
BAUER GARN & DYKE – Sturmfrei / Himmel, Arsch & Zwirn
1979-1982/2026 (Sireena) - Stil: Rock, Blues
Hamburg Ende der Siebzigerjahre: Clubs, Rauch, Bier, schmale Bühnen, alte Autos vor der Tür. In diesem Umfeld taucht ein Trio auf, das so richtig loslegt. BAUER, GARN & DYKE entstehen 1978 aus einer Mischung aus Zufall und einer gemeinsamen Vorstellung davon, wie Rockmusik klingen muss, wenn sie ehrlich gemeint ist. Hannes Bauer hatte seine Gitarre längst nicht mehr als Lerninstrument begriffen, sondern als Werkzeug. Tom Garn brachte den Bass, Roy Dyke das Schlagzeug mit. Roy Dyke hatte zuvor bei Pat Travers und ASHTON, GARDNER & DYKE gespielt, und dieses Wissen um Boogie, Blues und Rock steckt in jedem Takt, den diese Band spielt.
Der Weg zu den ersten Aufnahmen war alles andere als geplant. Ursprünglich wollte Hannes Bauer auf Englisch singen, bis Produzent Frank Dostal unmissverständlich klar machte, dass daraus nichts werden würde. Deutsch oder gar nicht. Aus dieser Reiberei entstand etwas, das man nicht konstruieren kann. Texte, die sich nicht anbiedern, sondern Spaß haben, die Alltag, Unsinn, Lust und Freiheit miteinander verbinden, und eine Musik, die tief im Blues verwurzelt ist, aber mit einer Wucht gespielt wird, die nichts Gemütliches an sich hat.
´Sturmfrei´, erschienen 1979, ist das Zeugnis dieses ersten Aufschlags. Schon ´Laubfrosch Blues´ macht klar, worum es geht: ein rollender Groove, eine Gitarre, die zerrt, schneidet und lacht, dazu ein Text, der zwischen Kalauer und Blues-Tradition pendelt und genau deshalb funktioniert. Der flotte Eröffnungssong kippt nie ins Alberne, weil die Band ihn ernst spielt. Der Titeltrack ´Sturmfrei´ hält das Tempo locker aufrecht, lässt die Gitarre über dem trockenen Fundament aus Bass und Schlagzeug förmlich explodieren und zeigt Hannes Bauer als jemanden, der seine Soli ordentlich nach vorne treibt. ´Lock ’n Loll´ und das lebhafte ´Ich hau ab´ leben von genau dieser Mischung aus Rastlosigkeit und Kontrolle. Hannes Bauer spielt schnell, aber nie fahrig, jedes Solo sitzt.
Mit ´Sibirien Bär´ und ´Haltestellen Blues´ zeigt das Album seine andere Seite. Das Tempo wird zurückgenommen, der Blues bekommt mehr Gewicht, und plötzlich wird deutlich, wie stark diese Band im Kern verwurzelt ist. ´Guitar Man´ bringt das Trio wieder auf Zug, ein Boogie, der keinen Umweg kennt, während ´Da ha ick Bock druff´ mit seinem Berliner Einschlag beweist, dass Humor hier kein Beiwerk ist, sondern Teil der Identität. Ein Sonderfall ist ´Billie´, der ernstere Ton fällt auf, gerade weil er so selten ist. ´Ich hab Lust, Baby´ beschließt das Album letztlich ganz ungeniert. Und so wirkt das Debüt wie eine lange Nacht, bei der man nicht merkt, wie spät es ist.
Drei Jahre später folgt ´Himmel, Arsch & Zwirn´, und es ist sofort hörbar, dass die Band nur wenige Zentimeter weitergegangen ist. Die Musik ist stellenweise schärfer, ohne den Spaß zu verlieren. ´Sabbel Buggie´ eröffnet das Album mit einem stoischen Drive, der keinen Zweifel lässt, dass hier nichts entschärft wurde. ´Rock’n’Roll Musketiere´ trägt den Rock’n’Roll nicht im Titel, um ihn zu zitieren, sondern um ihn ungebremst zu leben. ´Hallo Jo´ und ´Marleen´ zeigen die schlicht bzw. flott rockende Seite der Band, während ´Die Spinne´ den Blues aufleben lässt.
Ein Höhepunkt ist ´Alte Autos und Rock’n’Roll´, weil hier Text und Musik perfekt ineinandergreifen. ´1000 Elefanten´ treibt den Deutschrock wieder nach vorne, bevor ´Pyro-Manni (Feueralarm!)´ alles entfacht, was Hannes Bauer als Gitarrist ausmacht. ´Lonly Harz´ nimmt das Tempo auch noch nicht heraus, erst ´Mit Dir geht es richtig los´ beschließt die Platte mit hohem Gesang und in einem lockeren Ton.
Parallel zu dieser Band wird Hannes Bauer Teil von Udo Lindenbergs Panikorchester, zunächst auf der Heizer-Tour 1980, später als feste Größe. Diese Doppelrolle kostet Zeit und Energie. BAUER GARN & DYKE bleiben ein Trio, doch gerade diese kurze Zeitspanne zwei Studioalben trägt zum Mythos bei. Tom Garn verlässt später die Band, kurze Zeit existiert eine Variante mit Zappo Lüngen, doch das Kapitel BAUER GARN & DYKE ist im Kern abgeschlossen.
Heute stehen ´Sturmfrei´ und ´Himmel, Arsch & Zwirn´ als Momentaufnahmen einer Szene, die rau, laut und frei war. Sie klingen selbst über 40 Jahre später nicht nach Nostalgie, weil sie nie versucht haben, modern zu sein. Hannes Bauer ist hier nicht der Gitarrist von jemand anderem, sondern Zentrum und Motor einer Band, die deutschen Blues- und Hardrock auf Augenhöhe mit internationalen Vorbildern gespielt hat. Zwei Alben, ein kurzer Zeitraum, ein bleibender Eindruck – und das Gefühl, dass diese Musik auch heute noch genau dort zündet, wo sie hingehört: direkt im Bauch.
Legendär.
https://www.facebook.com/hannes.bauer.714
(VÖ: 26.01.2026)



