
„Heavy Metal Chaos“
Andreas „Neudi“ Neuderth über HEAVY METAL BATTLE, Live-TV, KREATOR – und warum 1986 alles explodierte
Bevor Begriffe wie Metal-TV, Formate oder Zielgruppen entstanden, gab es Chaos. Live. Im Kabel. Moderiert von Teenagern.
Andreas „Neudi“ Neuderth war mittendrin. Mit 14, 15 Jahren stand er vor der Kamera, ließ Bands spielen, warf Plattencover durchs Studio und machte Heavy Metal sichtbar – ohne zu wissen, dass er gerade Geschichte schreibt.
Dieses Interview ist keine Rückschau mit rosaroter Brille. Es ist ein Gespräch über Mut, Überforderung, Improvisation und darüber, wie HEAVY METAL BATTLE 1986 nicht geplant startete – sondern explodierte.
Keine Nostalgie. Kein Denkmal. Nur Erinnerungen an eine Zeit, in der Fernsehen noch ein Risiko war.
SaitenKult: Bevor wir anfangen, uns an Dinge falsch zu erinnern. Warum ist 1986 der echte Start von HEAVY METAL BATTLE – und 1985 eher die Nullnummer?
Neudi: Das ist alles natürlich etwas schwammig nach so vielen Jahren. Die Ausgabe mit KREATOR und OUTSIDE war belegbar im Januar 1986. Hier haben Rudi und ich – die ersten Ausgaben war noch mein damaliger Schulkumpel Rudi dabei – auch anmoderiert und ein kurzes Interview geführt.
Zuvor gab es aber schon eine Ausgabe mit SAINTS’ ANGER. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass wir hier bereits moderiert haben. Der Sänger H.P. Piller allerdings meint sich zu erinnern, dass wir was ins Mikro gesagt haben. Wie dem auch sei, es liegt nur eine Kopie von einer Kopie der Show von SAINTS’ ANGER vor und da sieht man die Band nur spielen. Daher fühlt sich die Ausgabe mit KREATOR als erste „richtige Show“ an, die nicht nur eine Liveband zum Inhalt hat. Ein anderer Grund: Vor lauter Aufmerksamkeit wegen KREATOR hat sich 1986 irgendwie eingebrannt.
SaitenKult: Die allererste Sendung mit SAINTS’ ANGER: War das ein bewusstes Konzept, komplette Improvisation, „Hauptsache, die Band spielt und die Kamera läuft“ oder alles gleichzeitig?
Neudi: Diese Ausgabe ist, wie bereits erwähnt, eher im Nebel. Sie wurde auch oft wiederholt, da der Sender ganz neu war und kaum sinnvollen Content hatte. Das bestätigt auch die Band selbst, denn sie haben sich in einem Warenhaus selbst im TV gesehen – was 1985 oder 1986 sicherlich noch ein richtig krasses Gefühl gewesen sein muss.
Was diese ersten Shows angeht: Der Offene Kanal, der am Anfang auch noch gar nicht so hieß, hatte kein eigenes Studio. Er befand sich in Ludwigshafen in der AKK, Anstalt für Kabelkommunikation – quasi eine Operationszentrale des damals ganz neuen Kabel-TV (aka „Kabelpilotprojekt“). Da waren viele Radiostudios, unter anderem der Vorläufer von RPR (damals „Linksrheinischer Rundfunk“, wo ich tatsächlich ein paar Monate eine Nacht-Metalsendung hatte), aber auch ein voll ausgestattetes TV-Studio von SAT 1. Dort wurde zum Beispiel „Der Goldene Schuss“ mit Lou van Burg (ich hoffe, der Name stimmt so) produziert. Die armen Schweine wurden dann staatlich verdonnert, ein paar Stunden pro Woche dieses Bürgerfernsehen zu machen. Ich erinnere mich an einen Schullehrer, der auf eigene Faust Physik- oder Chemieunterricht als TV-Sendung gemacht hat. Das war extrem langweilig, zumal der Typ null Charisma hatte, aber die SAT 1 Leute mussten nur beleuchten und ein Mikro in Betrieb nehmen. Das ging also noch. Wir kamen, ließen eine Band aufbauen und sagten „macht mal, die spielen gleich live“. Die haben uns gehasst, zumal wir ja auch noch nervige Teenager waren. Ich selbst bin ja heute noch hyper-extrovertiert, aber mit 15 oder 16 war ich absolut unerträglich. Würde man heute wohl ADS oder so nennen… Für das, dass die Techniker keine Lust hatten, haben sie sich bei SAINTS’ ANGER echt Mühe gegeben. Rudi und ich konnten dann darauf aufbauen und die folgenden Sendungen eher etwas planen. Etwas.

