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BEN WEBSTER – The Soul Of Ben Webster

1959/2013 (Analogue Productions/Verve Records) - Stil: Jazz

Mit ´The Soul Of Ben Webster´ liegt eines jener Alben vor, die den Begriff Mainstream Jazz in seiner schönsten und überzeugendsten Form definieren. Aufgenommen 1958 für “Verve Records”, zeigt diese Session Ben Webster auf dem Höhepunkt seiner Ausdruckskraft, getragen von einer Besetzung, die stilistische Sicherheit, spielerische Eleganz und eine unaufdringliche Modernität vereint. Es ist Musik für späte Stunden, für gedimmtes Licht, für jene Momente, in denen ein einzelner Ton mehr erzählen kann als ein ganzer Chorus.

Der Auftakt mit ´Fajista´ setzt die ersten atmosphärischen Tupfer in einem mittelschnellen Blues, locker swingend, getragen vom federnden Bass von Milt Hinton und dem swingenden Schlagzeugspiel von Dave Bailey. Ben Webster steigt mit breitem, selbstbewusstem Tenorsound ein, rau an den Rändern, zugleich geschmeidig geführt. Art Farmer setzt kurze, elegante Akzente auf der Trompete, während Mundell Lowe auf der Gitarre mit klar gezogenen Akkorden die Harmonie stützt.

Mit ´Chelsea Bridge´ öffnet sich das Album in eine balladeske Richtung. Billy Strayhorns Komposition wird hier zu einem stillen Höhepunkt, langsam aufgebaut, mit zurückhaltendem Piano von Jimmy Jones und einem Tenorsaxophon, das jede Phrase auskostet. Ben Webster phrasiert mit großer Ruhe, lässt Pausen wirken und formt den Klang weich und warm, ohne je süßlich zu werden. Es ist jene Art von Musik, die Zeit stillstehen lässt und den Hörer unweigerlich an sich heranzieht.

´Charlotte’s Piccolo´ nimmt anschließend deutlich Fahrt auf und entfaltet über mehr als fünfzehn Minuten ein weitläufiges Swing-Stück, das großzügigen Raum für Improvisationen bietet. Harold Ashby ergänzt Ben Webster am Tenorsaxophon mit einem schlanken, beweglichen Ton, während die Rhythmusgruppe das Tempo lebendig hält und die Musik vorantreibt. Die Soli von Klavier, Gitarre, Bass und Trompete steigen auf, verweben sich, entladen sich in dynamische Höhepunkte und gleiten wieder sanft zurück, stets getragen von einer spielerischen Leichtigkeit, die den langen Verlauf mühelos zusammenhält.

Mit ´Coal Train´ kehrt die Musik zu einem erdigeren, bluesgetränkten Charakter zurück. Das Thema rollt umgehend an, das Schlagzeug treibt mit Nachdruck, und Ben Webster bläst mit kerniger Autorität. Der Groove wirkt fast bildhaft, als würde sich der Zug durch die Landschaft schieben, kraftvoll und unbeirrbar. Es ist ein Stück, das Ben Websters Nähe zum Blues eindrucksvoll unterstreicht.

´When I Fall In Love´ gehört zu den Aufnahmen, die Ben Websters Ruf als Meister der Ballade eindrucksvoll bestätigen. Langsam und getragen entfaltet die Melodie ihre schlichte, berührende Schönheit. Ben Webster gestaltet den Song mit feinem Gespür für Dynamik, steigert die Intensität behutsam und lässt den letzten Ton fast schweben. Die Begleitung bleibt zurückhaltend, aufmerksam und jederzeit im Dienst der Melodie.

´Ev’s Mad´ bringt wieder Bewegung ins Geschehen. Ein flotter, lebhafter Jazz-Titel, bei dem Dave Bailey am Schlagzeug das Tempo antreibt, Jimmy Jones am Piano mit perkussivem Anschlag Akzente setzt und Mundell Lowe auf der Gitarre präzise, klare Linien beisteuert. Ben Webster zeigt hier seine swingende Seite, locker, energiegeladen und voller Spielfreude, während sich Art Farmer mit nuancierten, konturierten Tönen nahtlos in das Ensemble einfügt.

Den Abschluss bildet ´Ash´, ein lebendig beschwingtes Achtminuten-Stück, das mit federnden Rhythmen und einem leichten Swing spielt. Ben Webster lässt seine Melodien tanzen, sein Ton warm, geschmeidig und voller Ausdruckskraft, während das Klavier verspielt Akzente setzt. Die Musik wirkt wie ein spätes Aufblühen nach einer langen Nacht, voller Energie, eleganter Wendungen und fließender Dynamik, die Zuhörer zugleich zum Lauschen und leichten Mitwippen einlädt.

Die 2013 erschienene Wiederveröffentlichung von “Analogue Productions” hebt dieses Album auf ein außergewöhnliches klangliches Niveau. Das 45-RPM-Doppelvinyl wurde von George Marino bei “Sterling Sound” von den originalen Analogbändern gemastert. Die Pressung, bei “Quality Record Pressings” auf 200g schwerem Vinyl, läuft absolut ruhig, die Abbildung der Instrumente wirkt greifbar und stabil, Bass und Schlagzeug stehen fest, während das Tenorsaxophon mit beeindruckender Natürlichkeit und Wärme aus den Lautsprechern tritt. Die Dynamik wirkt offen und ungebremst, leise Passagen behalten ihre Feinheit, kraftvolle Einsätze ihre Autorität. Auch das schlichte, klassische Coverdesign fügt sich stimmig in das Gesamtbild ein und unterstreicht den zeitlosen Charakter dieser Veröffentlichung.

´The Soul Of Ben Webster´ ist ein Album von bleibendem Wert, musikalisch wie klanglich. Diese Edition aus dem Hause “Analogue Productions” gehört zu den überzeugendsten “Verve”-Reissues überhaupt und darf in keiner Sammlung fehlen, die den klassischen Jazz der Fünfzigerjahre ernst nimmt und auf höchstem audiophilen Niveau erleben möchte.

Meilenstein.

https://www.facebook.com/benwebster

Ben Webster – Tenorsaxophon
Harold Ashby – Tenorsaxophon
Art Farmer – Trompete
Mundell Lowe – Gitarre
Jimmy Jones – Klavier
Milt Hinton – Bass
Dave Bailey – Schlagzeug

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