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KRIS DAVIS AND THE LUTOSŁAWSKI QUARTET – The Solastalgia Suite

2026 (Pyroclastic Records) - Stil: Jazz

Mit ´The Solastalgia Suite´ legt Kris Davis ein Werk vor, das weniger als Album im klassischen Sinn erscheint denn als geschlossen gedachte musikalische Erzählung. Es ist ihre erste Komposition für Klavier und Streichquartett, entstanden aus einer sehr konkreten Wahrnehmung von Verlust, Veränderung und stiller Unruhe. Gemeinsam mit dem LUTOSŁAWSKI QUARTET entblättert sie eine Musik, die aufzeigt, wie sich diese Empfindungen anhören können, wenn man ihnen Zeit und Struktur gibt.

Der Einstieg mit ´Interlude´ wirkt wie ein abruptes Eintreten in eine bereits laufende Szenerie. Kurze, scharf gesetzte Klavierfiguren treffen auf kantige Streicher. Alles steht sofort unter Spannung. Die Musik wirkt fast fordernd, und setzt den Ton für das Folgende, ohne dabei laut zu werden. Anschließend beginnt ´An Invitation To Disappear´ mit einer einzelnen Violine, deren Melodie langsam Gestalt annimmt. Das Klavier bleibt zunächst zurückhaltend, bevor es sich vorsichtig in das Geschehen einfügt. Die Streicher entwickeln einen geschlossenen Klangkörper, während Kris Davis das Geschehen mit bewusst gesetzten Tönen lenkt. Die Musik wirkt fragil und hält die Balance zwischen Zurückhaltung und Nachdruck.

Mit ´Towards No Earthly Pole´ verändert sich die Stimmung spürbar. Präpariertes Klavier und scharf gestrichene Saiten erzeugen eine raue Oberfläche. Die Klänge wirken spröde, als würde sich die Musik gegen ihre eigene Stabilität stemmen. Hier entsteht eine Spannung, die aus dem Gegensätzlichen entsteht. ´The Known End´ eröffnet sodann mit markanten Streicherfiguren, die das Klavier zu einem energischen Einsatz herausfordern. Kris Davis antwortet mit einem Spiel, das klar strukturiert bleibt. Der Mittelteil nimmt sich überraschend zurück, bevor sich das Stück erneut aufbaut und in einer kontrollierten Zuspitzung endet.

Ein stilleres Kapitel folgt mit ´Ghost Reefs´. Die Streicher zeichnen fragile Motive, das Klavier fügt kurze, gezielte Einsätze hinzu. Die Musik bleibt schwebend und entwickelt gerade aus dieser Zurückhaltung ihre Wirkung. ´Pressure & Yield´ bringt eine deutlich körperlichere Energie ins Spiel. Die Streicher agieren fast perkussiv, während das Klavier punktuell eingreift. Das Stück wirkt unruhig, und vermittelt ein Gefühl permanenter Spannung, das sich nie vollständig entlädt.

Mit ´Life On Venus´ öffnet sich ein anderer Klangraum. Längere Streicherbögen tragen das Geschehen, während das Klavier klare, nüchterne Töne setzt. Die Musik wirkt fremd und distanziert. Das abschließende ´Degrees Of Separation´ bündelt die zuvor eingeführten Elemente. Plötzliche Einsätze wechseln mit ruhigeren Passagen, die Streicher treiben voran. Kris Davis bleibt präsent, ohne sich in den Vordergrund zu drängen, und führt das Ensemble durch das Finale.

´The Solastalgia Suite´ wurde im Auftrag des “Jazztopad Festivals” in Wrocław komponiert und dort ebenso uraufgeführt wie später im “Dizzy’s Club” in New York. Die Zusammenarbeit mit dem LUTOSŁAWSKI QUARTET, benannt nach Witold Lutosławski und seit Jahren eine feste Größe für zeitgenössische Musik, erweist sich als ideal. Roksana Kwaśnikowska, Marcin Markowicz, Artur Rozmysłowicz und Maciej Młodawski agieren mit Präzision und Gespür für die besonderen Anforderungen dieser Komposition, die klassische Spieltechniken ebenso verlangt wie Offenheit für improvisatorische Impulse.

Kris Davis gelingt mit diesem Werk eine Musik voller ernsthafter Themen. Die ökologische Dimension, die dem Begriff der Solastalgie zugrunde liegt, bleibt stets spürbar. Es entfaltet sich ein Klangbild, das Veränderung, Verlust und Unsicherheit in eine klare musikalische Form übersetzt. Dementsprechend bestätigt ´The Solastalgia Suite´ Kris Davis als Komponistin mit sicherem Gespür für große Zusammenhänge und als Musikerin, die bereit ist, Risiken einzugehen, ohne ihre Sprache zu verwässern.

(9 Punkte)

https://www.facebook.com/krisdavismusic

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