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ANTHONY WILSON NONET – House Of The Singing Blossoms

2025 (Sam First Records) - Stil: Jazz

Mit ´House Of The Singing Blossoms´ kehrt Anthony Wilson nach fast zwei Jahrzehnten zu jener Nonet-Besetzung zurück, die sein kompositorisches Denken besonders präzise widerspiegelt. Der Gitarrist, Arrangeur und Bandleader, geprägt durch die musikalische Welt seines Vaters Gerald Wilson und durch die jahrzehntelange Zusammenarbeit mit Künstlern wie Diana Krall, Charles Lloyd und Bobby Hutcherson, nutzt diese Formation, um Jazz in großzügigen, farbenreichen Tableaus zu entfalten. Aufgenommen an zwei Abenden im März 2025 im “Sam First” in Los Angeles, besitzt dieses Album die konzentrierte Energie eines Live-Auftritts und zugleich die Souveränität eines sorgfältig durchdachten Werkes.

Der Auftakt mit Gerald Wilsons ´Triple Chase´ ist ein selbstbewusstes Statement. Das Stück stürzt sich ohne Zögern in ein hohes Tempo, das Klavier wirbelt, die Bläser greifen ineinander wie Zahnräder, während Anthony Wilsons Gitarre mit klarer Artikulation darüber gleitet. Nicole McCabe am Altsaxophon und Bob Reynolds am Tenorsaxophon setzen markante Soli, die das Stück weiter anheizen, getragen von Anna Butterss’ elastischem Bass und Mark Ferbers präzisem Schlagzeugspiel. Die Musik wirkt permanent fordernd und mitreißend, ohne jemals unübersichtlich zu werden. Letztlich setzt Anthony Wilson sogar noch zu einer kleinen Solo-Vorstellung an.

Joe Zawinuls ´In A Silent Way´ folgt als bewusster Kontrast. Anthony Wilson formt die bekannte Melodie mit warmem Ton, lässt sie ruhig entstehen und öffnet sie langsam für das Ensemble. Die Bläser treten behutsam hinzu, Gerald Clayton legt mit dem Klavier und Anna Butterss mit dem Bass feine harmonische Akzente, bevor das Stück fließend in ein weiteres von Joe Zawinul, das mitreißende ´Walk Tall´, übergeht. Hier nimmt das Nonet Fahrt auf, funkige Akzente treffen auf federnden Swing, Henry Solomons Baritonsaxofon sorgt für die nötige Erdung und das Gitarrenspiel für weitere Lockerungen, während die gesamte Band spürbar Freude an der rhythmischen Spannung entwickelt.

Mit Bennie Wallaces ´Bordertown´ schlägt das Album auf der B-Seite eine wehmütige Richtung ein. Das Thema besitzt eine lässige Schärfe, die an urbane Szenen erinnert, Bläser und Rhythmusgruppe schieben sich indes gegenseitig voran. Gerald Claytons Klaviersolo bringt Leichtigkeit ins Geschehen, während Anthony Wilson mit pointierten Einwürfen den Verlauf lenkt. Die Energie bleibt hoch, doch stets kontrolliert.

Die Beatles-Komposition ´Because´ erfährt eine überraschend elegante Neuinterpretation. Die Bläser übernehmen von den Gitarrensaiten die vokalen Linien, formen daraus einen schwebenden Chorsatz, über dem das Klavier zurückhaltend begleitet. Anthony Wilson hält sich bewusst im Hintergrund und verleiht dem Stück durch wenige gezielte Akzente eine stille Intensität.

Der Titeltrack ´House Of The Singing Blossoms´ bildet als frische Eigenkomposition das Herzstück des Albums. Anthony Wilson führt hier mehrere musikalische Gedanken zusammen, lässt das Stück zwischen ruhigen Passagen und kraftvollen Ensemblemomenten wechseln. Gerald Claytons Klavier prägt den Verlauf entscheidend, während die Bläser mit breiten Gesten antworten. Anthony Wilson nutzt den Raum obendrein für ein ausgedehntes Gitarrensolo, das virtuos wirkt, ohne sich aufzudrängen, und die Dramaturgie des Stücks konsequent weiterführt.

Mit der nächsten neuen Eigenkomposition ´Blues For Wandering Angels´ erreicht das Album zu Beginn der C-Seite einen seiner stärksten Momente. Der Blues entwickelt sich schwer und langsam, gewinnt an Gewicht, Bob Reynolds liefert ein eindringliches Tenorsaxofon-Solo, Alan Ferber setzt mit dem Posaunenton markante Akzente. Die Band fokussiert das Geschehen schrittweise, bleibt dabei stets geschmeidig und lässt dem Thema Zeit, sich vollständig zu entfalten.

Keith Jarretts ´Introduction & Yaqui Indian Folk Song´ bringt eine folkartige Ruhe ins Programm. Anthony Wilson steht flüchtig, Anna Butterss in der zweiten Hälfte der Komposition vollständig im Mittelpunkt, ihr Bassspiel verleiht dem Stück Erdung und Klarheit. Die Band begleitet sie aufmerksam, zurückgenommen, fast kammermusikalisch.

´Le Mistral´ steigert die Intensität erneut. Das Stück besitzt einen geradezu tänzerischen Schwung, Alan Ferbers Posaune und Anthony Wilsons Gitarre wechseln sich mit markanten Vorstellungen ab, während Gerald Clayton das Geschehen mit rhythmischer Eleganz vorantreibt. Die Musik bleibt dabei immer lebendig und transparent, jeder Einsatz sitzt.

Den Abschluss bildet Ben Wendels ´Simple Song´, dessen scheinbare Schlichtheit trügt. Die Saxofone führen das Thema mit geschlossener Kraft, Gerald Clayton am Klavier und Mark Ferber am Schlagzeug sorgen für stetigen Antrieb, bevor Anthony Wilson das Stück mit feinem Gespür abrundet. Ein passender Ausklang für ein Album, das durch Konsequenz und Stil überzeugt.

´House Of The Singing Blossoms´ zeigt Anthony Wilson als gereiften Komponisten und Bandleader, der große Ensembles souverän führt und individuelle Stimmen organisch zusammenführt. Live im “Sam First” mit einem hochwertigen Analog-zu-Digital-Setup in 96 kHz/24 Bit aufgenommen, vor Ort mit großer Sorgfalt gemischt und anschließend von Bernie Grundman direkt für Vinyl geschnitten und gemastert, überzeugt das Ergebnis durch Klarheit und Präsenz. Die Pressung auf zwei 180g-LPs bei “Furnace Record Pressing” erweist sich als außergewöhnlich ruhig, mit stabiler Abbildung und sauberer Kanaltrennung. Diese auf tausend Exemplare limitierte Doppel-LP im stabilen Gatefold ist das Zeugnis eines besonderen Konzerts – sowie eines Künstler, der die Tradition kennt und sie mit unverwechselbarer Handschrift fortschreibt.

Ein audiophiles Glanzstück, musikalisch ein echtes Meisterwerk.

https://www.facebook.com/anthonywilsonmusic

 

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