SaitenKult: Ganz ehrlich: Haben du und Rudi diese erste Sendung überhaupt moderiert – oder wart ihr nur irgendwo im Studio und habt gehofft, dass es vorbei geht?
Neudi: Wie gesagt, ich weiß es nicht mehr. Ich würde aber wetten, dass wir hier noch nichts moderiert haben.
SaitenKult: Du warst 14/15, andere hatten Pickelprobleme – du hattest Livebands im Kabel-TV. Hat dir damals eigentlich irgendjemand gesagt, dass das völlig irre ist?
Neudi: Pickelprobleme hatte ich on top, aber ich habe geschickt mit Make-Up gearbeitet! Meine Eltern mussten natürlich die volle Verantwortung übernehmen, sprich: einen Vertrag unterschreiben. Rudis Eltern hätten das wohl eher nicht gemacht. Meine haben dann später auch den Plattenvertrag mit GAMA unterschrieben, was definitiv schlimmer war ha ha.
Mein Umfeld war verwundert, dass wir uns sowas trauen. Man ist als Teenager ja noch nicht so selbstbewusst, aber ich war so auf Musik (Metal) fokussiert, dass das egal war. Man sieht deutlich, wie ich verlegen bin und dann an meinen langen Haaren (hinten waren sie lang) spiele und allerlei Bewegungen mache, wie man sie von einem unsicheren Teenager kennt. Ich hatte aber dennoch nie durchgehend diesen Gedanken, dass da jetzt tausende von Leuten zuschauen. Und das war ja damals in der Tat noch der Fall, durch das anfangs recht große Sendegebiet. Und alle Sendungen waren live, bei mir auch die späteren Shows. Ich habe nie aufgezeichnet.
Das ist mit 15 ohne jegliche Erfahrung dann schon etwas „irre“. Rudi hatte da deutlich mehr Probleme und hätte sich eher als ein Mann im Hintergrund wohler gefühlt. Er war ja auch nur bei den AKK-Sendungen dabei, da ich, wie ich merken musste, mit einem zweiten Host nicht arbeiten konnte, das ist nicht mein Ding. Wenn ich mir heute alte Familienfotos aus den späten Siebzigern anschaue (ich bin 1971 geboren), dann bin ich da schon oft heftig am Posen. Viele Menschen werden unsicher, wenn eine Kamera auf sie gerichtet ist, ich hingegen drehe dann richtig auf. Das war schon immer so und ist heute nicht anders. Wäre ich nochmal 16 oder 18, wäre ich wohl TikTok-Influencer oder sowas ha ha.
SaitenKult: Die Januar-86-Sendung mit KREATOR (+ OUTSIDE) ist heute legendär, auf DVD und im Kinofilm. Wie wichtig fühlte sich das an – damals, in diesem Moment?
Neudi: Die Antwort ist sehr ernüchternd. Ich hatte damals mit “Noise Records” telefoniert und nach einer Band gefragt. Keine Ahnung, wen ich da im Sinn hatte, aber man nahm mich zu meinem Erstaunen dort ernst. Die von mir gewünschte Gruppe konnte aber nicht, also schickte man mir die blutjungen KREATOR, die ich im Grunde gar nicht so wirklich kannte. Sie waren also nicht meine oder unsere erste Wahl. Ohne die Platten zu kennen, hat mich das Songmaterial im Studio selbst überfordert. Es war ein Höllenlärm, Gesang hat man gar nicht gehört. Es hatte nichts mit dem Ton zu tun, den die Zuschauer zuhause empfangen haben, oder wie er in der Regie durch die Abhöre geklungen hat. Ich glaube auch kaum, dass sich die Band selbst gut gehört hat.
