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SEX PISTOLS – Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols

1977/2025 (Rhino Records/Warner Records) - Stil: Punk

Als im Herbst 1977 das einzige Album der SEX PISTOLS erschien, war die britische Poplandschaft bereits in heller Aufruhr. Die Band hatte Skandale im Fernsehen ausgelöst, mehrere Plattenverträge verloren und sich innerhalb weniger Monate zum meistdiskutierten Phänomen der Rockmusik entwickelt. Der eigentliche Paukenschlag folgte jedoch mit ´Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols´. Dieses Manifest wirkte wie ein elektrischer Schlag für eine Szene, die von überproduziertem Stadionrock und höflichem Glam längst übersättigt war.

Im Mittelpunkt standen vier Persönlichkeiten. Sänger John Lydon, der unter dem Namen Johnny Rotten zur Stimme einer Generation wurde. Gitarrist Steve Jones, dessen massiver Gitarrensound das Rückgrat der Musik bildete. Schlagzeuger Paul Cook, der mit kraftvollem, präzisem Spiel für den Vorwärtsdrang sorgte. Dazu kam zunächst Bassist Glen Matlock, der viele der Songs mitgeschrieben hatte. Während der Aufnahmen verließ er die Gruppe, und Sid Vicious rückte als neues Mitglied nach. Sein Ruf als Punk-Ikone war größer als seine musikalischen Fähigkeiten, weshalb Steve Jones einen Großteil der Bassspuren selbst einspielte. Gerade diese Entscheidung gab dem Album seine monumentale Klangstruktur, weil Steve Jones die Basslinien oft eine Oktave unter seinen Gitarrenriffs doppelte.

Die Sessions fanden überwiegend in den “Wessex Studios” in London statt, betreut von Produzent Chris Thomas und Toningenieur Bill Price. Die Arbeitsweise war konzentriert und erstaunlich diszipliniert. Steve Jones und Paul Cook investierten Stunden in Gitarren- und Schlagzeugaufnahmen, während John Lydon seine charakteristische Mischung aus Spott, Wut und sarkastischem Humor entwickelte. Die Sessions waren keineswegs chaotisch, auch wenn der Mythos der Band anderes suggeriert. Die Band arbeitete mit großem Ehrgeiz an einem Sound, der roh wirkte und zugleich erstaunlich präzise war.

Die Geschichte rund um die Aufnahmen liefert dennoch reichlich legendäre Episoden. Während der Studiozeit arbeiteten in einem benachbarten Raum Mitglieder von QUEEN. Sid Vicious betrat eines Tages deren Studio und fragte Freddie Mercury provokant, ob er seine Vorliebe für Ballett mittlerweile unter das Volk gebracht habe. Freddie Mercury reagierte kühl, packte Sid Vicious am Kragen und setzte ihn kurzerhand vor die Tür. Solche Begegnungen spiegeln den kulturellen Bruch jener Zeit wider, in der Glamour und Punk aufeinanderprallten.

Auch die Entstehung der Songs reicht weiter zurück als vielfach angenommen. Bereits 1975 spielte die Band erste Versionen von ´Pretty Vacant´ oder ´Seventeen´ bei frühen Konzerten in Londoner Kunsthochschulen. Schritt für Schritt entstand ein Repertoire, das sich immer stärker von Coverversionen löste und eine eigene Stimme entwickelte. Bis Mitte 1976 standen die meisten Stücke fest, darunter ´Problems´, ´No Feelings´ und das spätere Punk-Mantra ´Anarchy In The U.K.´.

Die finale Veröffentlichung erfolgte am 28. Oktober 1977 über “Virgin Records”. Der Titel selbst sorgte sofort für juristische Turbulenzen. Das Wort „Bollocks“ galt vielen als vulgär, und mehrere Plattenläden weigerten sich, das Album ins Sortiment zu nehmen. In einem viel beachteten Gerichtsverfahren verteidigte ein Linguist den Begriff als historisches Wort aus dem Altenglischen, wodurch das Album letztlich frei verkauft werden durfte. Ironischerweise katapultierte gerade diese Kontroverse die Platte direkt an die Spitze der britischen Charts.

Der schnelle Punk-Rock-Song ´Holidays In The Sun´ leitet das Album mit donnerndem Schlagzeug und schneidenden Gitarrenriffs ein. John Lydon singt mit zynischem Unterton über Isolation und politische Spannungen, während Steve Jones bereits ein wuchtiges Gitarrenfundament legt. ´Bodies´ folgt als aggressiver Derwisch. Der Song erzählt eine verstörende Geschichte über Verzweiflung und Gewalt. Das Stück rast vorwärts, Paul Cook treibt die Band an, und John Lydon stößt seine Zeilen mit einer Mischung aus Spott und Zorn heraus.

