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RITUAL – Ritual

1995/2026 (Karisma Records) - Stil: Prog Rock

Auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum begegnet die schwedische Band RITUAL einer visionären Mischung aus Progressive Rock, Folk Rock und Hard Rock, die sofort fasziniert und mitreißt. Patrik Lundström, dessen kraftvolle Stimme die Songs trägt, Jon Gamble an Keyboards und Mundharmonika, Fredrik Lindqvist mit seinem Bass, Bouzouki, Mandola und Flöten sowie Johan Nordgren am Schlagzeug und mit Percussion schaffen eine Klangwelt, die zugleich verspielt und komplex ist. Ergänzt durch Lotta Hasselquist an der Violine, Mats Karlsson am Akkordeon und Birgitta Ulfsson als Erzählerin entfaltet das Album eine beinahe erzählerische Dimension, die sich in jedem Stück aufs Neue zeigt.

Der Opener ´Wingspread´ startet wie ein Wirbelwind. Die Gitarren greifen kraftvoll in die Saiten, der Bass lebt es eindrucksvoll vor. Patrik Lundström stürzt sich mit einer Stimme voller Energie in die Melodie, die ihren Höhepunkt im Harmoniegesang findet. Der Song reißt sofort mit, lässt die Füße wippen und die Aufmerksamkeit fokussiert sich auf die vielen kleinen Überraschungen, die das Stück bereithält, wie das mit Schlägeln angeschlagene Hackbrett.

Mit ´The Way Of Things´ schwenken RITUAL in einen mittelalterlich anmutenden Folk-Ton. Akustische Instrumente wie Mandoline und Blockflöte treffen auf rhythmisch präzises Schlagzeugspiel, Violine und Gitarre tanzen versponnen über dem Fundament, während Patrik Lundström die Melodie in spielerischer Manier erzählt. Das Stück wirkt wie ein kurzer Ausflug des Progressive Rock in eine andere Zeit, humorvoll, leicht und dabei perfekt orchestriert.

´Typhoons Decide´ entfaltet eine euphorische Wucht, die sich entsprechend seines Vorwärtskommens langsam ins Ohr schleicht. Die Musik fließt ungestüm, die Violine von Lotta Hasselquist fügt daher charmante Akzente hinzu, und Patrik Lundström lässt seine Stimme in kraftvollen Höhen schwingen, als würde er die Stürme selbst heraufbeschwören.

´A Little More Like Me´, neben Mandoline und akustischer Gitarren hauptsächlich mit dem Krummhorn ausgestattet, steht dem Folk abermals recht nahe, wohingegen ´Solitary Man´ über acht Minuten folkloristische Melodien mit der Härte und Komplexität des Progressive Rock verbindet, samt einem Orgel-Solo. Patrik Lundström erzählt die Story mit Nachdruck, mal sanft, mal kraftvoll, mal beinahe opernhaft.

´Life Has Just Begun´ legt den Fokus wieder auf zugängliche Melodien und einen leichten Folk-Touch. Das Stück lebt von den kleinen rhythmischen Verschiebungen, von Patrik Lundströms fröhlich-leuchtender Stimme und den harmonischen Background-Stimmen. ´Dependence Day´ setzt auf komplexere Gesangsharmonien. Eine Flöte und eine Violine von Lotta Hasselquist setzen filigrane Akzente, während sich der Song geschickt zwischen pastoralem Folk und Rock positioniert.

Mit ´Seasong For The Moominpappa´ gelingt RITUAL ein beinahe erzählerisches Epos. Akkordeon, Violine und die Erzählerstimme von Birgitta Ulfsson schaffen eine fabelhafte, leicht skurrile Atmosphäre, während das Schlagzeug und die Gitarren den Schwung halten und Patrik Lundström die Melodie mit verspielter Präzision trägt. Der Song vermittelt unmittelbar Bilder und Stimmungen aus dem Mumin-Universum von Tove Jansson, ohne dass die Musik je kindlich wirkt, und endet schließlich in einem feuchtfröhlichen Seemanslied.

´You Can Never Tell´ bringt wieder das Momentum zurück. Die Gitarren treiben vorwärts, die Violine ergänzt dramatische Höhepunkte, und Patrik Lundström setzt zu kraftvollen, eingängigen Gesangsmelodien an, die in diesem spielerisch leichtfüßigen Song sofort hängenbleiben. In ´Big Black Secret´ verschmilzt Symphonic Prog mit metallisch schweren Sounds. Erst überrascht ein Piano-Solo, dann die druckvollen Gitarren, der tief drückende Bass und ein leichter Synthesizer-Glanz.

Abgeschlossen wird das Album mit ´Power Place´, einem atmosphärischen, fast meditativen Stück, das die Energie der vorherigen Songs in einer klaren, nordischen Atmosphäre ausklingen lässt. Hier wirkt die Band nochmals leicht und lebendig, als entstünde die Musik aus einer fast mystischen Naturverbundenheit.

RITUAL gelingt auf ihrem Debüt ein Album voller Überraschungen, mit unbändiger Energie, fein austariertem Arrangement und einer unglaublichen Musikalität, die sowohl Symphonic Prog als auch Folk-Elemente in einem eigenständigen, erfrischend lebendigen Stil vereint. Die Remastering-Arbeit von Hans Fredriksson für die Vinyl-Neuausgabe von 2026 verstärkt die Dynamik, macht jedes Instrument klar erfahrbar und lässt den Hörer direkt in die Welt der Band eintauchen. Dieses Album ist ein Triumph des schwedischen Prog Rock, der sowohl die Seele als auch die Sinne unmittelbar anspricht.

(Klassiker)

PS: Wer im Progressive Rock bislang vor allem in der Vergangenheit schwelgte und Bands wie YES, GENTLE GIANT, RUSH, JETHRO TULL oder GRYPHON kennt, sollte sich endlich der eigenständigen Gegenwartsmusik von RITUAL öffnen.

https://www.facebook.com/ritual.se

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