OUTSIDE waren ja in der gleichen Show und das wirkte zunächst erst mal bodenständiger und schlüssiger, ja einfach aufgeräumter, obwohl ich sehr wohl schon VENOM, CELTIC FROST oder SLAYER gehört und geliebt habe. Mit Mille war ich sogar noch in einem Musikgeschäft in Frankenthal, weil ich ihm erzählt habe, dass es dort originale BC Rich Gitarren gibt. Er hat dann dort diese rote Gitarre gekauft, die man auf der Rückseite der ´Flag Of Hate´-EP sieht. Später hat er mir erzählt, dass sie ihm geklaut wurde.
Das alles war sehr wohl aufregend für einen Fünfzehnjährigen, der noch lokale Acts im örtlichen “Haus Der Jugend” angehimmelt hat, aber ich hatte nicht den Eindruck, dass ich es mit einer zukünftigen Größe im Heavy-Metal-Geschehen zu tun hätte. Damals dachte ich, dass so ein normaler Heavyrock wie OUTSIDE es eigentlich leichter haben müsste. Immerhin haben die Jungs durch unsere Sendung einen Plattenvertrag bekommen. Jede Band konnte direkt nach der Show eine VHS mit nach Hause nehmen. Aber dass teutonischer Thrash irgendwann erfolgreicher sein würde als deutsche Bands mit einem eher gängigen Stil, hätte ich nicht erwartet. Und in manchen Gegenden von Deutschland hat man das übrigens immer noch nicht so ganz gemerkt…

SaitenKult: Der Offene Kanal Ludwigshafen ging über die ganze Vorderpfalz. War euch klar, wie viele Leute euch wirklich gesehen haben – oder war das eher so ein „Hallo Mama“-Gefühl?
Neudi: Am Anfang war das wirklich ein krasses Sendegebiet. Später haben dann fast alle größeren Städte ihren Offenen Kanal bekommen und dann wurde es immer lokaler. Man muss aber auch dazusagen, dass der Oberchef von diesem OK-Projekt immer wieder gesagt hat, wir würden den Offenen Kanal mit einer solchen Musiksendung zweckentfremden. Hätten wir nur Local Heroes und regionale Newcomer eingeladen, wäre es eher im Sinne des Erfinders gewesen.
Durch das Sendegebiet war HEAVY METAL BATTLE aber von Tag 1 an sehr erfolgreich, während andere Sendungen kaum geschaut wurden. Über manche Shows haben sich die Leute sogar massiv lustig gemacht, so wie heute über schräge YouTuber. Fakt ist, dass ich ständig erkannt wurde, sei es in Ludwigshafen oder in meiner Heimat Frankenthal. Natürlich war Heavy Metal damals noch nicht Mainstream, galt als gefährlich und war oft „nur Lärm“. Das einfach auf die Menschen loszulassen, fühlte sich ein wenig rebellisch an, was mir tatsächlich auch irgendwie Spaß gemacht hat.
Zwei Jahre später haben ein Kumpel und ich die völlige TV-Anarchie in diesem Sender vom Stapel gelassen: „Boris’ und Neudis Plauderstunde“. Ein Tisch, ein Telefon und schauen, was passiert – alles live und drei bis vier Stunden lang! Das hat so polarisiert… In diesem Segment haben wir Dinge gemacht, die es bei den normalen Sendern erst Jahre später gab. Aber auch da haben wir gemerkt, dass es nicht nur 100 Verirrte sind, die da zuschauen, sondern deutlich mehr. Ich habe später mal eine VHS an das Team von „RTL Samstag Nacht“ geschickt und wir bekamen eine tolle Antwort samt dickem Fanpaket zurück.
SaitenKult: Jetzt Butter bei die Kutte: Was war die schlimmste Live-Panne, bei der du dachtest: „Okay, das war’s jetzt mit meiner TV-Karriere“?
Neudi: Die gab es nicht, denn ich habe wirklich jede Situation mit Humor gesehen, mir manchmal sogar kleine Pannen aus unterhaltungstechnischen Gründen erhofft. Nach den AKK-Shows haben wir ja auch viele Videoclips gezeigt, die ich von den Labels bekam. Da ist schon mal das Eine oder Andere nicht richtig gelaufen, oder es gab Bandsalat. Oder die Regie, nach der AKK dann im eigenen OK-Studio (vielleicht noch ein Fünftel der Technik…) – alles Kumpels von mir, also Ungelernte – hat das Band nicht an die richtige Stelle gespult und es kam noch dieses Testbild mit dem Countdown rückwärts. All das fand ich eher lustig und habe es zu einem Teil der Liveshow gemacht. Das war auch ein Grund, warum Leute, die nicht auf Metal standen, die Sendung geschaut haben. Natürlich gab es auch ärgerliche Vorfälle wie lange Tonausfälle, aber das war dann halt ein Problem dieser einen Ausgabe. Es war eben live und dann wurde halt „Sorry, Ton geht gerade nicht“ oder sowas Flapsiges eingeblendet. Im Grunde kannten wir diese Live-Probleme teils auch schon von den Rockpalast-Nächten. Da wurde auch oft improvisiert, wenn der Zeitplan nicht eingehalten werden konnte.
