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T. REX – Electric Warrior

1971/2020 (Mobile Fidelity) - Stil: Glam Rock, Hard Rock, Boogie Rock

Als Marc Bolan Anfang der Siebzigerjahre auf die Londoner Straßen trat, wirkte er wie jemand, der aus einer anderen Realität gekommen war. Geboren als Mark Feld, aufgewachsen zwischen Alltagshektik, Fantasiefluchten und einem instinktiven Drang nach Schönheit, trug er früh etwas in sich, das das nüchterne Grau der Stadt weder erfassen noch begrenzen konnte. Er war ein Kind, das in Rhythmen träumte, in Mythen dachte und das Unsichtbare oft sichtbarer fand als die Welt, die sich vor seinen Augen abspielte. Noch bevor er Gitarrist wurde, war er ein Erzähler; noch bevor er Sänger wurde, war er ein Visionär.

In den späten Sechzigern, als TYRANNOSAURUS REX noch ein Duo mit Steve Peregrin Took war, klangen seine Lieder wie bewegliche Gedichte: fragile Akustik, mythische Figuren, kleine Explosionen von Poesie, die sich in die Stille schoben. Doch das Leuchten, das er trug, blieb nicht verborgen. Mit der elektrischen Umwandlung von TYRANNOSAURUS REX zu T. REX, als Mickey Finn die Bühne betrat und die akustischen Kompositionen einer kraftvollen, glamourösen Aktualität wichen, fand Marc Bolan seinen wahren Klang. Es war kein bloßer Stilwechsel, sondern ein inneres Erwachen. Die Gitarre wurde zur Stimme seiner Fantasie, der Rhythmus zu einem Puls, der Körper und Seele durchdrang. 1970 kündigte das Album ´T. Rex´ bereits diese neue Dimension an, doch erst 1971, mit ´Electric Warrior´, entfaltete sich Marc Bolans Vision in voller Größe.

´Electric Warrior´ ist der Moment, in dem Marc Bolan aufhört zu suchen und beginnt, alles zu sein: Erzähler, Tänzer, Priester und ein Funke, der die Dunkelheit erhellt. Aus jedem Ton, jeder Silbe und jedem Riff strahlt die ungestüme Energie eines Mannes, der das Licht nicht braucht, um es zu suchen – er erzeugt es selbst.

Schon mit dem ersten Ton von ´Mambo Sun´ öffnet sich ein warmer, goldener Reigen, in dem Marc Bolans Stimme wie ein zarter Sonnenstrahl über pulsierenden Gitarren schwebt. Der Song wirkt wie ein letzter Atemzug nach einer langen Nacht. Marc Bolans Gesang flüstert und lockt zugleich, während sich die pulsierende Gitarre anschmiegt. Die Lyrics, voller metaphorischer Bilder – von „bebop moon“ bis zu „powder keg leg“ – erzählen von Sehnsucht, Verlangen und einer erotischen Energie, die T. REX auf den Punkt bringen. Obwohl ´Mambo Sun´ nie als Single veröffentlicht wird, kündigt der Song die Ankunft einer Band als führende Pop-Ikone Großbritanniens an. Es ist ein Stück, das zwischen Folk-Gedächtnis und Glam-Ekstase oszilliert, sanft, geheimnisvoll und verheißungsvoll zugleich.

In ´Cosmic Dancer´ dehnt sich die Welt ins Unendliche. Marc Bolan beschreibt sich selbst als Tänzer, der „aus dem Mutterleib bis ins Grab“ tanzt, eine Metapher für das ständige Streben nach Ausdruck, das Ausloten der eigenen Identität und die Lust am Überwinden von Grenzen. Die Streicher weben einen sanften Schleier um die Stimme, die eine verletzliche, fast kindliche Zerbrechlichkeit trägt, während die rhythmische Bewegung des Songs gleichzeitig die Energie und Leichtigkeit der frühen T. REX-Singles in sich trägt. Hier singt der Junge aus London, der Gedichte in Schulhefte schrieb, und zugleich der Mann, der den Glamour als Lebensform perfektioniert.

´Jeepster´ lässt diese Zärtlichkeit hinter sich und entfaltet eine selbstbewusste Sinnlichkeit. Mit federndem Groove und Marc Bolans verspieltem Gesang zwischen Charmeur und Mystiker entsteht ein Song, der flirtet, groovt und mit der Energie des jungen Glam Rock kokettiert. Der Rhythmus schlägt wie ein Herz, die Gitarren funkeln wie Lichtstrahlen auf einer glänzenden Oberfläche, und Marc Bolan singt von Liebe und Verführung, als wäre das Leben selbst ein Tanz über den heißen Asphaltplatten Londons. Die Single, die im November 1971 die Nummer zwei der UK-Charts erreicht, zeigt T. REX auf dem Höhepunkt ihres charismatischen, unwiderstehlichen Groove.

´Monolith´ ist wie ein meditatives Gebet, in dem Marc Bolan das Bewusstsein über das Ende des Lebens reflektiert. Die Gitarren schimmern schwerelos, während die Stimme in Nebel und Licht greift, um das Unsichtbare zu berühren. Der Song vermittelt eine Ahnung von Endlichkeit, von der melancholischen Schwere des Erwachsenseins, aber ohne je die Eleganz der Musik zu verlieren.

