
JOE JACKSON – Hope And Fury
2026 (earMUSIC / Edel) - Stil: Bicoastal LatinJazzFunkRock
Mit ´Hope And Fury´ kehrt Joe Jackson zu jener Form zurück, die sein Werk seit Jahrzehnten prägt und zugleich immer wieder neu justiert wird. Zwischen Berlin und New York City entstanden, trägt das Album diese doppelte Perspektive hörbar in sich. Die Aufnahmen beginnen in der “Fuzz Factory” und werden in den “Reservoir Studios” vollendet, produziert von Joe Jackson selbst gemeinsam mit Patrick Dillett. Am Ende steht ein Werk, das sich souverän zwischen Pop, Jazz, Funk und lateinamerikanischen Einflüssen bewegt.
An seiner Seite agiert ein eingespieltes Quartett, das seit Jahren gemeinsam auf Tour ist. Graham Maby liefert einen stets präsenten Bass, Teddy Kumpel setzt die Akzente an der Gitarre, Doug Yowell hält das rhythmische Fundament variabel, während Paulo Stagnaro mit feinen Percussion-Farben zusätzliche Bewegung hineinbringt. Streicher von Susan Aquila und Lourdes Rosales setzen gezielte Kontraste.
Der Auftakt ´Welcome To Burning-By-Sea´ wirkt wie ein scharf gezeichnetes Küstenbild. Ein markanter Groove, durchsetzt mit perkussiven Figuren, trägt den Song nach vorn, während Joe Jackson eine heruntergekommene Seestadt beschreibt, in der Rummelplatz, Alkohol und Geschichte zusammen kommen. Der Refrain hebt das Ganze in eine fast hymnische Höhe, ohne den ironischen Unterton zu verlieren.
´I’m Not Sorry´ knüpft direkt daran an, mit einem federnden Rhythmus und einem deutlich latin gefärbten Klavier, das den Song vorantreibt. Die Aussage ist klar und schnörkellos, sie transportiert diese Haltung des bewussten Widerstands gegen Erwartungen, Trends und moralische Zuschreibungen. ´Made God Laugh´ setzt auf eine lässige, leicht swingende Struktur. Das Klavier steht im Zentrum, die Melodie wirkt eingängig, während der Text mit trockenem Humor den menschlichen Hang zu großen Plänen kommentiert.
Mit ´Do Do Do´ zeigt Jackson seine spielerische Seite. Der Song hüpft leichtfüßig voran, fast wie ein Pop-Stück mit bewusst kindlicher Oberfläche, hinter der sich eine feine Beobachtung von moderner Selbstinszenierung verbirgt. ´Fabulous People´ greift diese Ironie auf und führt sie weiter. Ein klar strukturierter Pop-Rock-Song mit eingängigen Chorpassagen schildert die Geschichte von Billy, der aus der Enge ausbricht und in eine schillernde, aber auch oberflächliche Welt eintaucht.
´After All This Time´ bringt einen klassischen Joe Jackson-Moment. Der Refrain öffnet sich weit, in dem die Stimme deutlich an Höhe gewinnt, während die Latin-Gitarre die Melodie rotieren lässt. Inhaltlich kreist der Song um eine Beziehung, die sich in Wiederholungen verliert, dabei aber immer noch einen Rest Hoffnung bewahrt. ´The Face´ besitzt einen prägnanten Rhythmus, dazu ein gezielt eingesetztes Violinen-Solo, das dem dezent progressiv angehauchten Stück eine zusätzliche Schärfe verleiht. Der Text beschreibt eine Figur, die im Alltag funktioniert und dennoch nach einer eigenen Identität sucht.
Mit ´End Of The Pier´ erreicht das Album seinen erzählerischen Höhepunkt. Der Wechsel zwischen den Jahren 1922 und 2022 wird musikalisch nachvollziehbar umgesetzt, zunächst ruhig und erzählend, später dichter und eindringlicher. Der erste Teil zeichnet das Bild eines frühen 20. Jahrhunderts, mit Arbeit, Krieg und den wenigen Momenten der Freude am Meer. Der zweite Teil springt in die Gegenwart, geprägt von digitaler Isolation und kontrollierter Öffentlichkeit.
Den Abschluss bildet ´See You In September´, eine ruhige Ballade, die stellenweise fast in progressive Gefilde reicht. Der Song bleibt gelassen, beinahe kontemplativ, und schließt das Album mit einem Blick auf Zeit, Erinnerung und kleine, persönliche Momente.
´Hope And Fury´ zeigt einen Künstler, der seine eigene Form längst gefunden hat und sie dennoch immer weiter verfeinert. Die stilistische Spannweite ergibt sich nicht aus Wechseln um ihrer selbst willen, sondern aus einem gewachsenen Verständnis für Songwriting, Arrangement und Wirkung. Ein Album, das mit klarem Blick erzählt, mit feinem Witz trifft und mit jedem Song zeigt, wie souverän große Popmusik im besten Sinne heute klingen kann.
(9 Punkte)
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(VÖ: 10.04.2026)



