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HAWKWIND – Hawkwind

1970/2026 (Atomhenge/Cherry Red) - Stil: Space Rock | Psychedelic Rock | Progressive Rock

Als ´Hawkwind´ 1970 erscheint, wirkt es wie ein Album, das eigentlich gar nicht hätte entstehen dürfen. In Ladbroke Grove, West-London, lebt ein loser Haufen Musiker, Künstler, Aussteiger und Dauerreisender Tür an Tür, oft ohne Geld, oft ohne Plan, aber immer mit dem Drang, Lärm zu machen. Aus diesem Umfeld formt sich HAWKWIND, angeführt von Dave Brock, der seine Songs zuvor auf der Straße spielt und mehr nach Gefühl als nach Technik arbeitet.

Der erste Auftritt ist im Grunde ein Unfall. Die Band – damals noch ohne klares Konzept – steht auf einer Bühne und hat kaum Material. Also spielen sie ein einziges Riff. Minutenlang. Dann noch länger. Am Ende wird daraus ein endloser Jam, der weder Anfang noch Ziel kennt. Ein Talentsucher von “Liberty Records” ist zufällig im Raum und erkennt in diesem Chaos etwas, das anderen Bands fehlt: absolute Freiheit. Kurz darauf steht ein Plattenvertrag, obwohl die Gruppe faktisch noch keine Songs hat.

Im Studio zeigt sich schnell das Problem. Klassische Aufnahmeprozesse funktionieren nicht. Einzelne Takes? Funktioniert nicht. Struktur? Kaum vorhanden. Also drehen sie den Spieß um und spielen alles live ein, laut, gleichzeitig, ohne Netz. Produzent Dick Taylor, selbst aus der raueren Ecke von THE PRETTY THINGS, lässt sie gewähren. Was auf Band landet, ist keine saubere Produktion, sondern ein eingefangener Zustand.

Ein Großteil der Musik basiert auf einem einzigen, ausufernden Stück, intern „Sunshine Special“ genannt. Die Band zerlegt diesen Jam später in einzelne Tracks. Deshalb wirkt das Album wie ein einziger, zusammenhängender Trip mit wechselnden Phasen – von klaren Momenten bis hin zu völliger Desorientierung.

Die Besetzung passt perfekt zu diesem Zustand. Nik Turner ist ursprünglich kein fester Musiker, sondern Fahrer und Roadie. Irgendwann packt er ein Saxophon aus und spielt völlig frei darüber – schief, laut, unberechenbar. Genau das bleibt. Dik Mik, eigentlich Michael Davies, steht daneben mit einem Audio-Generator, einem Gerät, das für Testtöne gebaut wurde. Er dreht daran, bis es pfeift, brummt, kreischt. Das wird nicht als Fehler gesehen, sondern als Erweiterung des Sounds.

Die Umstände rund um die Band sind entsprechend. Geld ist knapp, Equipment wird organisiert, geliehen oder einfach behalten. Proben verschwimmen mit Sessions, Sessions mit Partys. Amphetamine halten die Energie oben, LSD verschiebt die Wahrnehmung. Genau diese Mischung hört man dem Album an – es schwankt ständig zwischen Kontrolle und Kontrollverlust.

Der Einstieg mit ´Hurry On Sundown´ wirkt bewusst bodenständig, fast unspektakulär, und macht gerade dadurch den späteren Kontrast spürbar. Die akustische Gitarre legt das warme Fundament, während die Mundharmonika den leicht rauen, improvisierten Charakter von Dave Brocks Straßenauftritten transportiert. Das Stück handelt schlicht von dem Bedürfnis, der grauen Realität zu entfliehen, bevor die Sonne untergeht, bevor sich die Band in die weiten, experimentellen Klanglandschaften aufmacht. Die Zeile „Looking for a place to go“ trägt diese Suche nach einem mentalen Rückzugsort klar voran, ein früher Hinweis auf die psychedelische und introspektive Dimension, die HAWKWIND später in voller Breite entfalten sollte, und ein klassisches Motiv für den frühen Drogenkonsum der Londoner Ladbroke-Grove-Szene, bei dem es um Bewusstseinserweiterung ging.