Mit ´Lean Woman Blues´ zieht der elektrische Blues in den Kosmos von T. REX ein. Marc Bolans Stimme trägt Erde, Schweiß und Körperlichkeit, seine Lyrics erzählen von Sehnsucht, Verlust und der rauen Schönheit urbaner Nächte. Das Stück balanciert zwischen Sinnlichkeit und Eleganz, es ist körpernah, lebendig und zugleich durch die prägnante Melodie unsterblich.

´Get It On´ – oder besser ´Bang A Gong (Get It On)´ – ist ein Meisterwerk der Glam Rock-Geschichte. Das klassische Bolan-Riff, inspiriert von Chuck Berrys „Little Queenie“, entfaltet sich zu einem lasziven Groove, über dem warme Bläser schweben. Die Stimme Marc Bolans triumphiert, die Energie ist magnetisch, der Song ein Naturereignis. Obwohl kein Gong erklingt, erfüllt das Stück den Raum mit Rhythmus und unstillbarer Anziehungskraft, ein Stück, das bis heute den Pulsschlag des Glam Rock definiert.

In ´Planet Queen´ wandert Marc Bolan ins Science-Fiction-Reich der Fantasie, wo die Liebe buchstäblich außerirdisch ist. Die Vocals fließen elegant, die Gitarre glänzt, und man spürt, wie Marc Bolan Sex, Verführung und Glamour zu einer neuen, kosmischen Mythologie verschmilzt.

´Girl´ ist eine zarte, nach innen gekehrte Meditation über Verletzlichkeit, über das Ringen mit Schönheit und Zerbrechlichkeit. Marc Bolans Stimme klingt fast wie ein Gebet, während die Lyrics drei Charaktere vorstellen – Gott, das Mädchen und den Jungen – und die Suche nach Klarheit in einer komplexen Welt beschreiben. Es ist Intimität, die beinahe das Publikum einschließt, als würde man ein geheimes Tagebuch belauschen.

´The Motivator´ entfaltet einen dynamischen, treibenden Groove, der die Lust an Bewegung, Mode und Lebensfreude feiert. Marc Bolans Gesang wirkt spielerisch, fast kokett, und doch liegt darunter ein ernsthafter Impuls, nämlich das Streben, weiterzugehen, sich zu entwickeln, niemals stillzustehen.

´Life’s A Gas´ ist die stille Eleganz am Ende eines rauschenden Albums. Die Musik legt die Elektrizität der vorherigen Tracks ab und klebt nur an Marc Bolans Stimme, die Wärme, Melancholie und reife Einsicht zugleich trägt. Es ist der Blick in den Spiegel nach einer Nacht voller Glanz und Tanz, ein Moment der Reflexion, verletzlich, aber erhaben.

´Rip Off´ schließlich beendet ´Electric Warrior´ wie ein Feuerwerk, das den ganzen Kosmos erschüttert. Marc Bolan singt über Ungerechtigkeit, Übertreibung und das Absurde des Lebens, während die Band in einen Wirbel aus Rhythmus, Energie und ironischem Witz eintaucht. Es ist ein chaotisches, befreiendes Finale, das die Welt des Albums noch einmal in all ihrer Glanzkraft zusammenfasst.

Und auf Vinyl brennt es – und diese Glut wurde 2020 in einer besonderen Wiederveröffentlichung noch greifbarer. „Mobile Fidelity Sound Lab“ hauchten dem 1971er Meisterwerk neues Leben ein, indem sie ´Electric Warrior´ als nummerierte 2LP-Edition in 180g bei 45 RPM auf den Markt brachten, in einem Gatefold-Sleeve, das die majestätische Aura der Songs unterstreicht.

Mastered auf „Mobile Fidelitys“ hochentwickeltem System und gepresst auf nahezu lautlosem Vinyl bei RTI, basierend auf einem originalen 1/4-Zoll-Analogband mit 15 IPS, vermittelt diese Edition ein Klangbild, das jedes vibrierende Gitarrenriff und jede schwebende Melodie körperlich spürbar macht. Tiefe Frequenzen sind präsent, die Stimme von Marc Bolan so rein und konturiert wie nie, der Hintergrund schwärzer als je, wodurch jede Nuance, jeder Schatten und Glanzpunkt eine unvergleichliche Räumlichkeit erhält. „Mobile Fidelity“ haben dem ohnehin exzellenten Material ein analoges Erlebnis hinzugefügt, das das Erbe von ´Electric Warrior´ in majestätischer Klarheit feiert und ihm den Sound schenkt, den es schon immer verdient hatte.

Jede Note trägt die Signatur einer Ära, die sowohl wild als auch zärtlich, selbstbewusst wie verletzlich war. Das Album entfaltet sich wie ein leuchtender Strom aus Klangfarben, der Marc Bolans Vision und die unbändige Energie von T. REX spürbar macht. ´Electric Warrior´ ist nicht nur Musik, sondern ein lebendiges Zeugnis von Leidenschaft, Licht, Schatten und Transformation, ein Werk, das den Glamrock definiert und gleichzeitig die poetische Seele seines Schöpfers in jedem Ton trägt. Marc Bolan erschuf hier etwas, das nur wenigen Künstlern gelingt: sich selbst neu zu erfinden, ohne sich zu verlieren. Es ist Musik, die nicht altert, weil sie niemals auf eine Zeit festgelegt war, und sie stammt aus dem Innersten eines Mannes, dessen Herz aus Licht gebaut ist.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/T.RexBolan

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