
Fast drei Jahrzehnte nach der Gründung setzen KARIBOW mit ´Ophelia´ ein weiteres Ausrufezeichen. Multiinstrumentalist Oliver Rüsing führt sein Projekt mit der Souveränität eines erfahrenen Komponisten, der Neo-Prog, AOR und sinfonische Elemente zu einem geschlossenen Werk bündelt. Die Produktion klingt kraftvoll und klar. Dass dieses Album ausdrücklich als rein menschliche, vollständig KI-freie Arbeit entstanden ist, unterstreicht den Anspruch, hier ein echtes Kunstwerk vorzulegen.
Die kurze ´Overture´ eröffnet das Album orchestral, mit Klavier von Oliver Rüsing und Violine von Markus Savic. Streicherflächen steigen auf, das Motiv trägt bereits jene Melancholie in sich, die den Kern der folgenden Geschichte bestimmt.
Der Titelsong ´Ophelia´ zieht die Gitarren an und entfaltet sich als melodischer Prog-Rocker mit hymnischem Refrain. Oliver Rüsing singt mit Nachdruck von Verlust, Zweifel und dem drohenden Absturz, wenn er wundervoll „Ophelia“ beschwört und zwischen Bewusstsein und Verdrängung schwankt. Die Gitarren singen förmlich mit und steigern sich in expressive Soli. ´On Higher Ground´ wirkt nicht weniger zielgerichtet und energetisch. Ein klarer Beat, eingängige Hooklines und ein kraftvoller Refrain tragen den Song. Inhaltlich geht es um Aufbruch und Hoffnung, musikalisch um melodischen Neo-Prog in klar strukturierter Form.
Mit ´Unreal´ folgt der erste Longtrack des Albums. Über zehn Minuten entwickelt sich eine vielschichtige Komposition, die zwischen ruhigen Keyboard-Passagen, rockigen Gitarrenriffs und dramatischen Steigerungen pendelt. Die Violine von Markus Savic setzt markante Akzente, während Oliver Rüsing in den Texten von Verwirrung, Identitätskrise und der Frage nach Wirklichkeit singt. Wenn er wiederholt fragt, ob alles nur ein Spiel sei oder real, trifft das die Grundstimmung des Stücks. ´Down To Earth´ bringt hingegen eine erdigere Gangart. Akustische und elektrische Gitarren greifen ineinander, das Tempo bleibt flott, der Refrain besitzt die gewohnt großartige Eingänigkeit. Andy Pendant steuert ein Saxofon-Solo bei, das dem Song eine zusätzliche Farbe verleiht. Der Text ruft zur Rückbesinnung auf, fordert Ehrlichkeit und innere Reinigung.
In ´State Of Regression´ ziehen KARIBOW die Zügel straffer. Ein markanter Rhythmus, scharfe Gitarren und ein aggressiver Refrain treiben das Stück voran. Die Schlagworte „Lie, Fake, Fear“ werden wie Parolen in den Raum gestellt, der Song wirkt wie ein Kommentar zu einer Welt im Rückwärtsgang. Hier zeigt Oliver Rüsing seine Vorliebe für komplexe Arrangements mit klarer Kante. ´Mercy´ senkt das Tempo und setzt auf emotionale Intensität. Getragene Akkorde, ein fokussierter Gesang und ein Refrain, der die Frage nach Gnade immer wieder stellt, machen diesen Titel zu einem ruhigen Höhepunkt vor dem Finale.
Den Abschluss bildet über fünfzehn Minuten lang die dreiteilige Suite ´Icicles´. In ´The Circle´ dominiert ein kraftvoller Rhythmus, Gitarren und Keyboards steigern sich, während der Text vom Ausbruch aus innerer Erstarrung erzählt. ´Peace´ wirkt wie ein kurzes Innehalten mit sanfter Instrumentierung und konzentriertem Gesang. ´Out Of The Ice´ führt schließlich alle Motive zusammen, steigert sich zu einem epischen Finale mit Bläsern von Andy Pendant und Gitarrensoli von Philipp Dauenhauer. Wenn Oliver Rüsing zum Aufbruch aufruft und das „Eis“ als Bild für Stillstand zerbricht, erreicht das Album seinen dramaturgischen Höhepunkt.
´Ophelia´ präsentiert KARIBOW als lange gereiftes Progressive Rock-Projekt. Oliver Rüsing beweist erneut sein Gespür für eingängige Refrains und detailreiche Arrangements. Dieses Album steht selbstbewusst in der Tradition des melodischen und Hook-orientierten Prog Rock und führt die Geschichte von KARIBOW mit Überzeugungskraft weiter.
(8,5 Punkte)
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