SaitenKult: BLIND GUARDIAN kommen spontan vorbei, um live zu sagen, dass sich ihr Gig am Abend verlegt hat. War das eine Ausnahme – oder einfach ein normaler Sonntag bei HEAVY METAL BATTLE?
Neudi: Das waren schon Ausnahmen, allerdings hatte ich immer mehr als eine Handvoll Leute im Studio sitzen, die einfach so vorbeischauten, obwohl das Studio (dennoch ein recht großer Raum) nicht auf Publikum ausgelegt war. Hier und da wurden die dann von mir unfreiwillig eingebunden. Das mit BLIND GUARDIAN hatte ich komplett vergessen, bis vor einem Jahr eine VHS aufgetaucht ist. Der lokale Veranstalter der BLIND GUARDIAN- und GRINDER-Show musste das Event in eine andere Halle legen, ich glaube sogar am gleichen Tag. Da meine Sendung live war, hatte man gehofft, dass die Ankündigung etwas bringt. Ich fand es cool, spontanen Content zu haben und freute mich auch mehr über GRINDER, da ich BLIND GUARDIAN (von denen ich nie Fan war) gar nicht auf dem Schirm hatte. Irgendwann aber waren sie auch mit ICED EARTH unterwegs und ich weiß noch, dass wir an der Ecke neben dem OK-Studio alle zusammen Döner gegessen haben. Aber der Part aus meiner Sendung dazu ist leider, wie so vieles, verschollen…
In der Regel habe ich eine Ausgabe drei Wochen lang vorbereitet und mit Plattenfirmen telefoniert, später auch Faxe geschickt. Bis MTV größer wurde, wurde meine Sendung von den Labels absolut ernst genommen. Also schickte man mir nicht nur Bands, die Playback (meist zwei Songs) gezockt haben, sondern auch einfach nur zu einem Interview. Zeitgleich begann ich aber auch mit einer VHS-Kamera zu Liveshows zu fahren, um dort vor Ort Interviews zu machen und Showausschnitte zu filmen. Diese wurden dann als Features/Beiträge eingespielt. Ab 1987 war der Begriff TV-Sendung dann auch wirklich passend und der Content war durchaus hochkarätig. Dennoch habe ich auch immer einen Blick auf die Region gehabt (POISON ASP, OVERDOSE KIDS etc.).
SaitenKult: Fliegende Plattencover bei LP-Kritiken: Showelement, Platzmangel oder einfach jugendlicher Übermut?
Neudi: Ich habe irgendwann angefangen, Plattenkritiken in der Sendung zu machen. Das hatte bald zur Folge, dass ich jeden Tag nach der Schule ein Paket, manchmal mehrere, vor der elterlichen Haustür hatte. “Black Dragon”, “Noise”, “GAMA”, “Earthshaker” und deren Nachfolgefirmen – so ging das los. Irgendwann waren auch “Roadrunner” und “Steamhammer” im Boot und ich hatte als Pimpf ohne Geld dennoch fast alle Non-Major-Veröffentlichungen frei Haus. Teils kamen sogar Scheiben aus dem Ausland, weil ich auch Briefe an Labels aus aller Welt geschrieben habe. Traumhafte Zeiten, aber ich habe immer für meine physischen Promokopien gearbeitet – mache ich bis heute. Irgendwann habe ich Platten, die ich ganz schlecht fand, einfach durch das Studio geworfen – allerdings nur die Hüllen, denn die LPs selbst blieben zuhause. Schnell wurde das zu meinem Markenzeichen, so dass irgendwann fast jede Scheibe, anstatt sie wegzulegen, einfach quer durch den Raum gefeuert wurde. Heute würde ich das eher als respektlos ansehen, aber als Teenager denkt man natürlich nicht so weit.
