
JIMMY SMITH – Bashin’: The Unpredictable Jimmy Smith
1962/2026 (Verve Records) - Stil: Jazz
Mit ´Bashin’: The Unpredictable Jimmy Smith´ betritt Jimmy Smith 1962 ein neues Terrain. Nach Jahren, in denen er bei “Blue Note” das Hammond-Orgel-Trio zur schlagkräftigen Institution geformt hatte, markiert dieses Album seinen Einstand bei “Verve Records” – und zugleich einen bewussten Schritt in Richtung größerer Formen und größerer Öffentlichkeit. Produzent Creed Taylor stellt ihm dafür Mittel zur Verfügung, die Jimmy Smith zuvor nicht kannte, und öffnet den Rahmen für ein Projekt, das Risiko und Selbstbewusstsein gleichermaßen ausstrahlt.

Die erste Albumhälfte präsentiert Jimmy Smith im Zusammenspiel mit einer von Oliver Nelson arrangierten und dirigierten Big Band. Schon der Auftakt mit ´Walk On The Wild Side´ ist mit einem breiten Groove überaus lässig und zugänglich. Die Bläser setzen sich sogleich in Szene, während Jimmy Smiths Orgel mit langen Tönen durch das Arrangement gleitet. Der Song entwickelt einen urbanen Vorwärtsdrand, der Jazz, Blues und frühe Pop-Sensibilität zusammenführt und nicht zufällig zu Jimmy Smiths größtem Hit wird.
´Ol’ Man River´ schlägt danach einen nachdenklicheren Ton an. Die bekannte Melodie, getragen von dunklen Bläserfarben, erhält durch die schwere, satte Orgel eine neue Strahlkraft. Jimmy Smith spielt weniger ausschweifend, formt die Linien mit Bedacht und lässt das Thema wirken. In ´In A Mellow Tone´ sitzt der Swing locker, die Big Band federt präzise, und Jimmy Smith setzt kurze, pointierte Akzente, die den Song tänzerisch vorantreiben.
Mit ´Step Right Up´ bringt Oliver Nelson ein eigenes Stück ein, das die Möglichkeiten der Besetzung voll ausnutzt. Das Arrangement wirkt forsch und fidel, die Bläser peitschen den Song voran, während Jimmy Smith die Orgel als stimulierndes Zentrum nutzt. Diese vier Stücke zeigen einen Musiker, der offen für Begegnungen und Kollaborationen ist, ohne dabei seine persönliche Authentizität zu verlieren.

Die zweite Albumhälfte kehrt zum vertrauten Trio-Format zurück und offenbart einen Stimmungswechsel. ´Beggar For The Blues´ ist ein langsamer, schwerer Blues, tief verankert im traditionellen Spiel von Jimmy Smith. Die Orgel klingt direkt, das Zusammenspiel mit Quentin Warren und Donald Bailey wirkt konzentriert und geerdet. Hier spricht der Club, nicht mehr die große Bühne.
Der Titelsong ´Bashin’´ knüpft daran an, wirkt jedoch verspielter. Der Groove ist locker, beinahe schelmisch, Jimmy Smith phrasiert mit Witz und Selbstverständlichkeit. Die Musik lebt sich lässig als auch fokussiert aus, vom Spaß am Spiel und von der Routine eines Trios, das sich blind versteht.
Den Abschluss bildet ´I’m An Old Cowhand´, eine überraschend lässige, groovende Nummer, die Humor und Swing vereint. Jimmy Smith greift die Melodie mit sichtbarem Vergnügen auf, spielt mit dem Thema, und treibt den Song mit federndem Rhythmus voran. Hier zeigt sich, wie mühelos er Unterhaltung und Substanz verbinden kann, ohne ins Leichte abzurutschen.
´Bashin’: The Unpredictable Jimmy Smith´ ist ein Album des Übergangs und genau darin liegt seine Stärke. Die Gegenüberstellung von Big Band und Trio wirkt nicht beliebig, sondern bewusst gesetzt. Sie zeigt zwei Seiten eines Musikers, der sein Instrument bereits vollkommen beherrscht und nun beginnt, es in neue Kontexte zu stellen. Die Arrangements von Oliver Nelson geben der Orgel zusätzliche Wucht, während die Trio-Stücke daran erinnern, wo Jimmy Smiths Herz schlägt.

Auch klanglich überzeugt diese Aufnahme bis heute. Die Orgel steht präsent und warm im Zentrum, die Bläser sind klar konturiert, das Zusammenspiel wirkt geschlossen und kraftvoll. In der aktuellen “Verve-Acoustic-Sounds”-Ausgabe – von den originalen Masterbändern gemastert, auf 180g-Vinyl bei “Quality Record Pressings” gepresst – entfaltet das Album eine beeindruckende Direktheit, die die Energie dieser Sessions spürbar macht.
´Bashin’: The Unpredictable Jimmy Smith´ ist kein Bruch mit der Vergangenheit, sondern eine Erweiterung. Ein Album, das zeigt, wie sich ein Musiker öffnen kann, ohne seine Identität zu verlieren; ein Werk, das Jimmy Smith endgültig als zentrale Figur des modernen Jazz verankert.
(Klassiker)



