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GURU GURU – Mani Und Seine Freunde

1975/2025 (MiG Music) - Stil: Rock, Krautrock

Als GURU GURU Ende 1974 offiziell Geschichte sein sollten, stand Mani Neumeier längst wieder im Studio. ´Mani und seine Freunde´ erschien 1975 bei “Atlantic” und wirkt rückblickend wie ein verborgenes Soloalbum des Schlagzeugers, der seine Band gerade aufgelöst hatte und doch nicht loslassen konnte.

Aufgenommen wurde das Werk im Jahr 1975 von Conny Plank im legendären „Conny’s Studio“, jenem kreativen Zentrum, in dem ein Großteil des deutschen Avantgarde-Rock seine prägendsten Stunden erlebte.

Mani Neumeier trommelte nicht einfach ein paar Stücke ein, er versammelte die halbe Szene. Hellmut Hattler, Jan Fride und Peter Wolbrandt von KRAAN bringen ihren geschmeidigen Jazzrock ein, Ingo Bischof und Tommy Goldschmidt von KARTHAGO steuern Tasten und Rhythmusgefühl bei, Dieter Moebius und Achim Rodelius von HARMONIA sorgen für elektronische Farbwechsel. Ax Genrich greift wieder zur Gitarre, dazu kommen Sepp Jandrisits und Jogi Karpenkiel, während Champion Jack Dupree mit rauem Blues-Piano und Stimme einen unerwarteten Kontrast setzt. Das Album liest sich wie ein Klassentreffen des Krautrock, klingt jedoch nie nach Pflichtübung, sondern nach Lust am Spiel.

´Sunrise Is Everywhere´ eröffnet sonnig und federnd. Hellmut Hattlers Bass läuft geschmeidig, Jan Fride setzt präzise Akzente, und Mani Neumeier treibt das Stück mit lockerem, jazzigem Schlagzeug nach vorn. Die Musik wirkt fast beschwingt, als wollte sie den düsteren Rest des frühen GURU GURU-Kosmos bewusst abschütteln.

´Chicken Rock´ geht direkter zur Sache. Ein rockiger Groove, gackernde Gitarrenfiguren und ein schelmischer Gesang, der zwischen Parodie und Ernst pendelt. Hier blitzt Mani Neumeiers Hang zum Absurden auf, jener Humor, der später auf ´Tango Fango´ weitergeführt wurde. Das Stück bleibt kompakt, wirkt aber wie ein ausgelassener Jam in einem verrauchten Proberaum.

´It’s Your Turn´ erweist sich als ein längeres Jazzrock-Epos. Über sieben Minuten bauen Hellmut Hattler und Jan Fride ein polyrhythmisches Fundament, während die Gitarre von Peter Wolbrandt geschmeidige Linien zieht. Mani Neumeier setzt kraftvolle Wirbel, wechselt zwischen treibendem Beat und freien Einschüben. Das Stück bleibt dennoch stets kontrolliert und lebendig, getragen von echtem Zusammenspiel.

´Walking, Eating My Hot Dog´ wirkt wie eine schiefe Hommage an Frank Zappa. Der Rhythmus stolpert bewusst, der Gesang ist albern und trocken zugleich. Hinter dem Witz steckt handfeste Musikalität, mit Breaks und überraschenden Wendungen.

´Fly Easy´ ist ein kurzes, fast luftiges Instrumental. Die Band reduziert die Geschwindigkeit, die Gitarren klingen weich, die Keyboards setzen dezente Farbtöne. Ein entspannter Moment zwischen den extrovertierten Stücken.

Das Herzstück folgt mit ´From Another World´. Der zehnminütige Longtrack beginnt mit Naturgeräuschen und elektronischen Flächen von Dieter Moebius und Achim Rodelius. Mani Neumeier steigert sich in einen perkussiven Strudel, schlägt auf Trommeln, Becken und Zusatzinstrumente ein, als würde er ein rituelles Szenario entwerfen. Nach mehreren Minuten bricht der Groove abrupt ab, nur um in ein tribales Finale mit Flöten, Chants und wuchtigen Trommeln überzugehen. Hier zeigt sich die Nähe zu Free Jazz, Weltmusik und experimentellem Rock in einer dichten, fast hypnotischen Passage.

´Woodpecker’s Dream (Ein Märchen aus dem Ulfenbachtal)´ knüpft fast ebenso lang an die Elektrolurch-Tradition an. Glocken, Naturgeräusche, dann beginnt ein skurriles Hörspiel zwischen Specht und Holzwurm, beide gesprochen von Mani Neumeier. Die Stimmen sind verfremdet, das Schlagzeug kommentiert, die Band setzt schräge Akzente. Es klingt verspielt, anarchisch, gleichzeitig präzise arrangiert.

´1, 2, 3, 4, Marsch’n’Rock´ dauert kaum anderthalb Minuten und prescht wie auf Speed nach vorn. Ein knackiger Marschrhythmus, kurze Gitarrenstöße, ein augenzwinkernder Abgesang auf klassische Rock-Gesten. Direkt im Anschluss folgt ´Drink Wine´ mit Champion Jack Dupree, dessen rauer Blues-Gesang und Pianospiel das Album in eine verrauchte Bar versetzen. Dieser Einschub wirkt wie eine Live-Übertragung aus einem anderen Universum und erweitert das stilistische Spektrum noch einmal deutlich.

Abgerundet wird die Platte durch eine Live-Version von ´From Another World´, aufgenommen am 23. März 1974 im “Underground” in Bonn. Hier klingt das Stück roher und mit noch mehr perkussiver Wucht. Es besitzt puren Rock’n’Roll-Vibe.

´Mani und seine Freunde´ ist kein homogenes Werk im klassischen Sinn. Es gleicht einem musikalischen Treffen, bei dem jede beteiligte Persönlichkeit Spuren hinterlässt. Jazzrock, experimenteller Krautrock, Blues, humorvolle Lieder und ausufernde Percussion-Epen stehen gleichberechtigt nebeneinander. Conny Plank hält all das mit klarem, druckvollem Sound zusammen und verleiht der Produktion eine zeitlose Präsenz.

Mani Neumeier zeigt sich als Motor, Entertainer und Improvisator zugleich. Er trommelt aggressiv, verspielt, technisch versiert, greift zum Toy Piano, setzt Geräusche ein, spielt mit Stimmen und Rollen. Dieses Album dokumentiert eine Phase des Übergangs, in der aus der vermeintlichen Auflösung von GURU GURU eine kreative Explosion wurde. ´Mani und seine Freunde´ bleibt ein vielschichtiges Zeitdokument der deutschen Rockavantgarde, mutig und voller Ideen, die bis heute frisch wirken.

https://www.facebook.com/Mani.Neumeier1/

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