SaitenKult: Gab es Bands, bei denen du dachtest: „Die werden riesig“ – und es kam genau so? Und andere, bei denen du bis heute nicht verstehst, warum es nicht geklappt hat?
Neudi: Ja, da gab es beides. Aber ich habe recht schnell gelernt, dass es sehr oft auch die mangelnde Bereitschaft bei europäischen Bands war, alles auf eine Karte zu setzen. Während die Amis Jobs und Wohnungen kündigen und sich 100 % auf die Musik fokussierten, jonglierten gerade die deutschen Bands immer zwischen Erfolg mit der Musik, Beruf und vielleicht auch noch Familie. Das ging damals einfach nicht. Viele Gruppen haben gehofft, dass sie einen sauberen Übergang zwischen Beruf und dem damit verbundenen Monatslohn und dem Erfolg der Band erzielen können. Das hat aber in den seltensten Fällen geklappt. Das Sicherheitsdenken hat viele Karrieren verhindert. Heute ist das alles etwas anders, aber damals war es einfach so. Und dann gab es viele tolle Bands auf B-Labels, die einfach von vornherein schlechtgemacht wurden. Das ärgert mich bis heute massiv, was sich auch in meiner Labelarbeit mit “Golden Core” ausdrückt, wo ich viele deutsche Bands wiederveröffentlicht habe, von denen es damals einfach pauschal hieß „braucht kein Mensch“. Stattdessen wurde zeitweise alles abgefeiert, was aus den USA kam. Dass so manche “GAMA”-Produktion einen besseren Sound hatte als viele Schnellschüsse auf “Metal Blade” oder “Combat”, hat irgendwie keiner sehen (und hören) wollen. Und so war mir damals schon klar, dass der Erfolg einer Band eben nicht einfach nur mit der Qualität der Musik zusammenhängt. Witzigerweise fällt mir eine lokale Band (aus dem Heidelberger Raum) ein, bei der ich mir sicher war, dass sie groß werden: DEAD ANYWAY. Aber die haben es trotz Deal mit “Metronome” selbst verkackt. “Noise” hatten mir mal eine Band namens V2 geschickt. Hat mir zwar nicht gefallen, aber da dachte ich auch, dass da eventuell etwas Großes schlummert, auch wenn sie mir persönlich nicht gefallen hat. Keine Ahnung, was bei denen schiefgelaufen ist. Bei Acts wie SIEGES EVEN habe ich gehofft, dass die Metalheads da draußen aufmerksam zuhören und dann merken, wie genial das ist… Aber das blieb ebenso bei WATCHTOWER großflächig Wunschdenken. Auf der anderen Seite habe ich nie verstanden, warum deutsche Bands auf L.A.-MTV-Hairspray gemacht haben, obwohl es in den USA schon eine Überdosis solcher Acts gab. Gerade im Raum Stuttgart war das heftig und teilweise ist das sogar heute noch so. Dass die deutschen Thrashbands weltweit so eine Anerkennung erhalten, hätte ich damals eher nicht erwartet. Am Ende waren die Thrasher kommerziell erfolgreicher als die kommerziell klingenden deutschen Bands – eigentlich irgendwie witzig, oder?

SaitenKult: Anfang der 90er war Schluss: MTV, RTL2, GEMA. Hat sich das wie ein Abwürgen angefühlt – oder war da innerlich schon klar: Die Zeit ist vorbei?
Neudi: Natürlich hatte ich damals schon das Bewusstsein, dass ich irgendwie doch der Erste war, der sowas überhaupt gemacht hat. Es gab aber irgendwann auch in den Offenen Kanälen deutschlandweit Nachahmer, wie das in der Metalszene schon immer etwas problematisch war. Eine aktive Szene ist super, aber wenn jeder zweite Fan z.B. ein Fanzine macht, dann ist das irgendwann für alle nicht mehr von Vorteil – und schon gar nicht für die bereits etablierten Fanzines. Das nur mal als Beispiel.
