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VAN MORRISON – Astral Weeks

1968/2026 (Analogue Productions) - Stil: Rock, Folk, Jazz, Soul

Als ´Astral Weeks´ im November 1968 erschien, war Van Morrison kaum anderthalb Jahre von seinem radiotauglichen Durchbruch ´Brown Eyed Girl´ entfernt. Was folgte, hatte mit chartorientiertem Pop nichts mehr zu tun. Dieses zweite Soloalbum öffnet eine andere Welt: folkig grundiert, tief im Blues verwurzelt, von Jazz durchzogen und mit kammermusikalischen Farben angereichert. Es ist Musik, die sich dem Zeitgeist entzieht und dennoch ganz aus dem Jahr 1968 spricht.

Die Entstehungsgeschichte liest sich wie ein Roman. Nach dem Tod des Musikproduzenten Bert Berns geriet Van Morrison in vertragliche Auseinandersetzungen mit “Bang Records”. Auftrittsverbote, juristische Winkelzüge, existenzielle Geldnot – all das bildete den Hintergrund. Um sich aus den Verpflichtungen zu lösen, nahm er in einer legendären Aktion Dutzende improvisierte Songs auf, reine Pflichterfüllung ohne künstlerischen Anspruch. Erst danach öffnete sich der Weg zu “Warner Bros. Records”.

In Boston trat Van Morrison zeitweise als akustisches Duo auf, begleitet nur von einem Kontrabass. Diese Reduktion prägte seine Vorstellung von ´Astral Weeks´ entscheidend. Produzent Lewis Merenstein erkannte das Potenzial und stellte in New York eine Gruppe erfahrener Jazzmusiker zusammen. Im “Century Sound Studio” entstanden die Aufnahmen an nur drei Abenden im September und Oktober 1968. Van Morrison sang und spielte Gitarre in einer separaten Kabine, während die Band gemeinsam im Studio agierte. Viele Takes waren erste Versuche. Später ergänzte Larry Fallon dezente Streicher und ein Cembalo. Van Morrison äußerte sich später kritisch über diese Zusätze, doch gerade sie verleihen dem Album seinen schimmernden Charakter.

Der Kontrabass von Richard Davis trägt das Geschehen mit warmem, beweglichem Ton. Jay Berliner steuert klassische und Stahlsaitengitarren bei, filigran gezupft oder rhythmisch akzentuiert. Connie Kay am Schlagzeug bleibt zurückhaltend, Warren Smith Jr. setzt mit Vibraphon feine Glanzlichter, John Payne färbt die Soundlandschaft mit Flöte und mit Sopran-Saxofon.

´Astral Weeks´ wirkt wie ein geschlossener Zyklus. Die beiden LP-Seiten tragen die Überschriften „In The Beginning“ und „Afterwards“, was den Eindruck einer inneren Reise verstärkt. Es geht um Erinnerung, um Belfast, um Jugend, um Begehren, um Verlust, um spirituelle Sehnsucht. Van Morrison singt frei phrasiert, dehnt Silben, stößt Worte hervor, flüstert, steigert sich in fast ekstatische Passagen. Seine Stimme führt, die Band folgt aufmerksam, reagiert spontan.

Der Titelsong ´Astral Weeks´ beginnt mit dem treibenden Kontrabass von Richard Davis, darüber zupft Van Morrison seine Akustikgitarre. Die Melodie schwingt zwischen Folk-Ballade und jazziger Improvisation. „If I ventured in the slipstream“ – schon diese erste Zeile öffnet das Portal in eine andere Welt. Die Musik steigert sich in wellenartigen Bewegungen und wird immer intensiver. Ein hypnotischer, denn Van Morrison singt über „Wiedergeburt“ sowie dem Schweben im „Slipstream“, und epischer Auftakt.

In ´Beside You´ wird es dunkler. Die Gitarre klingt fast perkussiv, Van Morrison singt eindringlich, stellenweise rau und gepresst. Das Zusammenspiel zwischen Van Morrisons Stimme und der klassischen Gitarre von Jay Berliner findet in einer schwebenden Atmosphäre statt. Dieses Schlaflied für ein Kind oder einen geliebten Menschen wirkt eher wie ein intensives Bekenntnis, emotional roh und intim, mit kurzen Ausbrüchen, die an frühen Rhythm and Blues erinnern. Flötenfiguren huschen durch das Arrangement und verleihen dem Song eine fiebrige Unruhe.

´Sweet Thing´ ist eine hymnische Liebeserklärung. Das Tempo ist fließend, die Stimmung ausnahmsweise optimistisch und beinahe euphorisch. Streicherarrangements setzen schimmernde Akzente, die Flöte umspielt die Melodie. Van Morrison singt von einer paradiesische Welt mit „Gärten im Regen“, vom gemeinsamen Aufbruch. Die Musik trägt diese Euphorie mit federnder Leichtigkeit. Der Song wurde später zu einem seiner meistgecoverten Stücke.

Benannt nach einer wohlhabenden Straße in Belfast, entwickelt sich in ´Cyprus Avenue´ ein eindringliches Szenario. Drei Akkorde, ein bluesiges Fundament, darüber das Cembalo von Larry Fallon, das dem Ganzen eine fast barocke Färbung gibt. Van Morrison steigert sich mitsamt seinen Kindheitserinnerungen in einen leidenschaftlichen Monolog hinein, ruft, beschwört Bilder von Kutschen und „rainbow ribbons“. Ein intensiver Rock-Song zwischen Wachen und Träumen, ein Bravourstück des Bewusstseinsstroms.

