
Gitarrenvirtuose Paul Gilbert (u. a. RACER X / Mr. BIG) verwandelt George Washingtons „Rules of Civility“ in Rockhymnen. Bitte was? George Washingtons „Rules of Civility“ hatte der 15-jährige George, lange bevor er der erste Präsident der USA wurde, händisch aus Regeln von 1595 von französischen Jesuiten übernommen und in seinem Schulheft schriftlich zusammengestellt. Diese Regeln sollten das Benehmen der Menschen in Unternehmen und allgemein untereinander unterstützen.
Vieles davon klingt heute etwas obsolet oder lächerlich. Anderes hat durchaus heute noch seine Berechtigung. Beispiele gefällig? „Beine nicht kreuzen“, „Nicht an den Fingernägeln kauen“. Okay. “Lesen Sie keine Briefe, Bücher oder Papiere in Gesellschaft, aber wenn dies erforderlich ist, müssen Sie um Erlaubnis bitten”. Nun, von Handy steht ja gottseidank nichts da. „Töte keine Ungeziefer wie Flöhe, Läuse, Zecken usw. vor den Augen anderer. Wenn du Schmutz oder dicken Speichel siehst, setze deinen Fuß geschickt darauf (…)“. Na ja. Ähem. „Verwenden Sie keine vorwurfsvolle Sprache gegenüber anderen, weder Flüche noch Beschimpfungen“. Ja, viele dieser Verhaltensregeln hätte sein jetziger Nachfolger vielleicht einmal lesen und verinnerlichen sollen. Vielleicht kann Paul im Weißen Haus aufspielen …
Nun, Paul hatte einfach die Idee, einige der Regeln zu vertonen. Und dass – wie auch die Fotos zeigen – mit viel Humor. Es beginnt, wie man das bei einem Flitzefinger wie Paul Gilbert erwartet: Virtuos und instrumental. Aber dann setzen gute Vocals ein und ein eingängiger Heavy Rock-Titel mit Chorgesang im Refrain wird eingeleitet. Dazwischen gibt es natürlich ein Solo mit vielen schnellen Tönen. Das muss schon sein. ´Show Not Yourself Glad (At The Misfortune Of Another)´ ist nicht nur eine Regel, die man heute noch befolgen sollte (anders als in den vielen Insta- und TikTok-Filmchen) und geht musikalisch in progressive Fusionsfelder. Und Paul kann auch hier seine Gitarrenkünste beweisen. Das muss schon sein. Paul bleibt auch anschließend gerne auf komplexem Terrain. ´Maintain A Sweet And Cheerful Countenance´ klingt sehr zappaesk und ist voll von Breaks. ´Go Not Thither´ ist auf der Spur von alten Gitarrenhelden wie Robin Trower und erinnert auch dezent an alte Metal-Anfänge von Paul.

´Orderly And Distinctly´ sitzt als Song irgendwie auch zwischen vielen musikalischen Stilen und Stühlen. ´Let Thy Carriage´ ist ein solider Hard Rocker. Das auch als Regel dringend empfohlene ´Speak Not Evil Of The Absent´ ist ein starker Gitarren-Rocker. ´Conscience Is The Most Certain Judge´ ist ein gemächlicher Pop-Rock-Titel. Beim achtminütigen ´Spark Of Celestial Fire´ kann Paul noch einmal viele Gitarrentricks in einem Song unterbringen und es gibt auch viele gesungene Regelanläufe. ´George Washington Rules´ bietet als Abschluss puren Rock’n’Roll.
Ja, wenn man nicht so richtig geschichtsbewusst in US-amerikanischer Geschichte ist und die Vertonung der Regeln nicht im Zusammenspiel von Musik und Texten untersucht, mag einiger Witz und Inhalt dem faulen deutschen Hörer, der ich nun einmal bin, verlorengehen. Aber rein musikalisch hat Paul ein virtuoses, manchmal etwas kompliziert (wie manche der Regeln) strukturiertes Album geschaffen. Auch wenn einiges etwas konfus wirkt und manche der langen Regeln beim Gesang etwas sperrig wirken, kann natürlich die fantastische Gitarrenarbeit und auch die Musik und der Gesang der Mitstreiter sehr wohl immer wieder überzeugen.
Das Album braucht auf jeden Fall ein paar Durchläufe, bis man weiß, ob man das Album mag. Ich mag es, auch wenn es schon anstrengend ist, es in einem Zug durchzuhören. Und Gitarre spielen konnte er schon immer, der gute Paul. Aber jetzt bitte keine Vertonung der Knigge-Regeln von Axel Rudi Pell oder so …
(7,5 Punkte)
https://www.facebook.com/paulgilbertmusic/
(VÖ: 27.02.2026)