´The Reason Is?´ folgt als kurzes, instrumentales Übergangsstück und beginnt das Spiel mit der Klangverzerrung. Jetzt laufen die Experimente und psychedelischen Studioeffekte langsam an. ´Be Yourself´ katapultiert die Band dann endgültig in ihre eigene Welt. Über acht Minuten lang breitet sich eine hypnotische Stimmung aus Gitarren, Saxophon und Elektronik aus. Der Song beginnt verhalten und entwickelt sich in Etappen zu einer wilden Eskalation, die den Grundstein für HAWKWINDs späteren „Trance-Rock“ legt. Die wiederholte Aufforderung „Be yourself“ war damals oft ein Code für die Befreiung von gesellschaftlichen Zwängen durch Rauschmittel.

´Paranoia – Part 1´ verliert sich abrupt in der Dunkelheit. Ein kurzes, unheimliches Instrumental, das auf einem repetitiven Riff basiert und klingt, als würde der Strom gleich ausfallen, vermittelt die Schattenseiten des LSD-Booms. Das sind die düstersten Momente der Platte, denn dieser erste Teil fungiert zugleich als atmosphärischer Teaser für die Fortsetzung auf Seite zwei. Mit dem Übergang zu ´Paranoia – Part 2´ taucht die Musik in eine kalte, monotone Schleife. Minimalistisch und düster, pulsiert der Track mit unnachgiebiger, nervöser Energie, die an frühen deutschen Krautrock erinnert. Wiederholungen und bedrohliche Motive spiegeln Isolation, Angst und die Grenzerfahrungen psychedelischer Trips.

´Seeing It As You Really Are´ bildet im Anschluss das Herzstück des Albums. Fast elf Minuten lang entfaltet sich eine rohe, improvisierte Jam, in der Gitarrenfiguren, Feedback und elektronische Störungen unaufhörlich aufeinandertreffen. Konventionelles Songwriting tritt zurück, stattdessen entsteht eine Klanglandschaft, in der die Band komplett in ihre eigene Welt abtaucht. Hier, noch ungeordnet und ungeschliffen, beginnt das, was später als Space Rock gilt – ein Trip, der das Universum nicht als Raketenraum, sondern als Ort astraler Projektionen begreift.

´Mirror Of Illusion´ schließt das Album ab, indem es wieder eine erkennbare Songstruktur zeigt. Die Musik lotet Identität, Wahrnehmung und Täuschung aus, reflektiert die Ideen der Gegenkultur und deren Streben nach Bewusstseinserweiterung. Wie oft bei HAWKWIND dient das Weltall als Spiegel für das Innere des Geistes, und in diesem Stück verschmilzt Sci-Fi mit psychedelischer Reflexion, die Realität wird zur Illusion, die Grenzen zwischen Innenwelt und Außenwelt verwischen.

Auch personell bleibt bei HAWKWIND nichts stabil. Huw Lloyd-Langton liefert wichtige Gitarrenarbeit, verschwindet aber kurz nach dem Album aus der Band, nachdem ihn ein heftiger Trip aus der Bahn wirft. John Harrison hält den Bass stoisch zusammen, während Terry Ollis am Schlagzeug mehr reagiert als kontrolliert. Alles wirkt wie ein Provisorium – und genau daraus entsteht der Sound.

Im Rückblick wird ´Hawkwind´ oft als Startpunkt des Space Rock bezeichnet. Gleichwohl hängt das Album noch tief im Psychedelic Rock und Blues, näher an PINK FLOYD in der Ära von Syd Barrett als an den späteren, klar strukturierten HAWKWIND-Alben. Doch hier liegen die Grundlagen: Wiederholung, Lautstärke, Elektronik und die Idee, Musik als Zustand zu begreifen.

Die 2026er Neuauflage greift genau diesen Moment wieder auf. Gemastert in den “AIR Studios” von den Originalbändern, dazu das ursprüngliche Gatefold-Artwork und eine limitierte Auflage von 500 Exemplaren. Der Klang bleibt rau, direkt und offen. Keine Glättung, keine Modernisierung – eher das Gegenteil. Die Gitarren stehen scharf im Mix, das Schlagzeug wirkt ungeschönt, die elektronischen Störungen behalten ihre Unberechenbarkeit.

Am Ende bleibt ein Album, das weniger wie ein fertiges Werk wirkt als wie ein Startpunkt. Unfertig, überdreht, stellenweise chaotisch – und genau deshalb so einflussreich. Wer hier ein sauberes, durchkomponiertes Debüt erwartet, wird weiterziehen. Wer sich darauf einlässt, hört eine Band im Moment der Entstehung, kurz bevor sie endgültig ins All abhebt.

https://www.facebook.com/HawkwindHQ

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