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A PERFECT CIRCLE – Mer De Noms

2000/2025 (Virgin) - Stil: Alternative Rock, Prog Rock

Als Billy Howerdel begann, seine eigenen Kompositionen zu schreiben, ahnte niemand, dass aus einem Gitarrentechniker für TOOL, NINE INCH NAILS und die SMASHING PUMPKINS eine der prägendsten Stimmen des Alternative Rock erwachsen würde. Die Begegnung mit Maynard James Keenan, dessen Präsenz bei TOOL bereits legendär war, verlieh Billy Howerdels melancholischen, komplexen Arrangements eine Stimme, die zugleich verletzlich und entschlossen klingt. Aus dieser Symbiose entstand A PERFECT CIRCLE, eine Band, die mit ´Mer De Noms´ im Jahr 2000 ein Debüt vorlegte, das von Beginn an deutlich machte, dass hier kein Nebenprojekt entstanden war, sondern eine eigenständige, kraftvolle musikalische Referenz.

Das Debütalbum ´Mer De Noms´, veröffentlicht am 23. Mai 2000 über “Virgin Records”, stürmte direkt auf Platz vier der Billboard 200 und verkaufte in der ersten Woche über 188.000 Exemplare. Es war ein eigenständiges Werk, das in der Kombination aus Billy Howerdels komplexen Gitarrenlandschaften, orchestralen Momenten und Maynard James Keenans introspektiven, oft persönlich geprägten Texten eine neue Form des Alternative Rock definierte.

Die ersten Töne von ´The Hollow´ eröffnen das Album mit metallischen Gitarren, subtil eingesetztem Schlagzeug und einer Gesangslinie, die sofort die emotionale Spannung greifbar macht. Der Song ist in C#-Standard gestimmt, was Billy Howerdels Gitarren eine charakteristische Schwere und dunkle Textur verleiht. Der 6/8-Takt verleiht dem Mid-Tempo-Stück einen fließenden, fast walzerartigen Antrieb, während geschichtete Gitarrenspuren zwischen cleanen, echo-lastigen Melodien und massiven, verzerrten Riffs wechseln. Die unterschwellige Unruhe passt perfekt zu Maynard James Keenans Gesang, der von fast geflüsterten Passagen bis zu kraftvollen, langgezogenen Melodien reicht. Dramaturgisch spiegelt die Musik die innere Rastlosigkeit und unersättliche Suche nach Erfüllung wider, die Billy Howerdel in seinen treibenden Riffs verarbeitet, bis das Stück in einer dichten, intensiven Soundwand gipfelt.

´Magdalena´ beginnt mit einem schwelenden Groove und entwickelt sich aus seiner Post-90s-Atmosphäre zu einem kraftvollen Refrain, der die aufgestaute Spannung entlädt. Im geradlinigen 4/4-Takt gehalten, zieht ein leicht schleppendes Gefühl den Song wie in Zeitlupe vorwärts. Billy Howerdel arbeitet erneut mit tief gestimmten Gitarren, die zwischen ätherisch-cleanen Figuren und schweren, verzerrten Akkorden wechseln. Maynard James Keenan bewegt sich stimmlich zwischen Flüstern und Beschwörung, wodurch die obsessive Begierde des Textes greifbar wird. Der Name „Magdalena“ spielt mit religiöser Symbolik, doch hinter der sakralen Bildsprache verbirgt sich die Geschichte einer Frau, die zur Projektionsfläche für lüsternes Verlangen bis zur Selbstaufgabe wird.

´Rose´ beginnt kontrolliert, Maynard James Keenan setzt Wort für Wort, als würde er jeden Gedanken einzeln abwägen. Die Strophen trägt ein markanter Basslauf von Paz Lenchantin, während das Metrum immer wieder kippt – ein rhythmisches Stolpern, das unterschwellige Unruhe erzeugt und den inneren Konflikt musikalisch spiegelt. Wenn der Refrain einsetzt, bricht sich die aufgestaute Energie Bahn, verzerrte Gitarren türmen sich zu einer massiven Wand auf. Schließlich formuliert Maynard James Keenan mit Nachdruck den Ausbruch aus der Passivität – eine hart erkämpfte Selbstbehauptung, ein notwendiges Aufbegehren.

´Judith´ ist schneller, härter und direkter. Billy Howerdel legt ein scharfkantiges Riff vor, das sich mit stoischer Präzision durch den Song fräst. Maynard James Keenan steigert sich von kontrollierter Schärfe zu eruptiven Shouts im Verbund mit Billy Howerdel, bevor der Refrain die Melodie kreisen lässt – fast hymnisch, dunkel und verbissen. Inhaltlich ist der Song ein schonungsloser Monolog. Der Song trägt den Namen von Maynard James Keenans Mutter, die nach einem schweren Schlaganfall jahrzehntelang gelähmt blieb und dennoch an ihrem Glauben festhielt. Die Wut richtet sich nicht gegen seine Mutter, sondern gegen ihren unerschütterlichen Glauben – gegen einen Gott, der ihr Leid offenbar zulässt. Wenn Maynard James Keenan „Talk to Jesus“ hinausschleudert, ist das weniger Spott als ein verzweifelter Vorwurf an eine höhere Macht, die keine Hilfe sendet. ´Judith´ bündelt damit als vielleicht rohester Moment auf ´Mer De Noms´ eine persönliche Tragödie, Glaubenszweifel und explosive Energie in dreieinhalb Minuten.

