
BILLY COBHAM – Spectrum
1973/2025 (Analogue Productions) - Stil: Jazz Fusion
Billy Cobhams Debütalbum ´Spectrum´ entfaltet schon mit dem ersten Ton eine Energie, die unmittelbar ansteckt und den Hörer in ein Studio versetzt, in dem virtuos und spontan musiziert wird. ´Quadrant 4´ eröffnet das Album mit einem gnadenlosen Schlagabtausch zwischen Billy Cobhams Trommeln und Jan Hammers elektrischen und akustischen Klaviertönen, während Tommy Bolin auf seiner Fender Stratocaster Funken sprüht, unterstützt von Leland Sklar am Bass. Billy Cobham Double-Bass-Drums hämmern, die Melodien lachen, stürmen und treiben vorwärts, während Tommy Bolin die Gitarre über das Echoplex in ein Feuerwerk verwandelt, das den Raum erfüllt.
´Searching For The Right Door´ führt mit einem kurzen Schlagzeugintro direkt in ´Spectrum´, ein Stück, das sich um Flöten- und Saxophonsoli von Joe Farrell, Jan Hammers Moog-Synthesizer sowie Jimmy Owens’ sanfte, aber klare Trompetenlinien rankt. Billy Cobham setzt die Drums zurückhaltend ein, lässt die Felle vibrieren, während die Harmonien sorgfältig ineinandergreifen. Die ungeraden Takte fordern die Aufmerksamkeit des Hörers, doch das Stück entwickelt eine fließende Eleganz, die die Komplexität der Komposition trägt, ohne je hektisch zu wirken.
´Anxiety´ zeigt sich auch wieder nur wie ein kurzes trommelndes Aufglimmen, bevor ´Taurian Matador´ ein funkiges, rasantes Duell zwischen Tommy Bolins Gitarre und Jan Hammers Keys entfacht. Billy Cobhams Schlagzeug bleibt treibend, aber flexibel, er verschränkt rockige Attacken mit jazziger Raffinesse, während Tommy Bolin seine Gitarre zu einem Instrument der puren Ekstase formt. Jan Hammers Phrasierungen antworten darauf mit einer präzisen, feurigen Intonation, die das Stück zum Tanz auf der Klinge zwischen Rock und Jazz macht.

Mit ´Stratus´ erreicht das Album seinen legendären Höhepunkt. Die Synthesizer wabern, Tommy Bolins Gitarre schwebt durch das Klangbild, Leland Sklar liefert einen Basslauf, der den Track stabil trägt, während Billy Cobham die Felle explodieren lässt und die Groove-Funken durch das Stück fliegen. Jan Hammers Solo auf Klavier und Moog trägt eine fast sakrale Ruhe in die Hitze des Stücks, bevor Billy Cobham die Dynamik erneut anhebt und Tommy Bolin seine Gitarre in ekstatische Höhen treibt. Das Stück wirkt wie ein orchestriertes Feuerwerk über neun Minuten, dicht, spannend und lebendig, ohne je aufdringlich zu werden.
´To The Women In My Life´ bildet mit einer reinen Klavierdarbietung von Jan Hammer einen kurzen Kontrast. Billy Cobham tritt zurück, überlässt die Töne Jan Hammer allein, und der Hörer erlebt eine fast intime, reflektierende Sequenz, bevor ´Le Lis´ mit lateinamerikanischem Schwung, Congas von Ray Barretto und feinen Trompetenlinien von Jimmy Owens das Album wieder in die rhythmische Ekstase führt.
´Snoopy’s Search´ und ´Red Baron´ schließen das Album mit einer Mischung aus witziger Verspieltheit und virtuoser Präzision. Billy Cobham nutzt Synthesizer, Percussion und die gesamte Bandbreite seines Schlagzeugs, um Rhythmen zu erzeugen, die den Körper bewegen, während Tommy Bolin die Gitarre in subtile Harmonics kleidet und Jan Hammer das Keyboard wie eine Feder über die Takte tanzen lässt. ´Red Baron´ entfaltet in seinen sieben Minuten einen Groove, der funky, locker und gleichzeitig technisch brillant ist, eine perfekte Mischung aus Jazz-Improvisation und rockiger Energie.
Das gesamte Album wirkt wie eine Reise durch Billy Cobhams musikalisches Universum, aggressiv, virtuos und dennoch elegant. Jeder Musiker wird zum Mitgestalter, kein Solo wirkt überflüssig. Jede Passage zeigt, dass hier Künstler am Werk sind, die ihr Handwerk verstehen und gleichzeitig mit emotionaler Kraft spielen. ´Spectrum´ ist ein Meisterwerk der Jazz-Rock-Fusion, das heute immer noch seine volle Wucht entfaltet, die Dynamik, Klarheit und Spielfreude atemberaubend überträgt.

Bevor Billy Cobham mit ´Spectrum´ debütierte, hatte er bereits eine beeindruckende Karriere hinter sich. In Panama geboren, zog er als Dreijähriger mit seiner Familie nach Brooklyn, New York. Mit vier Jahren begann er schon Schlagzeug zu spielen. Nach einer Station in der US-Armee, in der er in der Armee-Band auftrat, spielte er bei Horace Silver, George Benson, Stanley Turrentine und weiteren Größen. Billy Cobham machte sich schließlich mit Miles Davis einen Namen. Insbesondere auf den wegweisenden Alben ´Bitches Brew´ und ´A Tribute To Jack Johnson´ trug er maßgeblich zur Geburt des Jazz-Fusion-Sounds bei.
Mit dem Gitarristen John McLaughlin gründete er das MAHAVISHNU ORCHESTRA, das sich mit einer Mischung aus Jazz, Rock und indischer Musik in explosiver Virtuosität ein unumstößliches Denkmal setzte. Dabei sprengten sie mit Studioalben wie ´The Inner Mounting Flame´ und ´Birds Of Fire´ die Grenzen des damals Vorstellbaren. Zwischen 1971 und 1973 tourte Billy Cobham unermüdlich mit dem Orchester, und aus diesen Nächten voller überschäumender Energie, komplexer Rhythmen und packender Improvisation zieht ´Spectrum´ seine ungestüme Kraft. Jeder Schlag, jedes Riff, jede Passage atmet die Freiheit und Wildheit dieser Jahre und verleiht dem Album eine mitreißende, vibrierende Präsenz.
Die aktuelle Neuauflage von ´Spectrum´ durch “Analogue Productions” in der “Atlantic 75 Series” präsentiert das Werk auf 180g Doppel-LP, bei 45 RPM, direkt vom Original-Masterband von Kevin Gray bei “Cohearent Audio” geschnitten. Die unübertroffene Pressung bei “Quality Record Pressings” und das hochwertige “Stoughton Printing”-Gatefold tragen dazu bei, dass die legendäre Energie dieses Albums nun wieder in ihrer ganzen klanglichen Pracht genossen werden kann, so wie sie Billy Cobham und seine Mitstreiter 1973 eingefangen haben.
(Klassiker)