Selbst im Offenen Kanal Ludwigshafen, wo ich tätig war, gab es irgendwann diese „Kurpfalzthrasher“ und die Sendung „Underground TV“. Das hat mich alles ehrlich massiv genervt, auch wenn die Shows unterirdisch waren. Die GEMA wollte pro Videoclip erst einen Betrag, den ich handeln konnte (ich war ja in der Lehre oder auch Zivi zu dieser Zeit), aber dann wurde es einfach zu viel. Ich habe die Plattenfirmen gefragt, ob sie mich unterstützen würden, und zwei haben das sogar gemacht, aber das hat natürlich nicht gereicht. Also habe ich mehr selbst gefilmt, denn das lief irgendwie ohne GEMA. Dadurch wurde die Qualität der Sendung einfach schlechter. Ich habe dann angefangen, Plattenkritiken und sogar VHS-Filmkritiken für ein Stadtmagazin zu schreiben und konnte da meine Kontakte weiterführen. Zusätzlich kam dann Ende der Neunziger auch noch Lokalradio (Rüsselsheim) dazu. Wenn man erst mal jahrelang gewohnt ist, etwas in dieser Richtung zu machen, und der Briefkasten jeden Tag überquillt, will man das auch nicht einfach so kampflos aufgeben. So ehrlich muss man einfach sein! Das Stadtmagazin war eigentlich eine Katastrophe und die Radioshow wurde vielleicht von 20 bis 50 Leuten gehört. Aber immerhin ging es nahtlos immer weiter, so dass ich auch nur selten aus Verteilern gerutscht bin.
SaitenKult: Streetclip.tv, STRIKE!, später SaitenKult: Wie hast du die ersten Jahre von Streetclip erlebt? Schreiben wolltest du nie, obwohl du heute auch für Print-Magazine Kritiken verfasst. Dein Platz war immer hinter dem Mikrofon – nur mit weniger grauen Haaren?
Neudi: Beim “Break Out”-Magazin war ich bereits Anfang der 2000er, aber ich habe damals noch vorrangig eine Kolumne geschrieben. Erst später kamen Plattenkritiken, Interviews und schließlich auch meine eigene Seite dazu. Nach dem Scheitern einer Band, die kurz vor dem Durchbruch stand, fiel ich in ein Loch und hatte eigentlich gar keine richtige Lust mehr. Danny Busch, der mich von HEAVY METAL BATTLE noch kannte, schlug mich als Moderator für die Metalsendung bei Streetclip.tv vor. Und das Ganze wirkte auch massiv beeindruckend, als ich mich dann in Speyer vorstellte. Ein ganzes Stockwerk in einem Industriegebäude, mehrere Kulissen für Sendungen, diverse Büros… der Wahnsinn. Man glaubte an die durchaus sinnvolle Idee, dass IP-TV die Zukunft sei. Spoiler: YouTube und Co, wo man 24/7 entscheiden kann, was man wann sehen und hören möchte, torpedierten die Sache am Ende.
Doch zunächst war YouTube noch nicht bekannt und wir hatten tatsächlich einen funktionierenden und stabilen Livestream, der auch bei schwächeren Internetverbindungen noch lief. Und es ging für mich wieder von vorne los! Ich hatte höllischen Spaß am Moderieren! Die Plattenfirmen haben uns auch ernst genommen, der Briefkasten war voll mit Videoclips auf DVDs und CDs zum Besprechen. Meine Freundin, heute Frau, wurde an der Kamera und beim Schnitt angelernt und wir führten ständig Interviews und wurden zu allen möglichen Festivals eingeladen. Unsere Homebase wurde das “Bang Your Head” und dann auch das “Keep It True” und das “Headbangers Open Air”.
Bei STRIKE!, so hieß meine Sendung, konnte ich musikalisch nicht nur das behandeln, was mir persönlich gefällt, aber ich denke, ich habe diesen Spagat damals ganz gut hingekriegt. Heute würde ich mich allerdings nicht mehr so verbiegen wie damals. Aber egal wie, die Zeit bei Streetclip.tv und meine damals neue Band ROXXCALIBUR haben zeitgleich Türen geöffnet, die mein Leben heute noch komplett beeinflussen. Erst Ende der 2000er ging es für mich in der Szene „so richtig“ los und eins kam zum anderen. Man kann solche Dinge auch nicht planen oder forcieren, sie passieren einfach – eins kommt zum anderen, Vitamin B verteilt sich auf natürliche Weise. Insofern werde ich dem Streetclip-Macher Bernd Wohlleben ewig dankbar sein. Leider hat es am Ende doch nicht für den Sender geklappt.
