangwelt ist der deutsche Musiker Thomas Roth, der die Nyckelharpa aus dem historischen Kontext löst und in neue musikalische Szenarien führt.

Seine Laufbahn begann mit DES GEYERS SCHWARZER HAUFEN, später GEYERS, einer der ersten deutschen Formationen, die Mittelalterinstrumente mit Rock verbanden. Nach dem tragischen Tod des Schlagzeugers Jost Pogrzeba endete dieses Kapitel, und Thomas Roth ging neue Wege, unter anderem auf Tour mit BLACKMORE’S NIGHT um Ritchie Blackmore und Candice Night. Dort schärfte er sein Gespür für die Verbindung von Renaissance-Flair und Rock-Dramatik.

Mit ´Maskenball´ setzt Thomas Roth diesen Weg eigenständig fort. Produziert von Alex Krull, bekannt durch TANZWUT und andere Grenzgänger zwischen Mittelalter und Metal, klingt das Album kraftvoll und klar fokussiert.

Der Auftakt ´Le Grand Louis´ präsentiert sich als orchestraler Rock-Song mit treibendem Schlagzeug und sattem Bass. Die Nyckelharpa führt das Thema und spielt schnelle Läufe. Man vernimmt höfische Eleganz, doch darunter brodelt Rockenergie. Im Titelsong ´Maskenball´ klingt die Nyckelharpa geheimnisvoll, beinahe beschwörend. Das Stück entwickelt sich sogar zu einem dramatischen Rock-Epos.

´Jerusalem´ entfaltet eine cineastische Wucht. Orchestrale Streicher, ein orientalisch gefärbtes Motiv, darüber die Nyckelharpa mit klar geführter Melodie. Gastvokalistin Elina Siirala (LEAVES’ EYES) verleiht dem Stück mit ihrem Gesang eine hymnische Größe. Mit ´Tanz´ folgt ein rhythmisch pointiertes Stück, das klassische Tanzmotive aufgreift und sie mit kraftvollem Schlagzeug unterlegt. Die Nyckelharpa springt zwischen schnellen und markanten Figuren, ein lebendiger Track.

´Welsh Air´ verweist auf Thomas Roths enge Verbindung nach Wales. Die Melodie ist leicht melancholisch, getragen von Klavier und Streichern. Die Nyckelharpa singt hier fast wie eine menschliche Stimme, ruhig und erzählend. In ´Der Mann aus Halle´ greift Thomas Roth Georg Friedrich Händels Sarabande auf und verwandelt sie in ein dramatisches Arrangement. Das Stück steigert das Thema Schritt für Schritt, bis es fast hymnisch wirkt.

´Swedish Pictures´ ist eine Hommage an die Herkunft des Instruments. Folk-Motive, rockige Gitarrenpassagen und orchestrale Elemente greifen ineinander. Man hört schwedische Landschaft, traditionelle Melodien, zugleich progressive Rockenergie. Mit ´Seasick Sailor´ liefert Thomas Roth eine lebhafte Folk-Nummer. Flöte, Mandoline, Akkordeon und Bodhrán sorgen für ein tänzerisches Fundament, die Nyckelharpa führt das Thema mit schnellen, klar artikulierten Läufen. Das Stück wirkt wie ein maritimes Volkslied.

Den Abschluss bildet ´Ingredients´, ein Solo-Stück für die Nyckelharpa. Hier zeigt Thomas Roth seine technische Souveränität. Schnelle Läufe, kurze Zitate klassischer Themen und sogar ein augenzwinkernder Verweis auf ein bekanntes Rockriff aus dem Umfeld von Ritchie Blackmore.

´Maskenball´ ist damit weit mehr als ein Genre-Experiment. Thomas Roth führt die Nyckelharpa aus der historischen Kulisse in eine Welt zwischen Prog Rock, Folk Rock und orchestraler Dramatik. Das Instrument bleibt dabei stets im Zentrum, als Erzähler, als Solist, als treibende Kraft. Ein Album, das Tradition respektiert und zugleich mit Selbstbewusstsein überschreitet, virtuos gespielt und klug produziert.

(8 Punkte)

https://www.facebook.com/thomas.roth.7169

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