
CRYPTIC SLAUGHTER – Convicted
1986 (Metal Blade/Relapse) – Stil: Crossover/Hardcore Punk/Thrash Metal
40th Anniversay
1986 war ein völlig durchgeknalltes Jahr. Ein Jahr, das sich mit fortwährend grenzüberschreitenden Meilensteinen wie ´Master Of Puppets´, ´Doomsday For The Deceiver´ oder ´Reign In Blood´ beinahe im Monatsrhythmus selbst überbot.
Doch nicht nur der Metal erreichte in dieser Phase einen kreativen Kulminationspunkt – auch Hardcore Punk und Crossover befanden sich auf der Höhe ihrer Ausdruckskraft und antworteten mit einer Reihe ebenso wegweisender Veröffentlichungen.
´Life Of Dreams´ von den CRUMBSUCKERS, ´American Paranoia´ von ATTITUDE ADJUSTMENT, ´Kings Of Punk´ von POISON IDEA oder auch AGNOSTIC FRONTs ´Cause For Alarm´ markierten eine Szene im Zustand permanenter Selbstbeschleunigung. Geschwindigkeit, Härte und politisches Bewusstsein verbanden sich zu einer neuen Ernsthaftigkeit, die keinen Platz mehr für stilistische Reinheitsgebote ließ.
In genau diesem Spannungsfeld tauchten CRYPTIC SLAUGHTER auf – eine Band, deren Bedeutung sich weniger über plakative Etiketten als über ihre kompromisslose Haltung erschließt.
Gegründet 1984 in Südkalifornien von Scott Peterson und Less Evans, verdichtete sich mit Bill Crooks (zunächst als Bassist, später als Sänger) und schließlich Rob Nicholson am Bass das Line-up rasch zu einer Einheit, die früh eine radikale musikalische Zielstrebigkeit entwickelte. Das erste Demo ´Life In Grave´ zirkulierte intensiv im Tape-Trading-Netzwerk der Achtziger und verschaffte der Band schnell einen Ruf als kompromisslose Extremisten.
´Metal Blade Records´ wurde aufmerksam, und 1986 erschien mit ´Convicted´ das Debütalbum – ein Werk, das heute, anlässlich seines 40. Geburtstags, als Schlüsseldokument einer entscheidenden Umbruchphase gelesen werden muss.
Die Jahre 1985 bis 1987 markieren im Hardcore Punk eine Phase beschleunigter Selbstüberschreitung. Die bis dahin relativ klar gezogenen Linien zwischen Hardcore und Metal begannen sich aufzulösen. Thrash Metal radikalisierte die Errungenschaften der New Wave of British Heavy Metal, während Hardcore Punk seine rohe Direktheit mit wachsender technischer Ambition auflud.
Crossover Thrash war weniger ein neues Genre als das logische Resultat dieser Entwicklung – ein musikalischer Kurzschluss, und CRYPTIC SLAUGHTER gehörten zu jenen Bands, die diesen Prozess nicht moderierten, sondern eskalierten.
´Convicted´ setzt nahezu ausschließlich auf extreme Tempi und wirkt in seiner Rastlosigkeit wie eine Vorahnung dessen, was wenige Jahre später unter dem Begriff Grindcore firmieren sollte. Songs wie ´M.A.D.´, ´Sudden Death´ oder ´Rest In Pain´ schießen in ein- bis zweiminütigen Intervallen vorbei, angetrieben von Petersons schier übermenschlicher Ausdauer am Schlagzeug.
Dabei entsteht nie der Eindruck technischer Kälte, vielmehr lebt das Album von einer permanenten Instabilität, von dem Gefühl, dass alles jederzeit auseinanderbrechen könnte. Die Gitarren sind kantig und funktional, die Riffs kurz und präzise gesetzt. Crooks` Gesang bleibt dabei fest im Hardcore verankert: ein klares, aggressives Shouting, weit entfernt von den Growls, die bald darauf zum Standard extremer Musik werden sollten.
Inhaltlich verbindet ´Convicted´ diese musikalische Radikalität mit präzisen, sozialpolitischen Beobachtungen. Texte über Wettrüsten, staatliche Kontrolle, Krieg und soziale Ohnmacht wirken weder plakativ noch abstrakt, sondern erstaunlich reflektiert für eine Band im damaligen Alter.
Besonders ´Lowlife´ ragt hervor: ein Stop-and-Go-Song mit markantem Schlagzeugauftakt, das sich rasch zur Hymne entwickelte und bis heute als einer der zentralen Songs des Genres gilt.

Rückblickend wirkt ´Convicted´ in Produktion und Songaufbau vielleicht weniger ausgereift als spätere Werke der Band oder ihrer Zeitgenossen. Doch genau hierin liegt seine historische Kraft: das Album markiert einen Moment, in dem Hardcore Punk seine eigenen Grenzen sprengte und zugleich seine Essenz bewahrte, indem es Crossover-Elemente organisch in das Genre integrierte.
Als Momentaufnahme einer extremen, heute nahezu verschwundenen Spielart ist ´Convicted´ nicht nur hörenswert, sondern essenziell.
(Klassiker)
Favorites: ´M.A.D.´, ´Lowlife´, ´Rest In Pain´, ´Nuclear Future´, ´Hypocrate´
https://www.facebook.com/RelapseRecords
Pics: Rerelease on “Relapse”



