
DAVID MURRAY QUARTET – Birdly Serenade
2025 (Impulse! Records) - Stil: Jazz
David Murray, 70 Jahre jung, prägt seit fünf Jahrzehnten die Jazzwelt, sei es als Tenorsaxofonist, Bassklarinettist, Komponist oder als Bandleader. Seine Musik vereint die Virtuosität der Avantgarde mit entsprechend tiefen Wurzeln in Gospel und Blues, Swing und Hardbop. Auf ´Birdly Serenade´ führt er diese Synthese zu neuen Höhen, inspiriert von der ältesten Musik der Welt: dem Gesang der Vögel. Das Album entstand inmitten der Adirondack Mountains, umgeben von Wäldern und Seen, und wurde im “Van Gelder Studio” aufgenommen, wobei das Mastering von Ryan Smith bei “Sterling Sound” jede Nuance der Instrumente klar und direkt hörbar macht.
Die Kompositionen des Albums entfalten sich spielerisch, lebendig und stets mit einem feinen Sinn für melodische Überraschungen. Pianistin Marta Sanchez ist eine treibende Kraft, deren präzise, lebendige Akzente David Murrays ausdrucksstarke Hörner tragen. Bassist Luke Stewart und Schlagzeuger Russell Carter geben den Stücken eine stabile, doch flexible Grundlage, auf der sich David Murray mit Tenorsaxofon und Bassklarinette frei bewegen kann. Das Ergebnis ist eine Musik, die in der Tradition des Hardbop verwurzelt ist, zugleich aber den Geist des Free Jazz in jedem Moment atmet.

Die Eröffnungskomposition ´Birdly Serenade´ erhebt sich wie eine feierliche Ouvertüre. Der Gesang von Ekep Nkwelle vereint sich mit dem sanften, doch festen Spiel des Quartetts, während harmonische Figuren zwischen Tenorsaxofon und Klavier ausgiebig aufleuchten. Im ungezügelten ´Bald Ego´ erhält das Quartett durch das Tenorsaxofon unverzüglich Auftrieb, ehe sich das Klavier in dieser Position des Antreibers wiederfindet.
´Song Of The World (for Mixashawn Rozie)´ bietet im Anschluss Raum für eine poetische Gesangslinie von Ekep Nkwelle, die zum Klavierspiel den stillen Zauber eines nebligen Sees einfängt. Allerdings meldet sich das Tenorsaxofon ebenfalls noch zu Wort. Dagegen strotzt ´Black Bird’s Gonna Lite Up The Night´ nur so vor Energie. Bassklarinette und Schlagzeug wirbeln in einem hypnotischen Groove, der sofort in den Bann zieht.
´Nonna’s Last Flight´ wirkt wieder etwas weniger gehetzt, eher rhythmisch getragen, mit einer Bassklarinette, die wie ein Herzschlag pulsiert. In ´Capistrano Swallow´ entfaltet sich David Murray hingegen in ausgedehnten Improvisationen, die an seine frühen Loft-Jazz-Tage erinnern, hier jedoch von rhythmischer Präzision und feinem Zusammenspiel getragen werden.
In ´Bird’s The Word´ und ´Oiseau De Paradis´ greift David Murray wieder zum Tenorsaxofon, das mal warm und samtig, mal grell und herausfordernd gleitet. ´Bird’s The Word´ schwingt mit echter Lebensfreude durch das Arrangement, die das ganze Ensemble samt Klavier ansteckt. Das finale ´Oiseau De Paradis´ bereichert Francesca Cinelli zu Beginn mit französischen Spoken-Word-Passagen, die alle Instrumentalisten nochmals als Ausgangspunkt für ihre musikalischen Ausflüge nutzen können.

´Birdly Serenade´ liegt als sorgfältig produzierte Doppel-LP vor, gestochen scharf auf schwarzem Vinyl. Die großzügig bemessenen Seitenlängen geben den Stücken Raum, sich zu entfalten, und lassen den Hörer tief in den fließenden Dialog des Quartetts eintauchen. Jede Nuance des Spiels – von den hellen Akzenten des Klaviers bis zu den subtilen Obertonvariationen von Saxofon und Bassklarinette – wird greifbar und direkt erlebbar. Die Platte vermittelt so das Gefühl, das Quartett live vor sich zu hören, und setzt Maßstäbe in der audiophilen Wiedergabe.
´Birdly Serenade´ zeigt David Murray als Musiker auf dem Höhepunkt seiner Kunst: ein Saxophonist, der die Brücke zwischen Tradition und Innovation schlägt, der Groove, melodische Schönheit und improvisatorische Freiheit verbindet. Das Album ist ein beeindruckendes Erlebnis, bei dem jeder Ton erzählt, wie lebendig, verspielt und erhaben Jazz klingen kann.
(9 Punkte)
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