Die Plattenfirmen waren ganz scharf darauf, ihren Content bei uns zu platzieren (Videoclips etc.), aber wenn man sie auf die Schaltungen von Werbespots angesprochen hat, die preislich absolut im Rahmen waren, wurde es „sehr zurückhaltend“. Das gilt auch für unsere HQ-Livemitschnitte, die wir bei diversen Festivals gemacht haben. Die Bereitschaft, für das Material Geld zu bezahlen, war sowohl bei den Plattenfirmen als auch bei den Bands gegen null. Immerhin konnten wir neben ein paar Festival-DVDs auch DVDs von BLUES PILLS, AVATARIUM, TANKARD oder STALLION machen, insgesamt war auch hier der Wurm drin, was die Einnahmen anging. So viele Bands wollten das Material einfach geschenkt haben, am besten fertig geschnitten und von mir gemischt (Ton). Wo wir wieder bei der fehlenden Wertschätzung wären. Irgendwann hat Bernd den Laden dichtgemacht, bevor noch mehr Geld versenkt wurde. Wir sind uns aber alle einig, dass es eine geile Zeit war und wir teilweise sehr gute Arbeit geleistet haben.

SaitenKult: Der Stream wurde abgeschaltet, doch das Online-Magazin setzte sich durch und floriert bis heute unter dem Namen SAITENKULT. Wenn du HEAVY METAL BATTLE heute in einem Satz beschreiben müsstest – was würdest du sagen?
Neudi: Heavy Metal Chaos – das passt sehr gut! Nach jahrelang nur ARD, ZDF und die Dritten war das, sieht man mal von den live übertragenen Rockpalast-Nächten ab, fast schon ein neues TV-Format. Nicht nur wegen der Musik, sondern wegen der latenten TV-Anarchie, wie sie erst Jahre später etwa von Stefan Raab bei VIVA auch in großem Umfang aufgegriffen wurde.
Ich mag keine durchgeplanten Sachen, weder damals beim Live-TV noch heute als Musiker. Alle meine Kollegen in den Bands, in denen ich spiele oder gespielt habe, wissen, dass ich live niemals zweimal das gleiche spiele. Ich glaube an die Magie des Moments, und so war es auch beim TV.
Mir ist klar, dass die Sendung nicht die Welt verändert hat, wohl aber die Metalszene in meiner Heimat, der Vorderpfalz. Das Sahnehäubchen ist dann die heutige Bedeutung, seit der traditionelle Metal auf dem Vormarsch ist und Bands wie SAINTS’ ANGER oder ATLAIN bei einer neuen, jüngeren Generation Metalheads Helden sind. BACKWATER… sie wurden damals zerrissen. Heute lese ich alle zwei Wochen irgendwo, dass man die beiden Alben doch dringend mal wiederveröffentlichen müsste. Es ist schön zu wissen, dass ich damals ein kleines Puzzleteil zur Szene und deren Entwicklung beisteuern konnte.
SaitenKult: Und ganz wichtig noch zum Schluss: Warum ist 2026 der verdammt richtige Zeitpunkt, diese Geschichte endlich ordentlich zu erzählen?
Neudi: 1986 ging es „als Sendung“ los, wie ich oben beschrieben habe. Also nicht nur Musik, sondern auch mit Moderation. Der Film über KREATOR kam oder kommt in die Kinos und da sieht man auch Ausschnitte (inkl. Moderation), die auf die Sendung aufmerksam machen. Als DVD kam das Teil ja bereits über “High Roller Records”. 1986 war ein spannendes und wichtiges Jahr für den Heavy Metal. Auf persönlicher Ebene muss ich meine erste LP von MANILLA ROAD nennen: ´The Deluge´. Als Musiker hat mich das Ding tatsächlich massiv beeinflusst. Wozu das Jahre später geführt hat, weiß man ja. Und es war diese Zeit, in der sich nach dem Speed Metal der Thrash in der Szene entwickelte und eine feste Größe wurde. Nach ACCEPT und Co. haben sich deutsche Bands in diesem Segment wieder international durchsetzen können, wenn auch nicht im Sinne der Massentauglichkeit wie bei den SCORPIONS. Es war im Grunde ein toller Zeitpunkt für einen Fünfzehnjährigen, eine Heavy Metal TV-Sendung zu machen. 🙂
Weiter geht es morgen mit
👉🏼 “Das Chaos von 1986” – Kapitel 1



