
ETTA JAMES – At Last
1960/2026 (Chess Records/Acoustic Sounds Series) - Stil: Classic Soul, R&B
Mit ´At Last!´ betritt Etta James 1960 endgültig die große Bühne der amerikanischen Musikgeschichte. Dieses Album ist der selbstbewusste Auftritt einer Sängerin, die ihre Stimme bereits vollständig souverän und mit bemerkenswerter Klarheit einsetzt. Zwischen orchestraler Ballade, klassischem Rhythm-and-Blues und jazzig gefärbtem Pop entsteht ein Werk, das den Übergang von den Fünfzigerjahren zur kommenden Soul-Ära präzise einfängt.

Mit ´Anything To Say You’re Mine´ eröffnet Etta James das Album, und sofort wird spürbar, wie sie den Übergang vom früheren R&B-Sound hin zur orchestralen Soul-Ballade schafft. Die Streicher fließen weich, das Piano ergänzt sparsame, fast zarte Akzente, und ihre Stimme trägt jede Zeile voller Spannung und Sehnsucht („I sit by my window pane / Hoping for a letter“). Sonny Thompson und Lalomie Washburn schufen eine Ballade, die das quälende Warten auf ein Lebenszeichen vom Geliebten unmittelbar hörbar macht.
Direkt im Anschluss setzt ´My Dearest Darling´ das Gefühl zarter Hingabe fort. Ettas Stimme schmiegt sich eng an die Melodie, weich und doch bestimmt, während ein mittlerer Takt zusammen mit dezenten Swing-Elementen im Orchester eine feine Balance zwischen Jazz-Anmutung und R&B-Gefühl schafft („All I need is someone like you / My dearest darling“). Der Song, ein kleiner R&B-Hit kurz vor dem Album-Release, beweist, wie weich sie singt und der Stimme dennoch Gewicht verleiht.
Mit ´Trust In Me´ wendet sich das Album einem Jazz-Standard der 1930er Jahre zu. Die Lyrics („Come to me when things go wrong / Cling to me…“) entfalten sich in Ettas energischer Stimme, getragen von Klavier und einer Swing-Begleitung. Das Stück zeigt, wie Etta Jazz-Phrasierungen mit souliger Tiefe zum Leben erweckt – ein Meilenstein, der sie als vielseitige Sängerin zwischen Pop, Jazz und R&B etablieren sollte.
´A Sunday Kind Of Love´ steigert die Sehnsucht nach Beständigkeit noch weiter. Das Orchester trägt die Ballade in ruhigem Fluss, während die Stimme zwischen Hoffnung und leichtem Zweifel pendelt. Etta verwandelt die Suche nach einer „Sunday kind of love“ in eine glaubhafte, leicht verletzliche Geschichte. Die Mischung aus midtempo R&B, sanftem Swing und lyrischer Direktheit macht deutlich, dass sie auch den Pop-Mainstream mit ihrer Ausdruckskraft erreichen wollte.
Dann bricht ´Tough Mary´ mit voller Energie herein. Ein rauer New-Orleans-R&B-Rock’n’Roll-Shuffle treibt den Song voran, Bläser setzen rhythmische Akzente, und Etta fordert die Zuhörer fast frech heraus („Don’t bring me posies / When it’s shoes I need“). Der Song knüpft an ihre frühen Hits aus New Orleans an, bei dem Etta ihren unverwechselbaren Biss zeigt. Stimme und Band verschmelzen zu einer kraftvollen Einheit, die rohe Energie und Coolness zugleich vermittelt.
Die zweite Seite startet mit ´I Just Want To Make Love To You´, einem klassischen 12-Bar-Blues von Willie Dixon, den ursprünglich Muddy Waters aufgenommen hatte. Etta verwandelt das maskuline Original in eine selbstbewusste, fast aggressive weibliche Hymne. Jeder Ton ist präzise gesetzt, während die Rhythmusgruppe das treibende Fundament liefert („I just wanna make love to you“). Die Interpretation zeigt ihre Fähigkeit, Blues und Soul mit einem kraftvollem Ausdruck zu vereinen.
Der Titeltrack ´At Last´ bildet den Höhepunkt und die emotionale Mitte des Albums. Ursprünglich ein Jazz-Standard von Glenn Miller, erhielt das Stück für Etta üppige Streicherarrangements, die Leonard Chess vorschlug. Ettas Stimme spannt sich mühelos vom geflüsterten Seufzer bis zum kraftvollen Höhepunkt, und das Orchester liefert dazu den klassischen Balladensound. Zusammen mit den Lyrics und der emotionalen Tragweite wird daraus eine gern gehörte Hochzeitsballade und ein zeitloser Meilenstein in der amerikanischen Musikgeschichte.
´All I Could Do Was Cry´ bringt dunklere Gefühle ins Spiel. Der Song wurde von Billy Davis, Berry Gordy und Gwen Gordy geschrieben und basiert auf Ettas persönlichem Liebeskummer, da Gwen Gordy ihren damaligen Freund Harvey Fuqua heiratete. Und so singt Etta langsam und aufgewühlt vom Verlust des Geliebten („I saw my love walk down the aisle“), und die Bluesballade macht den Schmerz fast physisch erfahrbar.
´Stormy Weather´ verleiht dem Album einen jazzigen Nachhall. In der Swing-Ballade interpretiert Etta den Harold Arlen-Klassiker mit ruhiger, konzentrierter Intensität. Die Stimme bleibt ernst, die Melodie getragen, und das Orchester setzt dezent Akzente, die die Melancholie unterstreichen. Denn Etta konnte Klassiker ohne Effekthascherei, aber mit emotionaler Tiefe frisch gestalten.
Mit ´Girl Of My Dreams´ endet das Album ergreifend. Der Song, ein Soul-Jazz-Swing, legt eine warme Instrumentierung an den Tag. Etta füllt selbst die einfachsten Melodien mit Persönlichkeit und Emotionalität („Boy of my dreams, I love you“), wodurch das Album in einem versöhnlichen, stimmigen Ausklang mündet, der die gesamte Bandbreite ihrer Stimme noch einmal spürbar macht.

Die Neuauflage innerhalb der „Chess Records 75“-Series setzt die Vielseitigkeit von Etta James klanglich überzeugend in Szene. Das Mastering von Matthew Lutthans bei „The Mastering Lab“ direkt von den Originalbändern und die Pressung bei „Quality Record Pressings“ auf schwerem 180g‑Vinyl verleihen ´At Last!´ einen ruhigen, klaren Klang, der die Original-Masterpressungen von “Chess” noch einmal übertrifft. Das glänzende Gatefold-Cover mit Session-Fotografien ergänzt das Hörerlebnis auf haptischer Ebene und vermittelt die Atmosphäre der Aufnahmesessions. So wird klar, wie Etta James den Hörer mit jedem Ton in ihre Welt zieht.
´At Last!´ dokumentiert die Vielseitigkeit von Etta James in beeindruckender Deutlichkeit. Orchestrale Eleganz, Rhythm-and-Blues-Wurzeln und jazzige Tradition verschmelzen zu einem Album, das von einer Stimme getragen wird, die jedes Gefühl authentisch hörbar macht. Ein Debüt, das zu Recht als Klassiker des amerikanischen Soul gilt.



