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SIR RICHARD BISHOP – Hillbilly Ragas

2025 (Drag City) – Stil: Neo-Folk/Country Blues/Oriental Music/Experimental

Manchmal laufen die Dinge eben besser, wenn man sie nicht erzwingen will. ´Hillbilly Ragas´, SIR RICHARD BISHOPs fünftes Soloalbum für “Drag City”, wirkt genau aus diesem Geist heraus entstanden: als bewusste Reduktion, als Rückzug auf das Wesentliche – und zugleich als Demonstration einer über Jahrzehnte gewachsenen Eigenwilligkeit.

Neun Stücke, eine akustische Gitarre, kein Gesang, kein Strom. Was nach Askese klingt, entpuppt sich als ein erstaunlich vitales, ja überschäumendes Werk.

Bishop, einst mit SUN CITY GIRLS zu anarchischer Größe gelangt, nimmt hier den schwammigen Begriff der „American Primitive“-Gitarre beim Wort – nur um ihn zugleich zu unterlaufen. Wo diese Stilbezeichnung oft Starrheit oder museale Ehrfurcht impliziert, herrschen bei Bishop Beweglichkeit, Humor und kalkulierte Unordnung.

Seine Stücke sind rhythmisch aufgeladen, grobkantig, manchmal fast übermütig gespielt. Titel wie ´Rhythm Methodist´ oder ´Head Bone In The ’Tater Hole´ fungieren dabei nicht nur als Wegweiser, sondern als ironische Verstärker: die Musik stolpert, lacht, tänzelt und beißt zugleich.

Stilistisch bewegt sich Bishop in einer eigenwilligen Mischung aus perkussiver akustischer Solomusik, Country Blues-Fragmenten und modalen Einflüssen aus arabischer und indischer Musik.. Anstelle melodischer Ausarbeitung dominieren rasches Strumming, fragmentierte Läufe und rhythmische Verschiebungen – kontrollierte Unordnung, die den Begriff des „American Primitive“ eher sprengt als bestätigt.

´They Shall Take Up Serpents´ etwa verzichtet weitgehend auf Melodie und setzt stattdessen auf gespannte, schnell wechselnde Strumming-Figuren. ´Buzzard`s Curse´ treibt diesen Impuls weiter, angereichert um modale Farben, die an marokkanische, arabische oder indische Musik erinnern – Einflüsse, die Bishop seit Jahren in sein Spiel integriert. Dagegen steht das lange ´Worn Slap Out´, ein kleines Epos der Zurückhaltung, das Raum, Zeit und Geduld gegeneinander ausbalanciert.

Immer wieder schimmert Bishops Herkunft durch, die über bloße Ortsangaben hinausgeht: Erinnerungen an seine Heimatstadt Saginaw, an nächtliche Jam-Sessions im Keller und an frühe musikalische Prägungen aus der Familie.

´Hillbilly Ragas´ ist ein Album, das mit Vergangenheit arbeitet und sie als Material nutzt. Es öffnet ein Fenster in Bishops eigenwillige Klangwelt – ein Universum, das neugierig macht, ohne sich je gefällig zu präsentieren.

(8 Punkte)

https://www.facebook.com/dragcityrecords


Pic: Official Press Photo “Drag City”

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