
SONNY BOY WILLIAMSON – The Real Folk Blues
1966/2026 (Chess Records/Acoustic Sounds Series) - Stil: Blues
Als ´The Real Folk Blues´ 1966 bei “Chess Records” erschien, war Sonny Boy Williamson II bereits tot. Die Aufnahmen stammen allerdings auch aus den Jahren 1957 bis 1964, entstanden in Chicago mit einer Besetzung, die das Rückgrat des elektrischen Blues bildete. Was hier versammelt ist, zeigt Rice Miller aka Sonny Boy Williamson auf dem Höhepunkt seiner Kunst: als Sänger mit schneidendem Tonfall und als Mundharmonikaspieler, der mit Zungenblock-Technik, und diesem tiefen, kehligen Vibrato ganze Geschichten in ein paar Takten erzählt.

Der Opener ´One Way Out´ legt sofort los, mit einem treibenden Shuffle, bei dem Buddy Guy eine bissige Gitarre beisteuert. Sonny Boy Williamson II singt von einer Affäre, die aus dem Ruder läuft, sein Vortrag wirkt verschmitzt und zugleich angespannt. Die Harp sticht zwischen die Gesangszeilen, fast wie spöttische Kommentare. Dieses Stück wurde später von der ALLMAN BROTHERS BAND zur Rock-Hymne geformt, doch hier klingt es rau, direkt, auf den Punkt.
´Too Young To Die´ entwickelt sich zu einer bluesigen Ballade mit klarem, erzählerischem Fokus. Robert Lockwood Jr. setzt elegante Gitarrenfiguren, Otis Spann antwortet am Klavier mit rollenden Akkorden. Sonny Boy phrasiert frei, zieht einzelne Silben in die Länge und setzt seine Mundharmonika wie eine zweite Stimme ein, die klagt und widerspricht.
Mit ´Trust My Baby´ folgt ein rockiger Midtempo-Blues, der von einem festen Groove getragen wird. Die Lyrics kreisen um Loyalität und körperliche Nähe, und genau so klingt das Stück. Die Band hält den Song straff, Willie Dixon am Bass sorgt für ein solides Fundament.
´Checkin’ Up On My Baby´ wirkt hypnotisch, fast wie ein früher Rhythm-&-Blues-Stampfer. Die Orgel von Lafayette Leake schiebt einen dunklen Teppich unter den Song, während Sonny Boy mit selbstbewusster Attitüde kontrolliert und wachsam singt. John Mayall machte das Stück später bekannt, doch das Original besitzt diese lässige Überlegenheit, die sich nicht kopieren lässt.
´Sad To Be Alone´ ist eine melancholische Ballade, mit klarem Fokus auf Stimme und Harp. Sonny Boy Williamson II spielt hier mit Pausen, lässt einzelne Noten stehen und steigert so die Wirkung seiner Klage über Einsamkeit.
´Got To Move´ bringt wieder Schwung ins Geschehen. Ein schneller, treibender Chicago-Blues mit klaren Riffs und einem federnden Schlagzeug von Fred Below. Die Mundharmonika ist weit vorn, hell und durchdringend, während der Gesang entschlossen klingt. THE ROLLING STONES griffen diesen Song auf, doch die Urfassung bleibt unerreicht in ihrer Mischung aus Druck und Eleganz.
Auf der B-Seite eröffnet ´Bring It On Home´, geschrieben von Willie Dixon, mit einer dunklen, fast beschwörenden Einleitung. Sonny Boy singt zunächst zurückhaltend, dann zieht die Band an, Gitarren und Rhythmusgruppe werden druckvoller. LED ZEPPELIN übernahmen später das Intro und das Outro für ihr eigenes ´Bring It On Home´, doch hier liegt die Quelle: purer Chicago-Blues mit klarem Drive.
´Down Child´ kommt als kompakter Rock-Song daher, mit eingängigem Refrain und pointierten Harp-Antworten. Robert Lockwood Jr. und Luther Tucker verzahnen ihre Gitarren, Otis Spann legt rollende Läufe darunter. Der Song wirkt direkt, fast radiotauglich, ohne an Schärfe zu verlieren.
´Peach Tree´ besitzt eine leicht humorvolle Note. Sonny Boy spielt mit Bildern, der Text bleibt doppeldeutig, die Musik groovt locker. Die Mundharmonika setzt kurze, schnelle Läufe, die wie kleine Stiche zwischen die Gesangszeilen fahren.
´Dissatisfied´ stammt aus einer früheren Phase und klingt etwas roher. Der Shuffle ist klar, die Gitarre arbeitet mit einfachen, markanten Figuren. Sonny Boy singt hier mit rauer Kante, die Harp, eine seltene, chromatische Mundharmonika, antwortet mit energisch verbogenen Tönen, die fast heulen.
´That’s All I Want´, erneut von Willie Dixon geschrieben, entfaltet sich als kompakter Midtempo-Blues mit klarer Struktur. Der Refrain bleibt hängen, die Band spielt geschlossen, Sonny Boy phrasiert entspannt und souverän.
Den Abschluss bildet ´Too Old To Think´, ein reifer, leicht resignativer Blues. Das Tempo ist gemäßigt, die Gitarre hält sich zurück, die Mundharmonika spricht mit warmer, leicht rauer Färbung. Sonny Boy Williamson II wirkt hier abgeklärt, fast philosophisch.

Hinter diesem Album steht eine längere Geschichte. Rice Miller nahm bereits 1951 für “Trumpet Records” in Jackson, Mississippi auf. Nach dem Ende des Labels wechselten seine Verträge zu “Chess Records” nach Chicago, wo er ab Mitte der Fünfzigerjahre zu einer Schlüsselfigur wurde. Zwischen 1955 und 1964 entstanden für das Chess-Sub-Label “Checker Records” rund siebzig Aufnahmen. Viele Titel wurden zunächst als Singles veröffentlicht oder blieben unveröffentlicht, ehe sie 1966 im Rahmen der Real-Folk-Blues-Reihe gebündelt erschienen. Produzent Marshall Chess reagierte damit auf das wachsende Interesse an authentischem Chicago-Blues im Zuge der britischen Blues-Begeisterung. Denn Sonny Boy Williamson II hatte in England gespielt, junge Musiker geprägt und wurde zur Referenz für eine ganze Generation.
´The Real Folk Blues´ bündelt die Essenz des Chicago-Blues in seiner klassischen Phase. Die Sessions versammelten Musiker wie Robert Lockwood Jr., Otis Spann, Willie Dixon, Buddy Guy und Fred Below, also jene Künstler, die den elektrischen Chicago-Blues entscheidend formten. Sonny Boy Williamson II steht dabei im Zentrum, seine Mundharmonika führt, kommentiert, fordert heraus. Die Songs sind kompakt, präzise, voller Witz und Schärfe. Sie zeigen einen Künstler, der den Blues beherrschte und ihm zugleich eine unverwechselbare Signatur gab.
Die 2026 veröffentlichte Neuauflage im Rahmen der “Chess Records 75 Series”, gemastert von Matthew Lutthans bei “The Mastering Lab” und gepresst bei “Quality Record Pressings” auf 180g-Vinyl, hebt dieses Material auf ein neues Niveau. Diese Edition bringt die Aufnahmen mit einer Klarheit zurück, die selbst Kenner überraschen dürfte, und macht dieses zeitlose Meisterwerk endgültig zu einem audiophilen Ereignis.



