
ARETHA FRANKLIN – I Never Loved A Man The Way I Love You
1967/2025 (Analogue Productions/Atlantic 75 Series) - Stil: Southern Soul
Als Aretha Franklin Anfang 1967 die Türen der “FAME Studios” betrat, stand mehr auf dem Spiel als nur ein weiteres Album. Nach Jahren bei “Columbia Records”, geprägt von Standards und arrangierter Zurückhaltung, lag hier die Chance, die eigene Identität freizulegen. Produzent Jerry Wexler erkannte sofort, dass es keinen Umweg mehr geben durfte. Gospel, Blues, das Klavier, diese Stimme – alles musste in den Mittelpunkt.
Was dann geschah, gehört zu den seltenen Momenten, in denen sich Musikgeschichte fast beiläufig formt. Kaum hatte Aretha Franklin sich selbst ans Klavier gesetzt, wich Spooner Oldham respektvoll zurück. Der Song ´I Never Loved A Man (The Way I Love You)´ entstand aus wenigen Akkorden, einem spontanen Wurlitzer-Riff und einer Intensität, die den gesamten Raum elektrisierte. Noch am selben Tag eskalierte die Situation durch eine handfeste Auseinandersetzung zwischen Ted White und Studiobetreiber Rick Hall. Die Session brach abrupt ab, doch der Funke war längst entfacht. In New York wurde das Album unter Leitung von Tom Dowd vollendet – mit Musikern, die genau wussten, was sie da festhielten.

Schon der Einstieg mit ´Respect´ erfolgt mit direkter Wucht. Der Groove sitzt, die Bläser setzen ihre Akzente, und Aretha Franklin formt aus dem ursprünglich von Otis Redding geschriebenen Stück eine selbstbewusste Hymne der Bürgerrechts- und Frauenrechtsbewegungen. Das eingefügte und berühmte Buchstabieren (“R-E-S-P-E-C-T”) prägt sich sofort ein. ´Drown In My Own Tears´ dringt anschließend tiefer vor, getragen vom leidenschaftlichen Klavierspiel, nah an der Kirche als “Predigt”, nah an Ray Charles, doch mit eigener Handschrift und Gospel-Wurzeln.
Der Titelsong ´I Never Loved A Man (The Way I Love You)´ wirkt roh und direkt, getragen von diesem markanten Wurlitzer-Motiv durch den Organist Spooner Oldham, das dem Stück seinen unverwechselbaren Charakter gibt. Das Lied wird ihr erster großer Hit bei “Atlantic Records” und definiert den „Muscle Shoals Sound“. ´Soul Serenade´ wird hernach fast intim, mit einem warmen Saxophon von King Curtis, das sich eng um die Stimme legt. Ohnehin überrascht es auf ganzer Linie, das adaptierte Instrumentalstück mit Text zu versehen.
Mit ´Don’t Let Me Lose This Dream´ schleicht sich ein leichter Bossa-Nova-Touch ein, während ´Baby, Baby, Baby´ vom Zusammenspiel mit ihrer Schwester Carolyn Franklin lebt. Ihr Gesang wirkt dabei bisweilen wie eine einzige Stimme. ´Dr. Feelgood´ ist ein langsamer und intensiver Soul-Blues, der offen vom weiblichen Verlangen spricht, ohne jede Zurückhaltung.
´Good Times´ bringt eine souligere, fast sehnsüchtige Note ein, samt treibenden Rhythmus, während ´Do Right Woman, Do Right Man´ zu den stärksten Momenten zählt. Ein ruhiger, fast feierlicher Song, der Gleichberechtigung und Treue einfordert. ´Save Me´ wirkt wie ein energetischer Gegenpol, der Arethas stimmliche Kraft in den schnellen Passagen heraushebt. Den Abschluss bildet ´A Change Is Gonna Come´ von Sam Cooke, hier weniger orchestriert, dafür klarer, entschlossener, mit einer kleinen Textänderung, die aus einem Klagelied eine kraftvolle Kampfansage macht.

Dieses Album erscheint mitten in der Ära der “Civil Rights Movement” und wird rasch mehr als nur Musik. ´Respect´ entwickelt sich zur Hymne, getragen von einer Stimme, die Forderung und Selbstverständnis zugleich ausdrückt. Aretha Franklin bringt eine Haltung ein, die weit über das Studio hinaus wirkt, geprägt von ihrer Herkunft aus der Kirche ihres Vaters C. L. Franklin und ihrer Nähe zu Martin Luther King Jr..
Auch handwerklich entsteht hier ein neuer Maßstab. Aretha Franklin spielt selbst Klavier, gestaltet Arrangements aus dem Moment heraus. Gitarren von Jimmy Johnson und Chips Moman, Bass von Tommy Cogbill, Drums von Roger Hawkins und Gene Chrisman – auch die Band wirkt geschlossen, mit klarer Funktion.
Heute gilt ´I Never Loved A Man The Way I Love You´ als eines der prägenden Alben der Popgeschichte, gelistet unter den wichtigsten Veröffentlichungen aller Zeiten, mit über 75 Millionen verkauften Tonträgern in Aretha Franklins Karriere und 18 Grammys als Beleg ihrer Bedeutung.
Die aktuelle Wiederveröffentlichung durch “Analogue Productions” im Rahmen der “Atlantic 75 Series” hebt dieses Werk auf ein neues Niveau. Gemastert von Kevin Gray bei “Cohearent Audio” direkt vom Originalband, gepresst bei “Quality Record Pressings”, entfaltet sich die Aufnahme mit beeindruckender Klarheit. Stimme und Klavier stehen greifbar im Vordergrund, die Rhythmusgruppe bleibt präzise, die Bläser setzen sich sauber ab. Das 45-RPM-Doppelvinyl sorgt technisch für mehr Dynamik und geringere Verzerrung.
So entsteht eine Edition, die diesem Album gerecht wird. ´I Never Loved A Man The Way I Love You´ markiert den Wendepunkt, in dem Aretha Franklin endgültig zu der ikonischen Künstlerin wurde, die sie bis heute ist. Eine Scheibe, die keine Einführung braucht, weil sie sich in den ersten Sekunden selbst erklärt.



