
Mit ´Morning Phase´ veröffentlichte Beck Hansen im Jahr 2014 ein Werk, das den gedanklichen Faden von ´Sea Change´ aus dem Jahr 2002 leise aufgreift und das dort begonnene innere Zwiegespräch in ruhiger, reflektierter Form fortspinnt. Auch heute, mehr als ein Jahrzehnt später, wirkt dieses Werk aufgrund seiner Singer-Songwriter-Tradition erstaunlich zeitlos. In der 2026 erschienenen “One-Step-Edition” der “Definitive Sound Series” tritt diese Qualität klarer denn je hervor und rückt die Musik selbst kompromisslos in den Mittelpunkt.
Die Stücke von ´Morning Phase´ kreisen um die Zustände nach einem Wandel. Es geht um die Tage danach, um vorsichtige Neuorientierung, um Müdigkeit und Hoffnung, die nebeneinander bestehen können. Beck Hansen wählt dafür eine Bildsprache, die offen wirkt, meist getragen von Naturmotiven, Lichtwechseln und stillen Momenten zwischen zwei Menschen. Die Produktion folgt diesem Ansatz mit akustischen Gitarren, sanft geführten Schlagzeugfiguren, schwebenden Tasteninstrumenten und sorgfältig gesetzten Orchesterfarben, arrangiert von David Campbell, die den Songs Tiefe verleihen.

Der Auftakt mit ´Cycle´ öffnet das Album wie ein langsames Hochziehen des Vorhangs. Streicher gleiten ruhig dahin, konzentriert, fast wie ein Vorspann, der den Ton vorgibt. ´Morning´ setzt darauf mit einer folkigen Ballade ein, getragen von gezupfter Akustikgitarre, dezenter Percussion und einer weit geöffneten, beinahe traumartigen Klangfläche. Hier deutet sich erstmals jener sanfte Zug in Richtung Dream-Pop an, der das Album durchzieht. Inhaltlich wirkt der Song wie das erste Licht nach einer schwierigen Nacht, eine vorsichtige Annäherung, die im warmen Schimmer des Albumcovers ihr akustisches Gegenstück findet.
´Heart Is A Drum´ hält den Takt moderat, getragen von einer stetigen Gitarrenfigur. Becks Gesang schwebt über einem gleichmäßigen Puls, der dem Song eine gelassene Beständigkeit verleiht, zu harmonischen Klängen. Auch hier liegt der Fokus auf einem versöhnlichen Blick nach vorn, selbst wenn die Umstände brüchig bleiben. ´Say Goodbye´ folgt zurückhaltender, fast lakonisch, mit müder Gitarre und sparsamen Worten. Beck zeigt sich hier als Songwriter alter Schule, in direkter Linie zu den frühen Neunzigerjahren.
´Blue Moon´ verbindet melancholische Strophen mit einem überraschend hellen Übergang, der dem Stück eine wirkungsvolle Hell-Dunkel-Dramaturgie verleiht. Neben der Akustikgitarre tritt eine Ukulele hinzu, die dem Arrangement zusätzliche Farbe gibt. ´Unforgiven´ wirkt schwerer und langsamer, bleibt aber durchzogen von Lichtbildern, die sich immer wieder gegen die Schwere behaupten, sobald der Titel im Falsett gesungen wird.

´Wave´ hingegen ist eines der orchestralsten Stücke des Albums. Die dichten Streicher und dunklen Harmonien tragen eine Erzählung von Rückzug und Isolation, vielleicht auch von endgültigem Loslassen. Der Song wirkt in seinem Schwebezustand wie ein kontrolliertes Treibenlassen, ruhig, aber unnachgiebig. ´Don’t Let It Go´ beginnt reduziert, nur mit Stimme und Gitarre, und entwickelt sich schrittweise zu einem sanft verwobenen Arrangement, in dem zusätzliche Instrumente und wunderbare Gesangslinien behutsam hinzutreten.
´Blackbird Chain´ bringt Bewegung ins Album, mit leichtem Surf-Twang in den Gitarren und einem Groove, der sich unauffällig festsetzt und lange im Ohr bleibt. ´Phase´ fungiert erneut als kurzes, elegantes Zwischenspiel, bevor ´Turn Away´ mit klarer Songform und ruhiger Intensität auf harmonische Weise punktet. Der Song handelt vom Abschied von alten Mustern, ohne Bitterkeit, eher mit stiller Entschlossenheit.
´Country Down´ greift ähnliche Stimmungen auf, ergänzt um eine zurückhaltende Mundharmonika, die dem Stück eine erdige Note verleiht. Den Abschluss bildet ´Waking Light´, ein weit ausgreifendes, traumartiges Finale. Der Song blickt nicht zurück, sondern nach vorn, auf das, was nach der Nacht bleibt. Langsam wachsend, ruhig und offen, beschließt er das Album mit einer leisen, aber bestimmten Zuversicht.

Die “One-Step-Pressung” von 2026 hebt diese Musik auf ein außergewöhnliches klangliches Niveau. Der Bass erscheint präzise und kontrolliert, das Schlagzeug klar umrissen, akustische Instrumente gewinnen an Körper und Präsenz. Streicher und Stimmen stehen sauber im Mix, feine Details treten deutlich hervor, ohne analytisch zu wirken. Die Pressung überzeugt durch Klarheit, stabile Dynamik und eine Geschlossenheit, die den ruhigen Charakter des Albums im Sinne der Vorbilder wie CROSBY STILLS & NASH, THE BYRDS, Gram Parsons und Neil Young ideal unterstützt.
´Morning Phase´ erweist sich in dieser Edition als reifes, geschlossenes Werk eines Songwriters, der seine Mittel genau kennt und bewusst einsetzt. Die “One-Step-Pressung” der “Definitive Sound Series” macht hörbar, wie sorgfältig dieses Album komponiert, arrangiert und produziert wurde. Beck Hansen griff dabei auf gefeierte Mitmusiker wie u. a. Jason Falkner, Greg Leisz, Cody Kilby, Smokey Hormel, Roger Joseph Manning, Jr. und Joey Waronker zurück.
Für audiophile Hörerinnen und Hörer ist diese Veröffentlichung als Neotech VR900-D2 180g High-Definition-Vinyl mehr als eine bloße Neuauflage. Sie basiert auf einem Mastering aus den originalen 96kHz/24bit-Quellen und wurde im aufwendigen “One-Step”-Verfahren realisiert, das unter Audiophilen als Referenz für maximale Signalreinheit und Detailtreue gilt. Damit bietet diese Edition die bislang überzeugendste Möglichkeit, ´Morning Phase´ in seiner ganzen Tiefe und Eleganz zu erleben. Volle Punktzahl.