´Orestes´ gilt als das emotionale Herzstück von ´Mer de Noms´ und führt die Geschichte aus ´Judith´ in eine melancholische, nachdenkliche Phase. Das Stück beginnt mit einem schwebenden Gitarren-Arpeggio von Billy Howerdel, das eine verletzliche, zerbrechliche Stimmung erzeugt. Maynard James Keenan setzt mit Kopfstimme und sanften Harmonien ein, die Schmerz und Unsicherheit greifbar machen. Langsam steigert sich die Musik zu einem orchestralen, intensiven Finale. Der Titel greift die mythologische Figur “Orestes” auf, die vor einem unmöglichen moralischen Dilemma stand, und spiegelt so den psychischen Kampf zwischen Fürsorge und Selbstschutz wider. ´Orestes´ transformiert die rohe Wut von ´Judith´ in tiefe, reflektierte Trauer.

Die introspektive Hymne ´3 Libras´ kontrastiert die Vorgängersongs mit einer subtilen Ballade aus akustischen Gitarren und leise erzitternden Violinen, die den Schmerz der Unsichtbarkeit und unbeantworteter Gefühle unmittelbar spürbar machen. Das kreisende Akustikgitarren-Riff wiegt sanft, während Paz Lenchantin sowohl am Bass als auch an der Violine das cineastische, elegische Fundament legt. Maynard James Keenans Gesang beginnt intim und zurückhaltend, steigert sich jedoch gegen Ende zu einem emotionalen Höhepunkt („You don’t see me at all!“), der zu den ikonischsten Momenten zählt. Inspiriert von drei Personen mit dem Sternzeichen Waage, die ihm nahestanden, vermittelt der Song wunderschön und melancholisch zugleich das Gefühl, unbemerkt und unbeachtet zu bleiben.

´Sleeping Beauty´ setzt die Melancholie fort, kehrt zugleich aber zu kraftvoller Dynamik zurück. In langsamen, beinahe tranceartigen Passagen lässt Billy Howerdels präzises Gitarrenspiel ein kreisendes, hypnotisches Lick erklingen, bevor der Song im schweren Refrain mit verzerrten Gitarren und treibendem Schlagzeug explodiert. Maynard James Keenans Gesang beschreibt eine Figur, die emotional oder psychisch unerreichbar bleibt, und spiegelt die vergebliche Anstrengung, jemanden aus Isolation, Depression oder Selbstzerstörung zu retten. Am Ende fasst er die bittere Erkenntnis zusammen, dass sich manche Seelen nicht aus ihrem Schlaf wecken lassen.

In ´Thomas´ verschmelzen polyrhythmische Schlagzeugmuster, zupfende Gitarren und Maynard James Keenans Gesang zu einem Prog-Epos voller spiritueller Tiefe. Billy Howerdels Gitarrenriff überlagert den Takt von Josh Freese, wodurch eine subtile, fast hypnotische Spannung entsteht, die den Hörer förmlich in den Song hineinzieht. Das Stück entwickelt sich zu einer dichten, melancholischen Klanglandschaft. Maynard James Keenan setzt auf einen beschwörenden Tonfall, dessen Harmonien im Mittelteil fast sakral wirken, wie ein stiller Gesang, der Zweifel und Hoffnung zugleich trägt. Der Titel verweist auf den Apostel Thomas und thematisiert den mühsamen Weg zur inneren Heilung, das Loslassen von Groll und Schmerz, bis Körper und Geist wieder in Einklang kommen.

´Renholdër´ fungiert als kurzes, atmosphärisches Intermezzo und wirkt wie ein düsterer, flüchtiger Fiebertraum. Verzerrte, flüsternde Vocals treffen auf schwebende Gitarren-Effekte und einen schleppenden, fast industriellen Beat. Das clever eingebettete Detail – rückwärts abgespielt flüstert Maynard James Keenan deutlich „Hallelujah, Danny Lohner“ – verleiht dem Track eine augenzwinkernde Hommage an den Gitarristen und Toningenieur Danny Lohner (NINE INCH NAILS).

´Thinking Of You´ entfaltet sich zu einem intensiven Rocksong. Billy Howerdels treibendes, schneidendes Gitarrenriff und Josh Freeses präzises, druckvolles Schlagzeug verleihen dem Stück fast punkige Energie. Maynard James Keenans Gesang steigert sich von fast flüsternder Begierde zu einer kraftvollen, obsessiven Intensität, während der Text eine obsessive sexuelle Fantasie beschreibt, geprägt von Sehnsucht, Besessenheit und dunkler Dringlichkeit.

