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CRAVINKEL – Cravinkel / Garden Of Loneliness

1970-1971/2025 (MiG Music) - Stil: Folk/Kraut Rock

Wenn heute die beiden Alben von CRAVINKEL erstmals gemeinsam auf CD erscheinen, wirkt es fast wie eine längst fällige Würdigung einer Band, die zu ihrer Zeit weit weniger Aufmerksamkeit erhielt, als ihre Musik eigentlich verdiente.

Die Geschichte beginnt Mitte der Sechzigerjahre, als sich in Nordenham aus einer Beatgruppe allmählich eine Formation entwickelte, die später jenen unverwechselbaren, zwischen Folk, Blues, Psychedelia und frühem Progressive Rock schillernden Klang prägen sollte. Im Zentrum standen dabei Gitarrist Gerd Krawinkel und Bassist und Sänger Rolf Kaiser, flankiert von Klaus George Meier und George Haupt – vier Musiker, die sich 1970 mit einem ungewöhnlich hoch dotierten Vertrag bei “Philips” plötzlich inmitten jener Szene wiederfanden, die gerade begann, die deutsche Rockmusik neu zu definieren.

Ihr Debüt ´Cravinkel´ entstand in London, in Studios, in denen sonst THE WHO arbeiteten, und atmet genau jenen offenen, unverbrauchten Geist, der frühe Underground-Szenerien so unverwechselbar macht. Die Band verbindet intime Folk-Stimmungen mit leicht verschatteten Bluesfarben und einer psychedelischen, eher angedeuteten Weite. Die Stücke wirken wie spontane Momentaufnahmen einer Gemeinschaft, die mehr aufeinander hört als auf das, was der Markt verlangt. Dass Timing und Tempi gelegentlich vorzüglich passen, wird zu ihrem Vorteil. Die Musik fühlt sich unmittelbar an, so menschlich und nah. Man hört vier Musiker, die noch suchen, aber gerade deshalb so berühren.

Nur zwei Jahre später erscheint ´Garden Of Loneliness´, ein Werk, das dieselben Wurzeln trägt, aber auf ganz andere Weise blüht. Die Band zieht sich in ein Landhaus in Volkmarst zurück, eine Art selbst gewählter Abgeschiedenheit, in der aus kompakten Songs umfangreiche Klanglandschaften werden. Die drei Longtracks lassen viel Raum für Improvisation, für den Dialog der beiden Gitarren, für eruptive Rhythmusarbeit und für jene organische Spannung, die nur entsteht, wenn Musiker ohne Zeitdruck in denselben Gedankenraum eintauchen. Die Musik wirkt ungestümer, aber zugleich reifer, experimentell, bisweilen roh – ein Album, das den Geist des europäischen Progressive Rock aufnimmt und zugleich eine eigene Handschrift behauptet.

Dass CRAVINKEL trotz Tourneen mit FRUMPY und SPOOKY TOOTH keinen größeren Durchbruch erlebten, lag weniger an der Qualität ihrer Musik als an der zurückhaltenden Unterstützung durch die damalige Plattenfirma und dem unglücklichen Zeitpunkt ihres Wirkens. Als 1972 das Haus der Band niederbrannte und damit auch ihr gesamter Besitz, war es für die vier Musiker das abrupte Ende einer gewachsenen Gemeinschaft. Die Wege führten später in verschiedenste Richtungen, allen voran Gerd Krawinkel, der mit TRIO eine der prägenden deutschen Popformationen der frühen achtziger Jahre gründete – ein ironischer Kontrast zu den ländlich-psychedelischen Kompositionsräumen seiner CRAVINKEL-Zeit.

Die nun vorliegende Doppel-CD erlaubt einen Blick auf diese kurze, aber künstlerisch dichte Phase. Man erlebt die Entwicklung einer Band, die sich über die Grenzen gängiger Formate hinweg bewegte und in ihrem zweiten Album bereits eine ganz eigene Form von progressiver Folkrock-Ästhetik fand. Dabei überzeugt vor allem die atmosphärische Geschlossenheit der Musik, die heute mehr Charakter besitzt als vieles, was damals ungleich erfolgreicher war.

Beide Alben wirken wie Zeugnisse einer kostbaren Periode der deutschen Rockgeschichte, geprägt von Neugier, Mut und einer gewissen Unschuld. Dass CRAVINKEL im Kanon des Krautrock eher am Rand stehen, macht diese Wiederveröffentlichung nur umso reizvoller. Denn sie zeigt eine Band, die jenseits aller Etiketten ihren eigenen Klang formte und ihn mit einer Ernsthaftigkeit lebte, die den Aufnahmen auch heute noch einen Wert verleiht.

Ein Werk für Liebhaber historischer Entdeckungen, aber ebenso für jene, die spüren möchten, wie viel Offenheit und Menschlichkeit in Musik liegen kann, wenn sie ohne taktische Überlegungen entsteht. Und genau das macht diese Reissue zu einer empfehlenswerten Erinnerung an ein zu früh verglühtes Kapitel deutscher Rockmusik.

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