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LEE MORGAN – City Lights

1958/2026 (Blue Tone Records) - Stil: Jazz

Als Lee Morgan am 25. August 1957 in Rudy Van Gelders Studio in Hackensack eintraf, war er neunzehn Jahre alt, Mitglied der Big Band von Dizzy Gillespie und längst mehr als ein Wunderkind. ´City Lights´, ein Jahr später bei „Blue Note“ veröffentlicht, zeigt ihn als selbstbewussten Bandleader mit klarem Klangideal. Das Sextett mit Curtis Fuller, George Coleman, Ray Bryant, Paul Chambers und Art Taylor wirkt eingespielt und hellwach, die Arrangements stammen überwiegend von Benny Golson, der dem Album ein präzises Profil gibt.

Der Titelsong ´City Lights´ beginnt mit gestrichenem Bass von Paul Chambers, darüber setzen die Hörner mit einem markanten Motiv ein, das tatsächlich an das Flimmern einer nächtlichen Großstadt erinnert. Schlagzeuger Art Taylor legt einen treibenden Ride-Cymbal-Teppich darunter, Pianist Ray Bryant setzt akzentuierte Akkorde, und Lee Morgan stößt die Trompete mit scharfem, klarem Ton in das Uptempo-Geschehen. Sein Solo wirkt entschlossen, mit schnellen Läufen, klar gesetzten Akzenten und kurzen, energischen Phrasen. Saxophonist George Coleman folgt mit einem kraftvollen Tenor, Curtis Fuller bringt mit seiner Trombone Wärme und geschmeidige Glissandi ins Spiel. Hier wird nicht einfach geblasen, hier wird ein Thema konsequent durchdekliniert.

´Tempo De Waltz´ überrascht mit federndem Dreivierteltakt. Curtis Fuller eröffnet mit einem eleganten Solo, das zwischen klassischem Walzer-Flair und Hard Bop-Swing pendelt. Lee Morgan phrasiert breit und selbstsicher, hält einzelne Töne bewusst stehen und zieht dann mit schnellen Figuren nach. George Coleman greift zum Altsaxophon und setzt helle, fast leichtfüßige Linien darüber. Ray Bryant bringt mit perlenden Läufen zusätzliche Spannung hinein, während Art Taylor den Walzer mit festem Schlag formt.

Mit ´You’re Mine You´ rückt Lee Morgan ganz nach vorn. Die Ballade entfaltet sich langsam, beinahe feierlich. Er spielt die Melodie respektvoll aus, mit warmem Ton und feinem Vibrato. In seinem Solo variiert er das Thema behutsam, baut kleine Steigerungen ein, ohne die Grundstimmung zu verlassen. Ray Bryant steuert eine solistische Vorstellung bei, Paul Chambers begleitet mit weichem, getragenem Bass. Hier zeigt sich Lee Morgans Reife jenseits aller Virtuosität.

´Just By Myself´ gehört zu den ausgedehnten Kompositionen des Albums. Über neun Minuten entfaltet sich ein komplex gebautes Stück mit leicht verschobener Form. Lee Morgan geht forsch hinein, mit schnellen, rhythmisch pointierten Phrasen, die immer wieder überraschend abbrechen und neu ansetzen. George Coleman bringt einen robusten Tenorton ein, der an Sonny Rollins erinnert, Curtis Fuller antwortet mit fließenden, technisch sicheren Passagen. Ray Bryant und Paul Chambers erhalten nacheinander Raum für eigene Statements, Art Taylor hält das Tempo straff und präzise. Trotz der Länge bleibt das Stück fokussiert und spannungsgeladen.

Den Abschluss bildet ´Kin Folks´ von Gigi Gryce, ein erdiger Blues in B-Dur mit Stop-Time-Effekten und ebenfalls über neun Minuten. Lee Morgan nutzt hier auch Ventileffekte, die seinem Ton einen raueren Anstrich geben. George Coleman wechselt erneut zum Altsaxophon und setzt lebhafte, bluesige Figuren. Curtis Fuller phrasiert kräftig und direkt, Ray Bryant spielt mit rollenden Akkorden und funkigen Einschüben. Das Stück endet dermaßen energievoll, als hätte sich die Band noch einmal bewusst gesammelt und alles auf eine Karte gesetzt.

´City Lights´ ist Hard Bop in konzentrierter Form, geprägt von klaren Arrangements und starken Solisten. Lee Morgan führt das Sextett mit bemerkenswerter Autorität, sein Spiel wirkt technisch souverän und melodisch durchdacht. Man hört den Einfluss von Clifford Brown, doch zugleich kündigt sich eine eigene Handschrift an. Die Produktion von Alfred Lion und der warme, direkte Klang von Rudy Van Gelder geben dem Ganzen jene Präsenz, die „Blue Note“-Aufnahmen dieser Zeit bis heute unverwechselbar machen.

Die jüngste Veröffentlichung als Teil der „Tone Poet Series“, produziert von Joe Harley und analog von Kevin Gray von den Originalbändern neu gemastert, bringt zusätzliche Transparenz und Tiefe in diese Session. Das stabile, glänzende Gatefold-Cover und die hochwertige Pressung unterstreichen, welchen Rang dieses Album im Katalog von „Blue Note“ einnimmt. ´City Lights´ bleibt ein beeindruckendes Zeugnis eines jungen Trompeters, der bereits mit neunzehn Jahren spielte, als gehöre ihm die große Bühne.

Ein frühes Meisterwerk.

https://www.facebook.com/LeeMorganJazz

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