´No Feelings´ kombiniert einen schnellen Rock-Groove mit einer bissigen Haltung gegenüber Gleichgültigkeit und emotionaler Kälte. Steve Jones liefert hier eines der markantesten Riffs des Albums, während sich der Refrain wie eine spöttische Hymne entfaltet. Doch mit ´Liar´ schlägt die Band einen härteren Ton an. Das Stück wirkt wie ein wütender Schlag gegen Heuchelei und Betrug. Die Gitarren klingen aggressiv, während John Lydon seine Worte fast ausspuckt.

´Problems´ gehört zu den frühen Songs der Band und wirkt wie ein direkter Punk-Rock-Angriff. Der Song bewegt sich schnell und kompromisslos, getragen von einem einfachen, aber wirkungsvollen Gitarrenriff. Der vielleicht berühmteste Moment des Albums folgt mit ´God Save The Queen´. Die Single erschien im Jahr des Silberjubiläums von Königin Elizabeth II. und löste sofort Empörung aus. Musikalisch ist der Song ein treibender Punk-Hit mit einem der ikonischsten Refrains der Rockgeschichte. John Lydon liefert dazu eine sarkastische Abrechnung mit dem britischen Establishment.

Die zweite Seite eröffnet mit dem schnellen ´Seventeen´, einem Song über jugendliche Orientierungslosigkeit. Die Musik bleibt direkt und energisch, während Steve Jones mit kompakten Gitarrenfiguren den Rhythmus stützt. Dann folgt ´Anarchy In The U.K.´, die Urhymne des Punk. Das Stück beginnt mit einem markanten, wiedererkennbaren Gitarrenriff. John Lydon verkörpert dabei den rebellischen Geist der Szene und singt mit provokanter Ironie über Chaos und Revolte.

´Submission´ bringt eine leicht ironische Note ins Album. Der Song verbindet ein lockeres Riff mit einer humorvollen Geschichte über eine Unterwasserreise. Trotz des verspielten Themas bleibt der Sound kraftvoll. Das nachfolgende ´Pretty Vacant´ entwickelte sich schon früh zum Konzertfavoriten. Das Stück wirkt wie eine ironische Hymne über Leere und Desinteresse. Der Refrain bleibt sofort im Ohr, während Steve Jones ein klassisches Punk-Riff liefert.

Mit ´New York´ richtet die Band ihren Blick über den Atlantik und verspottet die amerikanische Szene. Der Song ist laut, mit einem rauen Gitarrensound und bissigen Zeilen. Den Abschluss bildet ´E.M.I.´, ein sarkastischer Punk-Rock-Song über das Plattenlabel, das die Band zuvor unter Vertrag genommen und kurz darauf wieder fallen gelassen hatte. John Lydon nutzt die Gelegenheit für eine letzte spöttische Abrechnung.

Fast fünf Jahrzehnte später erhält dieses legendäre Album eine audiophile Würdigung. Die 2025 erschienene “Rhino High Fidelity”-Edition präsentiert ´Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols´ als streng analogen Schnitt. Mastering-Ingenieur Kevin Gray arbeitete direkt mit den originalen analogen Masterbändern. Das Ergebnis wirkt erstaunlich offen und detailreich.

Die Pressung auf 180g-Vinyl entstand bei “Optimal Media” in Deutschland und überzeugt mit sehr geringem Oberflächenrauschen. Verpackt ist das Album in einem hochwertigen Gatefold-Cover im klassischen Tip-On-Stil. Ein vierseitiges Booklet mit Fotos und neuen Linernotes von Produzent Chris Thomas ergänzt die Ausgabe. Weltweit existieren lediglich fünftausend nummerierte Exemplare.

Diese Edition zeigt eindrucksvoll, dass ´Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols´ weit mehr ist als ein historisches Punk-Dokument. Die Platte besitzt bis heute eine rohe Energie und einen direkten Klang, der selbst moderne Produktionen alt aussehen lässt. Die “Rhino”-Neuauflage macht diese Kraft besonders deutlich hörbar. Man erlebt das Album beinahe so intensiv wie während der ursprünglichen Sessions in den “Wessex Studios”.

So bleibt dieses Werk ein Eckpfeiler der Rockgeschichte. Ein Album, das aus wenigen Akkorden, bissigen Texten und kompromissloser Haltung den Lauf der Popmusik veränderte. ´Never Mind The Bollocks Here’s The Sex Pistols´ ist nicht nur eines der einflussreichsten Werke des Punk, sondern einer der größten Klassiker der Rockgeschichte. Viele Songs wurden zu Hymnen einer ganzen Generation. Viele spätere Punk-, Alternative- und Indie-Bands nennen es als entscheidende Inspiration.

Auch Jahrzehnte nach seiner Veröffentlichung besitzt dieses Album eine Energie, die kaum gealtert ist. Gerade in dieser neuen audiophilen Pressung wird deutlich, wie kraftvoll diese zwölf Songs bis heute wirken – und mit einer Wucht, die den Geist des Punk immer noch lebendig hält.

https://www.facebook.com/sexpistolsofficial

 

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