
Mit ´The World´ fanden PENDRAGON 1991 endgültig zu sich selbst. Nach den stilistischen Umwegen der Achtzigerjahre und der verunglückten Annäherung an den Zeitgeist auf ´Kowtow´ legte die Band um Nick Barrett ein Album vor, das keinen Blick mehr auf mögliche Charts verschwendete, sondern sich ganz der eigenen musikalischen Vision hingab. Diese Entscheidung erwies sich als Befreiungsschlag. ´The World´ markiert jenen Moment, in dem PENDRAGON nicht mehr suchten, sondern zu ihrem charakteristischen melodischen Pathos fanden und ihre unverwechselbare Identität entwickelten.

Bereits ´Back In The Spotlight´ setzt zur Eröffnung den Ton des Albums mit einer ruhiger Entschlossenheit. Clive Nolans Keyboardflächen breiten sich schimmernd aus, während Nick Barretts markanter Gitarrenton von Beginn an durch Charakterstärke überzeugt. Der Song entfaltet sich geduldig und baut solange immer wieder Spannungsmomente auf, bis sich die Gitarre in aller Schönheit ergiesst und die Töne kreisen lässt.
´The Voyager´ bildet anschließend das emotionale Zentrum der ersten Albumhälfte. Langsam entblättern sich die akustischen Farben, ehe sich die Komposition vollends öffnet und spürbar an Fahrt gewinnt. Nick Barretts floydiges Gitarrenspiel erzählt von Aufbruch und Fernweh, getragen von Clive Nolans eleganten Harmonien. Der lange Spannungsbogen entfaltet sich organisch über ein Mundharmonika-Solo und Steve Hackett´sche Gitarrenfarben, bevor das Stück in einem ausgedehnten, überaus brillanten Gitarrenfinale mündet, das noch lange nachhallt.
Mit ´Shane´ schlägt die Band stringentere Töne an. Der Song lebt von seiner Offenheit, von einer klaren, einprägsamen Melodie und einem Gitarrensolo, das deutlich von David Gilmour inspiriert ist, ohne jemals zur bloßen Kopie zu werden. Gerade diese Konzentration auf das Wesentliche verleiht dem Stück seine besondere Aura. ´Prayer´ knüpft daran an, beginnt balladesk am Piano und wächst behutsam, derweil sich Keyboard und Gitarre zu einem getragenen Klangteppich verbinden und der energische Gesang das Stück in emotionale Höhen trägt.
Zum Abschluss der ersten Vinyl-Scheibe, und nicht erst als ursprünglicher Ausklang des Albums, erstrahlt ´And We’ll Go Hunting Deer´ als ein sanftes Stück von stiller Schönheit. Klavier und Gitarre wechseln sich ohne Eile ab und lassen jene Stimmung aufscheinen, die ´The World´ insgesamt prägt: eine Mischung aus Nachdenklichkeit, Zuversicht und leiser Euphorie.
Das große Herzstück ist die dreiteilige Suite ´Queen Of Hearts´ auf der Vorderseite der zweiten Vinylscheibe, mit der PENDRAGON erstmals das große Epos wagen. Der eröffnende Teil entfaltet sich ruhig und erzählerisch, mit 12-saitigem Gitarrenpart, weitgespannten Keyboardflächen und einem emotionalen Gitarrensolo, bevor der Mittelteil an Kraft und Geschwindigkeit gewinnt und Nick Barretts Gitarre zunehmend in den Vordergrund rückt, getragen von rennenden Gitarrenklängen à la David Gilmour. Hier zeigt sich die Band in voller Geschlossenheit, unterstützt von Peter Gees souveränem Bassspiel und Jan Vincent Velazcos unaufdringlich präzisem Schlagzeug. Der abschließende Abschnitt löst die Spannung nicht abrupt, sondern führt sie in eine melancholische Stimmung, die durch einen großen melodischen Chorgesang in eine fast greifbare Glückseligkeit getragen wird. Auf diese Weise werden viele künftige PENDRAGON-Klassiker schon vorweggenommen.

Rückblickend ist ´The World´ vielleicht nicht das kühnste Album des Neo Prog, doch genau darin liegt seine Stärke. PENDRAGON setzen hier auf emotionale Klarheit, auf sorgfältig ausgearbeitete Melodien und auf ein eindrucksvolles Zusammenspiel. Nick Barrett und Clive Nolan finden auf diesem Album zu jener partnerschaftlichen Balance, die die folgenden Werke prägen sollte, und geben der Band ein unverwechselbares Gesicht.
Für viele Hörer ist ´The World´ der Beginn jener Phase, in der PENDRAGON endgültig ihren Platz im Kanon des Neo Prog einnehmen, neben Bands wie MARILLION oder IQ, ohne sich je in deren Schatten zu verlieren. Es ist ein Album, das sich langsam einschmeichelt, und gerade dadurch seine nachhaltige Wirkung entfaltet.
Die 2025 veröffentlichte Vinyl-Neuauflage unter dem Titel ´The World MMXIX´ zeigt, wie lebendig das Interesse an diesem Album bis heute ist. Optisch präsentiert sich die Edition hochwertig, das Gatefold mit dem vertrauten Artwork von Simon Williams wirkt würdevoll. Klanglich basiert diese Pressung, mit einer geetchten vierten Seite, allerdings auf dem überarbeiteten Mix aus 2019, der mit neu eingespielten Schlagzeugspuren und veränderten Keyboardpassagen arbeitet. Diese Eingriffe verleihen der Musik eine weniger kantige Oberfläche. Für Sammler bleibt die Ausgabe dennoch äußerst reizvoll.
So bleibt auch diese Neuauflage Teil der Geschichte eines legendären Albums, das einerseits für PENDRAGON alles ins Rollen brachte und anderseits sich nie über Perfektion definiert hat, sondern über Gefühl.
Ein Klassiker seiner Zeit.