´Breña´ ist eine zarte Ballade, in der Hingabe und Verwundbarkeit spürbar werden. Das Stück beginnt mit einem atmosphärischen Gitarren-Arpeggio von Billy Howerdel. Maynard James Keenans Gesang baut sich im Refrain zu einer geschichteten „Wall of Sound“ auf, die die Ekstase einer intensiven, persönlichen Bindung transportiert. Der Text reflektiert das Loslassen von Schutzmechanismen und die Kraft der Liebe.

´Over´ beendet das Album in minimalistischer Eleganz. Statt verzerrter Gitarren oder treibendem Schlagzeug dominieren ein zartes Klavier und ein Kalimba-ähnlicher, hölzerner Klang, der dem Song eine fast kindliche, perkussive Textur verleiht. Der Takt wiegt sanft, während Maynard James Keenan extrem nah am Mikrofon singt, fast flüsternd, jedes Atmen hörbar, und eine intime, melancholische Stimmung erzeugt. Die repetitiven Zeilen – „Been over, been over this before“ und „So over this, been over this, over this before“ – markieren das Loslassen, die stille Akzeptanz und den emotionalen Abschluss des Albums. Wie das letzte Tröpfeln eines Wasserfalls rundet ´Over´ den Zyklus von Schmerz, Reflexion und Transformation zu einem beruhigenden Ende ab.

´Mer De Noms´ lebt von der engen Verschmelzung von Billy Howerdels filigranen, komplexen Gitarrenarrangements und Maynard James Keenans charismatischem Gesang. Das Album entfaltet sich zwischen aggressiven Rock-Exzessen und balladesken Momenten, zwischen emotionaler Wucht und subtilen, fast hypnotischen Passagen, die den Hörer zwingend auf die emotionale Reise mitnehmen. Es ist ein Debüt, das musikalische Virtuosität, erzählerische Kraft und psychologische Tiefe in jeder Note spürbar macht.

Mit der 25th Anniversary “Definitive Sound Series” One-Step Edition von ´Mer De Noms´ zeigen A PERFECT CIRCLE, wie detailverliebt und intensiv ein Klassiker klingen kann, wenn man ihm die bestmögliche Vinyl-Aufbereitung gönnt. Die Platte liegt als schwere 180g-Doppel-LP im Gatefold-Cover in einem eigens entworfenen Schuber vor, nummeriert und mit Zertifikat der Authentizität – ein Sammlerstück, das bereits beim Auspacken Qualität vermittelt. Diese Edition ist auf 3.000 nummerierte Exemplare limitiert, jedes einzelne ein einzigartiges Sammlerstück. Wer sich diese Pressung sichert, hält eine exklusive Vinyl-Version in den Händen, die sowohl audiophil als auch historisch wertvoll ist.

Die Audioquelle besteht aus 96 kHz/24‑Bit-Dateien, übertragen von den originalen analogen Masterbändern. In Kombination mit dem Neotech VR900-D2 180g-High-Definition-Vinyl und der One-Step-Herstellung von “Record Technology, Inc.”, wird jeder Ton mit überraschender Klarheit und Dynamik wiedergegeben. Die ruhigen Momente, wie die zarten Streicher und Gitarren von ´3 Libras´ oder die introspektive Melodik von ´Breña´, wirken greifbar, während Songs wie ´Judith´ und ´Rose´ in ihrer Intensität explodieren, ohne dass die Gitarren aufdringlich oder der Bass verschwommen wirkt.

Die One-Step-Pressung bringt die kontrastreichen Momente des Albums auf Vinyl so zur Geltung, dass man Details entdeckt, die bisher verborgen blieben: filigrane Gitarrenläufe, subtile harmonische Effekte, das Zusammenspiel von Bass, Drums und Streichern, die emotionale Tiefe in jedem Satz von Maynard James Keenans Gesang. Selbst in lauteren Passagen bleibt das Klangbild differenziert, ohne matschig oder überzeichnet zu wirken. Das Album entfaltet sich als ein organisches Erlebnis, das den Hörer unmittelbar in die Atmosphäre von ´Mer De Noms´ zieht.

Diese Pressung demonstriert, wie sorgfältige Mastering- und Pressverfahren ein Album in seiner gesamten Bandbreite wiedergeben können – kraftvoll, klar und nuanciert. Wer A PERFECT CIRCLE liebt, erfährt hier ein Hörerlebnis, das sowohl die Musikalität als auch die Handwerkskunst der Band hörbar macht und ´Mer De Noms´ zu einer audiophilen Referenz auf Vinyl erhebt.

Ein moderner Alternative Rock-Klassiker.

PS: Neben Bands wie natürlich TOOL und PUSCIFER müssen Liebhaber mit Vorlieben für EARSHOT, 30 SECONDS TO MARS, FAILURE, O.S.I., THE SMASHING PUMPKINS, DEFTONES, DREDG, CAVE IN, OCEANSIZE oder VAST unbedingt A PERFECT CIRCLE hören.

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