Das hektischste Stück des Albums heißt ´The Way Young Lovers Do´. In einem Jazz-Beat, mit swingendem Schlagzeug und Vibraphon, beinahe loungehaft, treten die Arrangements der Bläser und Streicher prägnant hervor. Van Morrison phrasiert rhythmisch versetzt, beinahe verspielt. Zwischen den ansonsten eher schwebenden Kompositionen, fängt dieser Song die nervöse Energie sowie die Leidenschaft junger Liebe ein und wirkt dabei wie ein kurzer, intensiver Rausch.

Fast zehn Minuten lang, ´Madame George´ wird langsam aufgebaut, getragen vom Kontrabass. Die Erzählung entfaltet sich in Szenen aus Belfast, mit Figuren, Andeutungen und flüchtigen Bildern – ein filmisches Porträt einer rätselhaften Figur aus Belfast. Flöte und Streicher verdichten das Geschehen zunehmend, bis sich Van Morrison in leidenschaftliche Wiederholungen hineinsteigert. Letztlich ein trancehaftes und wehmütiges Abschiedsnehmen.

Bereits 1966 geschrieben, erscheint ´Ballerina´ hier in ausgereifter Form. Ein Zeitlupentanz, inspiriert von einem Traum in einem Hotel in San Francisco. Van Morrison zeichnet das Bild einer Tänzerin, die sich durch das Leben dreht. Gegen Ende ergeht sich der Song in einer kraftvollen Steigerung, mit dramatischem Gesang und einem fast meditativen Mantra „Step lightly“ sowie orchestralen Akzenten.

´Slim Slow Slider´ ist ein düsterer Abschluss. Nur Gitarre, Kontrabass und das eindringliche Sopran-Saxofon von John Payne. Van Morrison erzählt von einer jungen Frau auf dem Weg in den Verfall. Die Musik bleibt reduziert, doch erst der abrupte Schnitt am Ende lässt die Hörer urplötzlich in einer bedrückenden Stille und der Endgültigkeit des Augenblicks zurück.

Bei seiner Veröffentlichung blieb ´Astral Weeks´ zunächst ohne große Resonanz. Weder das Label noch Van Morrison selbst forcierten eine Single. Mit den Jahren wuchs der Ruf des Albums jedoch stetig. Kritiker würdigten die einzigartige Verbindung aus Folk, Jazz und poetischer Sprache. Musiker verschiedenster Genres berufen sich bis heute auf dieses Werk.

Vierzig Jahre später führte Van Morrison das komplette Album im “Hollywood Bowl” erstmals live auf, ein spätes Zeichen der Anerkennung. Gleichwohl bleibt ´Astral Weeks´ ein Werk, das sich jeder endgültigen Deutung entzieht. Es klingt wie ein eingefrorener Moment im Herbst 1968, festgehalten von Musikern, die einander kaum kannten und dennoch etwas Außergewöhnliches schufen.

Dieses Album steht beispiellos im Katalog von Van Morrison. Es besitzt eine zeitlose Eleganz, eine spirituelle Tiefe und eine musikalische Offenheit, die es bis heute zu einem Prüfstein für ambitionierte Songkunst machen. Wer sich auf ´Astral Weeks´ einlässt, hört kein gewöhnliches Rockalbum, sondern eine eindringliche, epische Erzählung in acht Kapiteln.

Audiophiler Hochgenuss

Mit der 45-RPM-Neuauflage von ´Astral Weeks´ legen “Analogue Productions” innerhalb der “Acoustic Sounds 40 Series” eine Edition vor, die den legendären Status dieses Albums auch klanglich unterstreicht. Zum 40-jährigen Bestehen von “Acoustic Sounds” erscheinen vierzig ausgewählte Titel in kompromissloser Ausführung, und Van Morrisons Meisterwerk gehört zu den Herzstücken dieser Reihe.

Die Doppel-LP läuft mit 45 Umdrehungen pro Minute und wurde von Matthew Lutthans im “The Mastering Lab” geschnitten. Grundlage ist ein flacher 24/192-Transfer des originalen Masterbands, der anschließend durch das analoge Röhrensystem des Hauses entzerrt wurde. Diese Kombination aus hochauflösender Digitalquelle und rein analoger Signalführung verleiht der Pressung eine enorme Transparenz und Detailtreue. Gepresst wird auf 180g-Vinyl bei “Quality Record Pressings”, verpackt in einer klassischen Tip-On-Gatefold-Hülle von Stoughton Printing im alten Stil mit Doppelinnentasche.

Die Aufteilung auf vier Vinyl-Seiten folgt der Dramaturgie des Originals: LP 1 mit ´Astral Weeks´ und ´Beside You´ auf Seite A sowie ´Sweet Thing´ und ´Cyprus Avenue´ auf Seite B; LP 2 mit ´The Way Young Lovers Do´ und ´Madame George´ auf Seite A sowie ´Ballerina´ und ´Slim Slow Slider´ als Abschluss.

Klanglich präsentiert sich diese Ausgabe mit ausgeprägter Hochtonauflösung und klar umrissenen Instrumenten. Im direkten Vergleich mit frühen Originalpressungen wirkt diese Fassung präziser und brillanter, während Erstauflagen mitunter etwas mehr Wärme und organische Geschlossenheit vermitteln. Beide Sichtweisen haben ihren Reiz. Unterm Strich ist diese 45-RPM-Edition ein audiophiles Statement, technisch auf höchstem Niveau gefertigt und klanglich eine faszinierende Perspektive auf eines der bedeutendsten Alben der späten Sechzigerjahre.

(Klassiker)

https://www.facebook.com/vanmorrisonofficial

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