
KIEV STINGL – Meine Sterne fallen
2026 (Klangbad 88) - Stil: Rock/Experimental
Kiev Stingl war nie für Halbheiten zu haben. Er entzog sich dem Betrieb, dem Applaus, dem Missverständnis namens Karriere und hinterließ dennoch ein Werk, das sich bis heute jeder Vereinnahmung entzieht. Als Sänger, Dichter und Störenfried stand er stets quer zur deutschen Popgeschichte, ein Solitär, der sich lieber selbst sabotierte, als sich einzuordnen. Mit ´Meine Sterne fallen´ liegt nun sein letztes Album vor, veröffentlicht zwei Jahre nach seinem Tod von “Klangbad”, dem Label von Hans-Joachim Irmler, und es wirkt wie ein spätes, konzentriertes Destillat all dessen, was diesen Künstler ausgemacht hat.
Entstanden ist das Album in enger Zusammenarbeit mit Niklas David, der bereits früh von Kiev Stingls Sprache und Auftreten angezogen wurde und über Jahrzehnte hinweg an diesem Material arbeitete. Die Aufnahmen fanden unter schwierigen Bedingungen statt, in einer Berliner Altbauwohnung, begrenzt durch Kiev Stingls Erkrankung und seine Abwehrhaltung gegenüber jeder Form von Kontrolle. Gerade daraus erwächst die besondere Kraft dieser Platte. Sie klingt verletzlich, roh, klar und unbeirrbar, getragen von einer Stimme, die brüchig geworden ist und genau darin ihre ganze Wahrheit entfaltet.
Der Einstieg mit ´House Of Drinks´ trägt noch einmal den schiefen Glanz der frühen Jahre in sich. Streicher legen einen leicht schwelenden Untergrund, eine akustische Gitarre sorgt kurzerhand für trügerische Entspannung, bevor sich die elektrische langsam hineinschiebt und den Song kippen lässt. Kiev Stingl singt von Cowboys aus Cleverness und Cowgirls aus Draht, von roten Nächten, Halteverboten und dem Versinken in Drinks, mit diesem trockenen, selbstironischen Ton, der seine Texte immer zwischen Pose und Selbstentlarvung schweben lässt. Marseille, Heartbreak Hotel und Wildlederschuhe tauchen auf wie Erinnerungsfetzen aus einem Leben in ständiger Bewegung, das doch nirgends ankam.
´Rosenblatt´ bildet das emotionale Zentrum des Albums. Erst setzen einige kalte Tasten ein, ein Synthesizer schiebt sich vorsichtig darunter, am Ende öffnet sich der Song zu einem klaren, fast klassischen Klaviermotiv. Der Text ist schlicht und unerbittlich zugleich: Ein Rosenblatt fällt auf Schnee, ein Liebesschwur tut gebrochen weh. Kiev Stingl wiederholt diese Bilder, lässt sie wirken, dreht sie nicht weiter aus, als müssten sie genau so stehen bleiben, um ihre ganze Schwere zu entfalten. Träumen, fliegen, lieben, frei sein, all das erscheint hier als Möglichkeit, nicht als Versprechen.
In ´Dein hartes Gesicht´ schlagen die Saiten fest an, Streicher spannen den Klang, während seine Stimme zwischen Nähe und Rückzug pendelt. Der Text kreist um Schweigen, um das Abhauen, um ein Bett, das zum Fels wird, und ein Zimmer, das im Lärm der Nacht steht. Die Wiederholung wirkt hier wie ein Einschärfen, als würde er versuchen, eine Situation festzuhalten, die ihm längst entgleitet.
´Mächte in der Nacht´ wirkt wie ein beschwörender Monolog. Die Worte sind knapp, fast liturgisch gesetzt, Lippen sollen sprechen, Trauer verschwendet werden, der Mensch bleibt allein im Zimmer. Der Song zieht seine Kraft aus dieser Reduktion, aus der Art, wie Kiev Stingl die Zeilen beinahe mantraartig wiederholt und ihnen dadurch eine eigentümliche Schwere verleiht.
´Tränen in Kissen´ führt zurück nach Hamburg, in Kellerzellen am Rand der Stadt, zu Schiffen im Hafen und nächtlichen Matrosen. Klavier und Streicher tragen den Song, während Kiev Stingl von Einsamkeit singt, vom Gefangensein im Zimmer, von Tränen, die immer wieder ins Kissen laufen. Die Bilder sind konkret, fast dokumentarisch, und gerade deshalb treffen sie so direkt.

Die zweite Hälfte öffnet den Blick weiter. ´Rosenblatt (Coda)´ greift den Kern des Songs noch einmal auf, reduziert ihn auf seine Essenz. Träumen, fliegen, lieben, wie ein Kind, diese Zeilen wirken hier noch nahbarer, noch unmittelbarer, ehe sie abrupt hymnisch anschwellen. In ´Toten der See´ wird es dunkler. Der Text entfaltet ein Spiegelkabinett aus Selbstbild, Jugend, Schönheit und Gespenstern, die an der Ecke stehen. Die wiederholte Anrufung der Toten der See entwickelt einen Sog, der den Song in eine eigentümliche Schwebe versetzt.
´Gypsy Queen´ ist Kiev Stingls Selbstporträt in wenigen Zeilen. Ein Dieb, eine dunkle Gypsy Queen nachts in Berlin, Surabaya Johnny, all das verschmilzt zu einer Figur, die sich jeder Festlegung entzieht. Die Saiten klingen dunkel und wild, die Stimme bleibt knapp, beinahe lakonisch.
Mit ´Sei mein´ zieht sich das Album weiter zurück. Der Song wirkt wie ein intimes Bekenntnis, Whisky, Rauch, Asche, ein Zimmer voller Licht, Sterne, die sich zeigen. Die Worte richten sich an eine einzelne Person, ohne jede Absicht auf Öffentlichkeit, getragen von einer Melancholie, die nicht klagt, sondern festhält.
´Unter Sternen´ schließt die Platte mit einem leisen, aber eindringlichen Bild. Niemand weiß, wie lange dieser Erzähler unter Sternen war, aus der Ferne kommt und immer wieder geht. Auftauchen, untergehen, zurückkehren, das Licht, die Schatten, alles fließt hier zusammen zu einem finalen Schluss.
´Meine Sterne fallen´ ist ein spätes Alterswerk im besten Sinn. Die Musik ist sparsam und präzise gesetzt, die Texte stehen im Mittelpunkt, roh, poetisch, kompromisslos persönlich. Kiev Stingl zeigt sich verletzlich, eigensinnig, klar und von einer Würde, die sich jeder Pose entzieht. Ein Erlebnis, das tief unter die Haut geht und die Dimension eines Kultalbums erreicht. Ein Album, das bleibt, weil es nichts beweisen muss.
Kiev Stingl war, ist und bleibt der querulante Störknall des deutschen Pop-Mythos.
(9 Punkte)
https://www.facebook.com/kiev.stingl
Pic: Andreas Poppmann
(VÖ: 20.02.2026)



